+
Und jetzt bitte mal weit aufmachen: Zahnarzt Dr. Dieter Schaible und seine rund 150 Kollegen im Altkreis Hanau gehen bestens geschützt weiter ihrer Arbeit nach und wollen den Patienten die Angst nehmen.

Größtmöglicher Schutz ist tägliche Routine

Arbeiten mit Mindestabstand null: Zahnärzte in der Region geht's ganz normal weiter

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
    schließen

Für manche Berufe scheint der vorgeschriebene Sicherheitsabstand schwer einzuhalten. So auch für Zahnärzte. Doch was für Auswirkungen hat die Krise auf die Arbeit der Dentisten.

„Keine Lieferengpässe“: Die Praxen sind sowieso alle mit Desinfektionsmitteln bestens ausgestattet – sonst dürften Zahnärzte auch ohne Coronavirus gar nicht arbeiten.

Die Lampe leuchtet, der Mann mit der FFP-3-Schutzmaske lässt den kleinen Spiegel und eine Sonde durch den Mund des Patienten kreisen. „Eins acht – vorhanden, eins sechs – Füllung, zwo acht – fehlt.“ Jeder kennt diese für Laien manchmal kryptischen Ansagen des Zahnarztes zum Gebissstatus – zumindest einmal im Jahr bei der obligatorischen Untersuchung. Ist das derzeit ratsam, seinen Mund zu öffnen? In Zeiten, in denen das Coronavirus wütet und sich – so die Virologen – hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion ausbreitet? Noch dazu muss der Mindestabstand unterschritten werden. 

In der Praxis von Dr. Dieter Schaible in Steinheim läuft der Betrieb, als sei gar keine Pandemie. Die verschiedenen Behandlungszimmer werden im Schema auf dem Bildschirm angezeigt. „Schauen Sie: Das ist ein ganz normaler Tag“, sagt der 52-Jährige und zeigt auf die gelben Smileys hinter den Namen und Daten. Und es lachen viele. „Das sind alles Patienten, die wir heute Vormittag behandelt haben.“ 

Ärzte müssten für ihre Patienten da sein

Ganz unten ist ein roter Smiley mit traurigem Gesicht. „Da ist jemand nicht zum Termin gekommen und hat auch nicht abgesagt.“ War es vielleicht jemand, der ohnehin etwas Angst vor den Zahnexperten mit ihren Bohrern und anderen Instrumenten hat? „Das kann sein, dass einer von ihnen die derzeitige Situation quasi als Ausrede nutzt . . . aber die Zahl ist verschwindend gering. Bei vielen anderen Kollegen ist das genauso“, sagt Schaible, der als Kreisstellen-Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Hessen (KZVH) fungiert und die rund 150 praktizierenden Zahnärzte im Altkreis Hanau vertritt. 

„Natürlich gibt es Patienten, die unsicher sind, ob sie kommen sollen oder nicht, und am Telefon fragen, ob der Zahnarzt denn überhaupt geöffnet sei. Natürlich sind wir das, wir haben einen sogenannten Sicherstellungsauftrag. Das bedeutet, dass wir für unsere Patienten da sein müssen.“ So werde bereits am Telefon der Rezeption versucht, den Menschen die Angst zu nehmen. Die Empfehlung der KZVH ist, wie in anderen medizinischen Disziplinen auch, „alle medizinisch nicht notwendigen Behandlungen zu verschieben“. Doch an dieser Formulierung gibt es viel zu deuteln. 

Mitarbeiterin hat keine Angst

„Man kann darüber diskutieren, ja. Aber fest steht: Zahnschmerzen werden nicht besser, Löcher werden nicht von selbst kleiner.“ Es mache keinen Sinn, Schmerzen zu ertragen und die Situation zu verschlimmern. „Am Ende müssen wir dann viel größere Eingriffe vornehmen“, sagt Schaible und zeigt den Raum, in dem absolute Sauberkeit herrscht. In der Mitte steht der Sterilisator. „Da wir sowieso immer – auch ohne Coronavirus – im höchsten Maße ansteckungsgefährdet sind und etwa mit Speichel oder Blut zu tun haben, sind wir es gewohnt, uns und unsere Patienten zu schützen.“ 

„Keine Angst“: Heidrun Wannemacher sorgt für die Prophylaxe in den Mündern.

