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Großauheimerin baut in Neuseeland Streichinstrumente

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Sohn Lukas und Tochter Clara sind ihr ganzer Stolz. Foto: Privat
Sohn Lukas und Tochter Clara sind ihr ganzer Stolz. Foto: Privat

Großauheim/Neuseeland. Die Großauheimerin Annette Voll hat sich ihren Lebenstraum erfüllt: Sie lebt mit ihrer Ehefrau und den Kindern in Neuseeland und baut dort Streichinstrumente.

Von Christine Semmler

Um so sie über sich erzählt, desto klarer wird: Annette Voll ist eine Frau, die sich ihre Lebensträume verwirklicht hat. Sie lebt mit ihrer Ehefrau und zwei kleinen Kindern in einem Haus am anderen Ende der Welt und verdingt ihren Lebensunterhalt mit einem seltenen Handwerk. Sie baut und repariert Streichinstrumente.

„Als ich 17 oder 18 Jahre alt war, musste mein Cello zur Reparatur zum Geigenbauer“, erinnert sich Annette Voll. Als sie die Geigenbauwerkstatt betrat, war ihr Berufswunsch geboren. Und den setzte sie konsequent in die Tat um.Zunächst in Den Haag gelebtAufgewachsen ist die 46-Jährige mit dem raspelkurzen braunen Haar in einer musikalischen Familie in Großauheim, später in Erlensee. Ihr Abitur hat sie an der Karl-Rehbein-Schule gemacht. „Vor der mündlichen Prüfung hatte ich schon die Aufnahmeprüfung zur Staatlichen Geigenbauschule in Mittenwald bestanden.“ Sie war eine von rund 100 Bewerbern an der oberbayerischen Schule. Und eine von nur zwölf, die für die dreieinhalbjährige Ausbildung zugelassen wurden.Für ihre erste Gesellenstelle zog sie ins holländische Den Haag, wo sie einige Jahre lebte. Hier traf sie eine ehemalige Kollegin aus der Geigenbauschule wieder. „Sie erzählte so begeistert von ihrer Zeit in Neuseeland, dass ich mich dort auch um eine Stelle bewarb“, erzählt Voll.Landleben kennengelernt1996 ging sie ans andere Ende der Welt, bleiben wollte sie ein Jahr. Bei ihrem Arbeitgeber Noel Sweetman, der seine Werkstatt in der Nähe des Ortes Cambridge hatte, lernte sie das neuseeländische Landleben kennen.„Gewohnt habe ich auf dem Grundstück von Noel“, erinnert sie sich. „Dabei war ein altes Wohnmobil mein Schlafzimmer. Küchenecke, ein Sofa, ein winziges Bad waren im Scherschuppen nebenan“, erklärt sie. Sweetman besaß 50 Mutterschafe und seine junge deutsche Mitarbeiterin ließ sich nicht lumpen, ihm bei der halbjährlichen Schafschur zur Hand zu gehen.Ein Drittel lebt im südlichen Teil.„Vor allem in den ersten Jahren bin ich viel durch das Land gereist“, berichtet Voll. Neuseeland teilt sich in eine Nord- und eine Südinsel. Nur ein Drittel der rund 4,5 Millionen Einwohner lebt im südlichen Teil. „Es gibt dort fast keine größeren Städte, nachts sieht man unglaublich viele Sterne und an der Westküste konnte man schonmal den ganzen Tag fahren, ohne einem anderen Auto zu begegnen“, erzählt Voll. Die Neuseeländer hat sie bis heute durchweg als offene und hilfsbereite Menschen erlebt.Sie erinnert sich zum Beispiel gerne an die Werkstattbesitzerin, die sie auf einer ihrer Reisen traf. Während das Auto bei ihr zur Reparatur war, ließ sie die Deutsche und ihre Mitreisende für zwei Tage bei sich wohnen. „Sie bestand darauf, unsere Wäsche zu waschen und wir wurden ihren Freundinnen vorgestellt“, erzählt Voll.Aus den „ein bis zwei Jahren“ wurden siebeneinhalbVor rund 16 Jahren lernte Annette Voll dann ihre heutige Frau Miranda kennen, eine Geigerin. In dieser Zeit bereitete sie sich auf die Meisterprüfung vor, die sie schließlich in Deutschland ablegte. Nach