Vorschriften sei dank: Rasul Sorkamarai (links) aus Afghanistan wollte bei Firmenchef Jörg Mistygacz eine Ausbildung zum Fliesenleger machen, musste die Lehre aber wegen fehlender finanzieller Unterstützung für den Ausbildungsbetrieb nach kurzer Zeit wieder beenden. Foto: Thomas Seifert

Hanau

Großauheimer Handwerker muss 25-jährigen Azubi entlassen

Hanau. „Im Handwerk werden überall Fachkräfte gesucht. Ich hatte einen Geflüchteten zur Ausbildung angestellt, musste ihn aber wieder entlassen, da die SOKA-Bau die Übernahme der überbetrieblichen Ausbildungskosten für das erste und halbe zweite Ausbildungsjahr nicht übernimmt.

Von Thomas Seifert

Der Grund: Meine Firma erbringe zu wenig bauliche Leistungen“, beklagt sich Fliesenlegermeister Jörg Mistygacz im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Sozialkassen der Bauwirtschaft (SOKA-Bau) sind ein Dienstleister der Bauwirtschaft, der unter anderem die Finanzierung der Berufsausbildung durchführt.

Doch genau in diesem Punkt weigert sich die SOKA-Bau, beim Fliesenlegermeister Jörg Mistygacz einzuspringen. „Ich habe bis vor einigen Jahren, als der Meister abgeschafft worden ist, ausgebildet. Es hatte keinen Sinn mehr gemacht, quasi die künftige Konkurrenz im eigenen Betrieb auszubilden“, stellte der Firmenchef fest.

Gründe für das Umdenken

„Vom 1. Januar 2020 wird der Meister wieder eingeführt, das war ein Grund für mich, nach einem Auszubildenden zu suchen. Außerdem gibt es im Handwerk einen offensichtlichen und oft beklagten Fachkräftemangel, dem ich etwas entgegensetzen wollte“, nennt Mistygacz zwei Gründe für sein Umdenken. Dass der Lehrling, dem der Fliesenlegermeister dann einen Lehrvertrag gab, ein 25-jähriger Geflüchteter mit sehr guten Deutschkenntnissen war, der seit drei Jahren anerkannt und mit einer Arbeitserlaubnis ausgestattet in Deutschland lebt, kam nach Ansicht des Firmenchefs nur der Forderung nach Integration dieser Menschen von den verschiedensten politischen und berufspolitischen Seiten nach.

„Man muss wissen, dass eine Ausbildung teuer ist. Zum normalen Gehalt von 850 Euro im ersten Lehrjahr kommen etwa 300 Euro an Sozialleistungen hinzu plus weitere 1200 Euro im Monat Kosten für die Lehrbaustelle und die Schule. Die Auszubildenden sind das erste Jahr – bis auf die Ferien – beim Blockunterricht und auf der Lehrbaustelle, erst im zweiten Lehrjahr sind sie dann öfter im Betrieb. Die SOKA-Bau übernimmt normalerweise im zweiten Lehrjahr noch die Hälfte der außerbetrieblichen Kosten, die wegen eines Aufenthaltes in einem Internat bei Fulda auch recht hoch sind“, erläuterte der Geschäftsführer von Bad undamp; Fliesen Mistygacz an der Benzstraße in Großauheim.

Unterschiedliche Auskünfte

Als die Firma nicht mehr ausbildete, hatte Mistygacz die Mitgliedschaft in der SOKA-Bau ruhen lassen, er als Fliesenlegermeister ist beitragsfrei. Als er nun seinen Auszubildenden dort anmeldete, bekam er von verschiedenen Sachbearbeitern unterschiedliche Auskünfte. Eine war, er solle seine drei Mitarbeiter im Verkauf anmelden, dann sei die Finanzierung der Ausbildung des Auszubildenden kein Problem. Mistygacz kam dieser Aufforderung nach, doch mit Schreiben vom 8. Oktober eröffnete ihm die SOKA-Bau, dass er keine Zuwendungen bekomme, weil „zur Teilnahme an den Sozialkassenverfahren der Bauwirtschaft alle Betriebe berechtigt und verpflichtet sind, die – gemessen an der betrieblichen Gesamtarbeitszeit – überwiegend bauliche Leistungen erbringen“. Auf Nachfrage wurde dieses „überwiegend“ mit mindestens 50 Prozent des erwirtschafteten Umsatzes beziffert.