Herpes, Hepatitis, HIV, Grippeviren könnten ständig lauern, werden aber gestoppt, denn die jetzt für die Öffentlichkeit verordneten Hygienemaßnahmen sind nur ein Bruchteil dessen, was beim Zahnarzt gängige Praxis ist. Seine Mitarbeiterin Heidrun Wannemacher, die als Prophylaxeassistentin zuständig ist und sich mit Mundschutz und Schutzvisier über ihre Patienten beugt, winkt ab: „Angst? Nein, ich habe keine Angst!“ 

Bei Zahnärzten gibt es null Kompromisse

„Wir desinfizieren, sterilisieren und dokumentieren“, so Schaible. Tägliche Routine. In der Schublade sind alle Instrumente einzeln „eingeschweißt“. Auch der Traubenzucker ist hygienisch verpackt. Traubenzucker beim Zahnarzt? „Na ja, für die Angst-Patienten – da hilft das“, meint er schmunzelnd. 

Doch der hohe Sauberkeitsstandard, beispielsweise in Heimen oder Krankenhäusern, ist seiner Meinung nach auch das „Geheimnis“, weshalb es in Deutschland in der derzeitigen Situation vergleichsweise wenige Todesfälle gibt. Mit Schutzausrüstungen hätten er und seine Kollegen im Kreis bislang kaum Schwierigkeiten gehabt. „Wir sind bereits vorher gut ausgestattet gewesen. Da wir uns selbst versorgen und jeder seine Lieferanten hat, ist es kaum zu nennenswerten Lieferengpässen gekommen.“ Bei Zahnärzten gibt es null Kompromisse. „Ohne die Desinfektion oder beispielsweise eine komplett sterile Schutzausrüstung bei chirurgischen Eingriffen dürfen wir gar nicht arbeiten.“ 

Nur wenige Aspekte deuten in der Praxis auf die Corona-Pandemie hin

Völlig steril: Die Pandemie hat an den Desinfektionsvorschriften nichts geändert.

Die KZVH hat zudem hessenweit ein Netz von „Schwerpunktpraxis“ eingerichtet. Dort können sogar positiv auf das Coronavirus getestete Menschen, solche mit Symptomen oder in Quarantäne lebende Menschen behandelt werden. „Diese Praxen sind von uns komplett mit Vollschutzanzügen wie in einem Virenlabor der Infektionsstufe 2 ausgestattet.“ Im Fall einer Infektion oder eines Verdachts sollte aber zunächst unbedingt der Hauszahnarzt telefonisch kontaktiert werden. Und was ist mit den Prophylaxe-Terminen, den Zahnreinigungen? „Die sind auch sinnvoll, natürlich, denn sonst lagert sich immer mehr Zahnstein ab oder das Zahnfleisch wird geschädigt“, meint der KZVH-Kreisstellenvorsitzende. Hinzu kämen Unannehmlichkeiten für Patienten und Zahnärzte gleichermaßen. „Durchschnittlich behandelt jeder Zahnarzt rund 450 Patienten im Quartal. Würden sich alle Termine in den Herbst verschieben, wäre das nicht zu leisten. Ist das Nachweisheft des Patienten lückenhaft, büßt dieser seinen Bonus ein.“ 

In der Praxis deuten nur wenige Aspekte auf die Corona-Pandemie hin: Eine Plexiglasscheibe an der Rezeption, die Stühle im Wartezimmer stehen weiter auseinander und die Zeitschriften fehlen. Und was ist mit den Patienten? Müssen die etwa . . .? Die Frage ist noch gar nicht fertig, da grinst Dr. Schaible bereits: „Ach, kommen Sie! Wenn die Patienten Mundschutz tragen, komme ich ja nicht an die Zähne dran.“

Das könnte Sie auch interessieren