fünfeinhalb Jahren Neuseeland kehrte sie für eine Weile nach Holland zurück: „Miranda wollte ein bis zwei Jahre in Den Haag studieren und weil es mir das erste Mal sehr gut in Holland gefallen hatte, suchte ich mir dort eine Stelle“, berichtet sie. Aus den „ein bis zwei Jahren“ wurden siebeneinhalb. Erst 2009 zogen die beiden zurück nach Neuseeland.Heute leben Annette Voll und Miranda in einem typisch neuseeländischen Holzhaus in Onehunga, einem der ältesten Stadtteile Aucklands. Sie haben eine Zentralheizung. Die meisten Neuseeländer verzichten auf diesen Luxus, weil es so selten kalt ist. Und was macht der Neuseeländer wenn es doch mal Nachtfrost gibt?Hohe Luftfeuchtigkeit„Man zieht mehr Pullover an, hat den Bademantel drüber, eine Wärmflasche auf dem Schoß und wenn's einem dann noch kalt ist, stellt man sich das elektrische Heizluftgerät vor die Beine“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern.Hinzu kommt eine hohe Luftfeuchtigkeit, sie lässt sogar Kleidung und Schuhe im Schrank schimmeln. Hier hat sich Voll dann doch lieber für den „deutschen“ Heizstandard entschieden. Zum Haus gehören neben der Geigenbauwerkstatt auch ein Garten mit Grapefruit-, Zitronen- und Guavenbäumen.In zwei Ozeanen an einem Tag baden„Auckland liegt zwischen zwei Ozeanen. Wenn man möchte, kann man am gleichen Tag im Pazifik und in der Tasmanischen See baden“, sagt sie. Sie liebt die Strände mit weißem oder schwarzem Sand genauso wie den Regenwald, dem „Bush“, mit seinen wunderbaren Wanderwegen. Überall brennt die neuseeländische Sonne unerbittlich. „Sonnencreme fängt hier bei Lichtschutzfaktor 50 an und kann in Ein-Liter-Pumpflaschen gekauft werden“, erzählt sie.2011 hat Annette Voll ihre Lebensgefährtin geheiratet, bald darauf kamen die beiden Kinder. Erst Tochter Clara (dreieinhalb Jahre), dann Sohn Lukas (fünf Monate). Für die Kinder holt die Geigenbauerin auch einige deutsche Traditionen aus der Mottenkiste. Sankt Martin zum Beispiel. Weil es im November erst spät dunkel wird, geht sie im Juni (dem neuseeländischen Winter) mit anderen deutschen Familien Laterne laufen. Der Nikolaus kommt im Dezember ins Haus und an Weihnachten wird der Plastik-Weihnachtsbaum aus dem Karton gekramt.Familie und Freunde fehlenDeutschland selbst fehle ihr nicht, sagt sie, „aber Familie und Freunde“. Auch der öffentliche Verkehr in Deutschland habe was für sich. In Neuseeland benutzt jeder das Auto, „auch für die kleinsten Wege“. Was sie noch vermisst? „Leckere Kartoffeln und richtig gute Laugenbrezeln!“ Das sei doch etwas anderes als „Spaghetti on Toast“, das Leibgericht der Neuseeländer: Spaghetti aus der Dose, auf Toast gegessen.Annette Voll liebt ihren Beruf nach wie vor. „Ich freue mich, wenn ein von mir gebautes Instrument einen Besitzer findet und gespielt wird“, erzählt sie. Etwa 20 Geigen, Bratschen und Celli stammen aus ihrer Werkstatt. „Und es ist immer wieder befriedigend, wenn man bei einem reparierten Instrument meine Arbeit kaum sehen kann und es wieder Musik macht.“ Inzwischen kann sie von ihrer Arbeit sehr gut leben.„Was mir an Neuseeland so gut gefällt, ist, dass man schnell dazu gehört“, sagt sie. Den Grund sieht sie darin, dass es ein junges Land ist und die meisten selbst erst seit höchstens drei Generationen dort leben. Die Neuseeländer seien „auf eine angenehme Art“ stolz auf das Land, stolz auf die Natur. Annette Voll gehört inzwischen ganz dorthin. Neuseeland ist ihr eine neue Heimat geworden.

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