„Wir haben einen großen Verkaufsbereich, verlegen aber auch unsere Fliesen selbst. Wir kommen auf 40 bis 45 Prozent baulichen Umsatz – und das reicht offensichtlich nicht. Verschiedene, von uns um Hilfe gebetene Verbände haben vergebens versucht, bei der SOKA-Bau zu intervenieren – von dieser Seite aus kann uns keiner helfen. Den Auszubildenden musste ich inzwischen entlassen, denn die Schule hat begonnen und er sollte die Chance bekommen, bei einem anderen Betrieb noch in diesem Jahr eine Lehre beginnen zu können. Wir als Betrieb können die Ausbildung ohne finanzielle Hilfe nicht stemmen“, begründete Mistygacz seinen Schritt, der ihm schwergefallen sei, denn der junge Mann „sei genau der Richtige“ gewesen.

Es gibt keine Ausnahmeregelungen

Es gibt keine Ausnahmeregelungen, erfuhr der HANAUER ANZEIGER von der SOKA-Bau, wenn nicht die mindestens 50 Prozent baulichen Leistungen im Betrieb erreicht werden, könne auch die außerbetriebliche Ausbildung nicht finanziert werden. Dort empfahl man dem Firmeninhaber, sich Gedanken um eine betriebliche Umstrukturierung zu machen, sollte er weiterhin die Absicht haben, Auszubildende einzustellen und deren Ausbildung über die SOKA-Bau teilweise finanzieren zu lassen.

Was der Fliesenlegermeister nicht verstehen kann ist, dass über mangelnden Fachkräftenachwuchs geklagt und die berufliche Integration von Flüchtlingen gefordert werde, dann aber solche bürokratischen Hürden den Geflüchteten den Weg in eine Ausbildung versperrten. „Ich bin Meister und darf ausbilden. Ich hätte dem jungen Mann eine Ecke im Betrieb eingerichtet, wo er das Handwerk von mir nach der Zeit auf der Lehrbaustelle gelernt hätte. Und so hängt es nun an der Zahl 50 Prozent Bauleistung, die wir nicht erreichen, dass sich der 25-Jährige nach einer neuen Ausbildungsstelle umsehen muss. Wenn man schon Wert auf die duale Ausbildung legt, dann muss man sie aber auch für alle zugänglich machen und sollte nicht solch hohe finanzielle Hürden aufbauen“, stellte Jörg Mistygacz fest.

Harter Schlag für den Lehrling

Für Rasul Sorkamarai aus Afghanistan war das Ende der kurzen Lehrzeit ein harter Schlag. Der 25-Jährige ist vor sechs Jahren mit seinen Eltern in den Iran geflüchtet und hat dort bereits als Fliesenleger gearbeitet. Weil die Situation für afghanische Flüchtlinge in diesem Land immer schwieriger wurde, kam der junge Mann vor dreieinhalb Jahren mit seiner Frau und einer kleinen Tochter – sie ist inzwischen fünfeinhalb – nach Deutschland. Die Familie hat inzwischen Zuwachs durch einen zweieinhalbjährigen Sohn und eine neun Monate alte Tochter bekommen.

„Ich war drei Tage auf der Lehrbaustelle. Alle waren freundlich zu mir und die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Ich hatte mich darauf gefreut, eine richtige Ausbildung in Deutschland machen zu können“, erzählte Rasul Sorkamarai in nahezu akzentfreiem Deutsch. Wie seine berufliche Zukunft aussieht, weiß der 25-Jährige derzeit nicht. Vielleicht klappt es ja mit einer Lehrstelle als Anlagenmechaniker bei einem Bekannten von Jörg Mistygacz. Der Kontakt ist zumindest schon einmal hergestellt, der Bekannte habe großes Interesse gezeigt und habe alle Voraussetzungen zur Ausbildung.

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