So schön kann Mode sein: Ulknudel und Multi-Instrumentalist Helge Schneider kommt wieder in legendärem Outfit ins Amphitheater. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Grenzgänger und Grenzensprenger - Helge Schneider im Amphitheater

Hanau. Wen interessiert schon, dass die „Omma“ die Vorhänge mit der Wäscheklammer beiseiteklemmt, damit die Katze aus dem Fenster schauen kann? Oder dass der Komet Pickel hat, der die Erde zu zerstören droht?

Von Jutta Degen-Peters

Die 1300 Zuschauer, die am Dienstagabend im Amphitheater saßen, fanden diese Enthüllungen atemberaubend – wie alles andere, was Helge Schneider an diesem Abend von sich gab. Gequirlter Unsinn, sagen die, die nichts mit dem schrägen Multitalent anfangen können, geniale Komik finden seine Fans.

Wer zu den Anhängern gehört, und das sind Alte wie Junge gleichermaßen, der lässt sich von Anfang an hineinfallen in die Wanne der Banalitäten und Skurrilitäten, die Helge ihnen da einlässt. Denn der Meister, der in brauner Bügelfaltenhose überm rosafarbenen Hemd mit weißem Sakko und karierter Wollkrawatte bei 35 Grad Hitze auf der Bühne erscheint, lebt bei jedem Auftritt vor, dass man keine Angst haben sollte. Nicht vor Grenzen, nicht vor Menschen und schon gar nicht vor Mainstream, Trends und aktuellen Vorlieben.

Guter Geschmack, Mainstream, Ernsthaftigkeit – was ist das?

Das Grenzensprengen ist die Spezialität des 63-Jährigen, der morgen 64 wird. Grenzen des guten Geschmacks in Mode, Thematik, Erwartungshaltung und der Musik – was soll das sein? Sätze formulieren, die einen Sinn ergeben? Völlig überflüssig. Zeigen, dass man musikalisch genial unterwegs ist? Auch das sollte tunlichst vermieden und in allerhand Klamauk verkleidet werden.

Helges Parodien sind legendär: der französische Chansonnier, den er mit einer Aneinanderreihung als typisch französisch erachteter Laute wiedergibt, der Entertainer, der mal geschmeidig, mal affektiert über die Bühne tänzelt, der Tänzer, der vor Selbstverliebtheit strotzt. Keine Bewegung ist zu albern, keine Mimik zu abgefahren und kein Ton zu schräg, als dass ihn Schneider nicht im Programm hätte.

Genialer Jazz-Musiker und Multi-Instrumentalist

Dabei weiß nicht nur seine Fangemeinde, dass Schneider ein genialer Musiker ist, der besonders im Jazz zu Hause ist, aber auch die Rockschiene gerne bedient. Zwar muss sie am Dienstagabend bis zur zweiten Halbzeit warten, um Helge und seine Band mit etwas längeren Musikstücken zu erleben.

Doch einige Soli von Helge am Klavier, kurze Einlagen von Carlito aus Caracas („Caracas ist nicht die gefährlichste Stadt, das ist Hanau“, witzelt Schneider und weiß vielleicht nicht, dass er da einen ganz wunden Punkt anschneidet) gibt es schon.

Schneider mag Hanau und witzelt darüber

Eigentlich mag der Komiker, Entertainer, Regisseur und Autor die Stadt. Vor zwei Jahren war er erst hier und erinnert sich noch bestens dran, dass das Amphitheater in der Einflugschneise des Flughafens liegt. Die Kamille für den Tee, den er sich im Laufe der Vorstellung immer wieder von seinem Faktotum Bodo (in roter Zirkus-Livree) servieren lässt, hat er an der A66 nach Hanau gepflückt.

Auch schwadroniert er darüber, dass in „Ha-ha-ha-ha-Hanau“ die Hundekacktüten am Zaun hängen (wo immer der Mann aus Mülheim an der Ruhr das erspäht haben mag). Vermutlich nirgendwo, und die Geschichte ist genauso seiner überbordenden Fantasie entsprungen wie die Mär von Ringo Starr, dessen Mails er mit einem Spam-Filter einen Riegel vorgeschoben hat, der wiederum Helge Schneiders Adresse vom Papst bekam, mit dem Schneider mal Ski laufen war.

Publikum amüsiert sich köstlich

Am Hanauer Publikum, mit dem er eigentlich zufrieden ist, hat er dann doch einiges auszusetzen. „Das ist aber eine schwerfällige Gesellschaft“, murmelt der Meister des Quatschs, als zu Beginn die Zuschauer noch tröpfelchesweise eintrudeln. Also verlässt Helge mit seiner Band erst noch einmal die Bühne. Das Pärchen, das sich danach verspätet, muss sich die Bemerkung gefallen lassen, dass die Dame wohl erst noch ihr Batikkleid trocknen lassen musste.

Das Programm, mit dem Helge unterwegs ist, nennt sich übrigens „Pflaumenmus“, hätte auch „ein Kessel Buntes“ heißen können. Neben einigen neuen Songs hat er zur Freude seiner Fans auch „Ich bin der Partypeople“ mitgebracht und stimmt „Katzenklo“ zumindest an. Das Publikum greift den Song gleich auf und übernimmt.

Hervorragende Begleitband

Zum festen Repertoire Schneiders, der mittlerweile auch mit dem Karl-Valentin-Preis geehrt wurde, gehört nach wie vor auch „der Virtuose“ Sergej Gleithmann. Viel Gage kann der Ärmste kaum kassieren. Nicht nur, dass er im ausgebeulten Jackett, in zerlöcherter Hose und fleckig-speckigem T-Shirt auftreten muss. Der rotnasige Greis kann offenbar auch seinen Geigenbogen nicht reparieren. Entsprechend sind die Töne, die er seinem Instrument entlockt.

Virtuos auf andere Art und Weise sind Henrik Freischlader an der E-Gitarre, Pete York an den Drums sowie Ira Colemann (Bass). Auch deshalb, weil sie sich immer wieder zurücknehmen und dem großen Meister seinen Spaß gönnen. Den scheint er nach wie vor zu haben. Und das Publikum ebenfalls, das sich als Zugabe das Lied von Susi, Susi erklatscht. Die Frage, ob sie sich bei Helge Schneider der Prüfung unterziehen, wie viel Unfug sie für ihr Geld noch aushalten wollen, verbietet sich dabei von selbst.

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