Geschichte erforscht: Historiker und Initiatoren der Geschichtsaufarbeitung mit dem jetzt fertiggestellten Buch: Michael Bermejo, Dr. Andrea H. Schneider-Branberger, GfGK-Präsident Hartwig Rohde und Geschäftsführerin Dr. Christianne Weber-Stöber.Foto: Reinhold Schlitt

Hanau

Goldschmiedegesellschaft hat NS-Vergangenheit erforschen lassen

Hanau. Das Deutsche Goldschmiedehaus am Altstädter Markt gehört bekanntlich zu den bedeutendsten Ausstellungsorten der Gold- und Silberschmiedekunst in Deutschland. Der einstige Werbeslogan „Hanau – Stadt des edlen Schmuckes“ war untrennbar mit diesem Haus verbunden.

Von Reinhold Schlitt

Doch die Tatsache, dass die Umwidmung des Altstädter Rathauses zu eben diesem Goldschmiedehaus im Jahr 1942 auf gute Beziehungen von Goldschmieden zu führenden politischen Persönlichkeiten im Nationalsozialismus zurückging und von diesen gefördert wurde, scheint vielen Besuchern weit weniger präsent zu sein.

Die Gründung des Goldschmiedehauses gilt als Teil der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst (DGfGK), die 1932 in Berlin ins Leben gerufen wurde und von Anfang an auf Nähe zum späteren NS-Regime setzte. Jetzt haben sich die Verantwortlichen der heutigen Gesellschaft für Goldschmiedekunst (GfGK) entschlossen, die Verbandelung früherer Repräsentanten mit dem NS-Regime aufarbeiten und dokumentieren zu lassen.

Forschungsergebnisse veröffentlicht

Im Goldschmiedehaus, seit 1985 Sitz der Gesellschaft, stellten die Wissenschaftler Michael Bermejo und Dr. Andrea H. Schneider-Braunberger am Dienstagabend ihre Forschungsergebnisse vor – veröffentlicht in dem Buch mit dem Titel „Das goldene Netzwerk – Die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst in der Zeit des Nationalsozialismus“.

Begleitet wurde das Vorhaben von Anfang an durch die Deutsche Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG). Sie fungiert bei Forschungsprojekten dieser Art als Mittler zwischen Wissenschaft und Praxis und organisiert zudem eigene wissenschaftliche Symposien.

Die Geschichte des Goldschmiedehauses spiegelt sich in der teils dunklen Geschichte der Gesellschaft für Goldschmiedekunst wider. Foto: Reinhold Schlitt

Angestoßen und finanziert wurde die Forschungsarbeit freilich durch die Gesellschaft für Goldschmiedekunst selbst. Dort zählt deren Geschäftsführerin Dr. Christianne Weber-Stöber, Leiterin des Goldschmiedehauses, zu den Initiatoren der Aufarbeitung dieses dunklen Teils der Organisationsgeschichte. Anlass war nach Angaben der GfGK die Weigerung des international renommierten Schweizer Goldschmieds Bernhard Schobinger im Herbst 2016, sich mit dem Goldenen Ehrenring der Gesellschaft auszeichnen zu lassen, weil unter den bisherigen Ehrenringträgern auch solche mit ehemals engen Beziehungen zur NS-Führungsriege gewesen seien, und auch die Gesellschaft selbst eng mit dem NS-Regime verwoben war.

Der Historiker Michael Bermejo berichtete in der Veranstaltung über die schwierige Quellenlage zur NS-Vergangenheit der DGfGK. Das Archiv im Goldschmiedehaus sei mit dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg untergegangen. Die in der Forschungsarbeit zusammengetragenen Fakten und Belege ließen sich nur in anderen öffentlichen Quellen, darunter aus Akten der Reichskanzlei in Berlin, des Amtsgerichts sowie der Finanz- und Justizbehörden oder des Stadtarchivs in Hanau, recherchieren. Bermejo sagte unserer Zeitung: „Solche Probleme tun sich auch bei anderen Forschungsobjekten auf. Vor diesem Hintergrund wäre es auch hier wünschenswert gewesen, noch weiter forschen zu können, was jedoch wegen der nur knappen Finanzmittel nicht möglich gewesen ist.“

