Dürfen auf Antrag dauerhaft kostenfrei bestehen bleiben: die Gräber der Sinti und Roma, die den Holocaust überlebten. Auf Initiative des hessischen Landesverbands der Deutschen Sinti und Roma hatte die Stadt ihre Friedhofssatzung entsprechend geändert. Dafür erhielt sie nun Lob vom Landesvorsitzenden Adam Strauß (Zweiter von rechts). Mit ihm auf dem Hauptfriedhof waren (von rechts): Stadtrat Andreas Kowol, Friedhofsleiterin Alexandra Kinski, Jara Kehl, Mitarbeiterin beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, sowie HIS-Betriebsleiter Markus Henrich. Foto: PM

Hanau

Grabstätten NS-verfolgter Sinti und Roma bleiben erhalten

Hanau. Die Grabsteine tragen die Familiennamen Delis, Reinhardt, Gueffroy, Kirst, Siek, Steinbach und Weiss. Es sind Grabstätten von Sinti und Roma, die den Holocaust überlebt haben. Sie dürfen auf Antrag dauerhaft kostenfrei bestehen bleiben und werden nicht eingeebnet. Das sichert die Stadt Hanau vorbildlich zu

Das bestätigten Landesvorsitzender Adam Strauß und Jara Kehl, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, nun bei einem Besuch von Stadtrat Andreas Kowol und dem für Friedhöfe zuständigen Leiter des Eigenbetriebs Hanau Infrastruktur Service (HIS), Markus Henrich.

Der Zentralrat würdigt die Vorreiterrolle Hanaus im jüngsten Band seiner Schriftenreihe, in der die seit 2004 andauernden Bemühungen des Zentralrats um den bundesweiten Erhalt der Grabstätten dokumentiert werden. Strauß hob beim jetzigen Besuch des Hauptfriedhofs hervor, dass Hanau den Sinti und Roma als Verfolgten des NS-Regimes entgegengekommen sei, lange bevor Hessen 2014 eine Rahmenvereinbarung mit dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma getroffen habe. Kehl ergänzte, dass Bund und Länder „nach langjährigen Verhandlungen“ im Dezember 2016 einen endgültigen Beschluss zum Ruherecht für die bundesweit rund 2600 Grabstätten der im NS verfolgten Sinti und Roma gefasst haben.

Kulturellen IdentitätDiese „historische Entscheidung“ bedeute, dass Bund und Länder sich die Kosten künftig hälftig teilen wollen. Derzeit werden die Einzelheiten der Regelung im Rahmen einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter Einbeziehung der kommunalen Spitzenverbände abgestimmt. „Uns ist bekannt, dass dauerhafter Erhalt und Pflege der Grabstätten von NS-Opfern für Sinti und Roma ein wichtiger Teil ihrer kulturellen Identität sind“, sagte Kowol.

Der Stadt Hanau sei sich ihrer Verantwortung für den Schutz einer Minderheit bewusst, deren Kultur zu wahren Gesetzesauftrag sei. Unabhängig davon gebiete es die deutsche Geschichte der Jahre 1933 bis 1945, den Sinti und Roma als Holocaust-Opfer gebührend zu gedenken. Damit habe sich Deutschland „leider lange ziemlich schwer getan“.

Völkermord an über 500 000 Sinti und RomaKowol erinnerte daran, dass bereits seit März 1999 auf Initiative des Landesverbands der Sinti und Roma eine Gedenktafel am Historischen Rathaus an die deportierten und ermordeten Hanauer Sinti und Roma erinnert. Insofern sei die Brüder-Grimm-Stadt auch in diesem Zusammenhang „früh sensibel und geschichtsbewusst“ gewesen. Die Gedenktafel hat folgenden Text: „Unter dem nationalsozialistischen Gewaltregime wurden auch in Hanau Sinti und Roma schuldlos und einzig wegen ihrer Zugehörigkeit zur ethnischen Minderheit gedemütigt, gequält und verfolgt.

Im März 1943 wurden Hanauer Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, die meisten wurden dort ermordet. Insgesamt fielen dem Völkermord 500 000 Sinti und Roma zum Opfer.“ Adam Strauß bestätigte, dass die Zusammenarbeit mit Hanau „eng und vertraut“ sei. Davon zeuge ein 2006 geschlossener Vertrag zwischen der Stadt und dem Landesverband der Sinti und Roma. Darin heißt es unter anderem, dass beide Partner „zur Pflege ihrer Beziehungen regelmäßige Begegnungen anstreben“.

Grabstein zum GedenkenDie Brüder-Grimm-Stadt sei im vorigen Herbst eine der drei Stationen des Landesverbandes der Sinti und Roma für Informations- und Kulturabende gewesen, sagte Strauß weiter. Dabei war im Nachbarschaftshaus Tümpelgarten die neue mobile Ausstellung „Der Weg der Sinti und Roma“ zu sehen; zudem gab es eine Lesung von Zeitzeugenberichten der NS-Verfolgung.

Henrich erläuterte, dass die Stadt keine Grabpflege übernimmt, solange nutzungsberechtigte Angehörige das erledigen. Ist dies künftig nicht mehr der Fall, verbleibt der Grabstein zum Gedenken, während die Grabstätte eingesät wird. Bei den vorhandenen Gräbern ist eine Beilegung gestattet. Dafür ist eine anteilige Nutzungsgebühr für den Zeitraum der 20-jährigen Ruhefrist zu zahlen, anschließend greift das dauerhafte Grabrecht. (kwo)

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