Bedeutung guter Beziehungen

Das Buch befasst sich eingangs mit der schon erwähnten Gründung der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst (DGfGK) im Jahr 1932 in Berlin, mit ihren Zielen und ihrer frühen Einbindung in die NS-Kulturpolitik. Die Historiker fanden Belege, wonach es die Idee der Gesellschaftsgründung schon vor 1932 gab. Bereits in den 1920er Jahren habe der Berliner Goldschmied und Juwelier Ferdinand Richard Wilm sich mit derartigen Gedanken getragen. Wilm hat selbst in den Jahren 1903 und 1904 an der Zeichenakademie in Hanau studiert und wird in seiner politischen Ausrichtung als eher monarchistisch geprägt beschrieben. Er sei im Umgang mit Herrscherhäusern geübt gewesen, heißt es.

Der Gründungszeitpunkt der DGfGK kurz vor Beginn der NS-Herrschaft offenbart für die Autoren „ein strategisches Manöver, vor dem man den Hut ziehen kann“. Wilm habe um die Bedeutung guter Beziehungen und lukrativer Geschäfte mit diesen Kreisen gewusst. Aufschlussreich werden auch die Beziehungen zwischen führenden NS-Politikern, darunter Hermann Göring, und der DGfGK sowie die Kontinuität der Zusammenarbeit mehrerer Gesellschaftspräsidenten mit dem NS-Regime dargestellt. Gezeigt wird, wie sehr in der DGfGK zusammengeschlossene Goldschmiede von Auftragsvergaben und Sondergenehmigungen durch die Nationalsozialisten profitierten.

Enge Verbindung

Im Kontext der gönnerhaften Beziehungen der Goldschmiedegesellschaft zu höchsten NS-Repräsentanten wird auch die Gründung des Goldschmiedehauses hier in Hanau behandelt, „die ohne den direkten Draht (zum NS-Regime) und die schnelle und vor allem für das NS-System auffällig unbürokratische Hilfe von oben kaum realisierbar gewesen“ wäre, wie es in dem Buch heißt. Ferdinand Richard Wilm war auch hier die treibende Kraft. Der damalige Hanauer Oberbürgermeister Friedrich Müller-Starke sei schnell überzeugt gewesen.

Das Arbeitsamt habe damals – angewiesen vom Chef der Reichskanzlei in Berlin – den dafür notwendigen Umbau des Gebäudes durch die Beschaffung von Arbeitskräften unterstützt: „Inmitten des Zweiten Weltkriegs Arbeitskräfte für Restaurationsarbeiten zu erhalten, die sonst ausschließlich kriegsrelevanten Produktionen vorbehalten waren, zeigt die enge Verbindung von Wilm, DGfGK und NS-Führung“, folgern die Autoren Bermejo und Schneider-Braunberger.

Sonder-Postkarte spendiert

Bermejo erwähnte bei der Buchvorstellung auch, dass eine eigens für den Betrieb des Goldschmiedehauses gegründete Gesellschaft auf persönliche Veranlassung von Adolf Hitler hin mit einer Zuwendung von 50 000 Reichsmark bedacht wurde. Die Hanauer Bevölkerung hatte das Haus seinerzeit sehr gut angenommen. Allein in den ersten vier Wochen nach Eröffnung am 18. Oktober 1942 habe man 20 000 Besucher gezählt, wie die örtliche und regionale Presse zu berichten gewusst habe.

Das Reichspostministerium spendierte zur Eröffnung eine Sonder-Postkarte mit der Abbildung des Goldschmiedehauses. Das Buch beschäftigt sich schließlich mit den letzten Jahren der DGfGK im „Totalen Krieg“ und mit der Frage „Kontinuität oder Neuanfang?“ Erwähnt hatten die Autoren, dass es, wie in vielen anderen Fällen, nach dem Zweiten Weltkrieg für die Verantwortlichen der Goldschmiedekunst-Gesellschaft praktisch „keine Stunde Null“ gegeben habe. Die Gesellschaft sei nach ihrer damaligen Verlegung nach Hamburg „nicht aufgelöst und anschließend neu gegründet, sondern nur umbenannt“ worden. Das „Deutsche“ sei aus dem Organisationsnamen getilgt worden.

Das Buch

„Das Goldene Netzwerk – Die Deutsche Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus“, Doppelausgabe deutsch/englisch; 20 Euro; 336 Seiten, Hardcover; Societäts-Verlag Frankfurt 2019, ISBN: 9783 9554 2361 2 (In Kürze im Buchhandel).

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