Schirmherr Bundespräsident Theodor Heuß (rechts) ‧besuchte im April 1958 das Deutsche Goldschmiedehaus. Foto: HA-Archiv

Hanau

Glanz für Hanau: Goldschmiedehaus feiert 75-jähriges Jubiläum

Hanau. Das Goldschmiedehaus blickt auf eine lange Geschichte zurück: Einst war es das Altstädter Rathaus, das unter den Nazis zur Goldschmiede umgebaut wurde und schließlich den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel. Nun wird das identitätsstiftende Haus 75 Jahre alt. Grund zum feiern, gibt es aber nicht nur deswegen.

Von Werner Kurz

„Hanau – Stadt des edlen Schmucks“ – noch bis in die 1960er Jahre warb ein Sonderstempel mit diesem Slogan auf jeder Postsendung, die hier in den Kasten geworfen wurde. Man war nicht wenig stolz in der Stadt auf dieses Prädikat, denn das Dreigestirn aus Staatlicher Zeichenakademie, Deutschem Goldschmiedehaus und einer Vielzahl von Manufakturen gehörte in weiten Kreisen der Bürgerschaft zur Hanauer Identität. Doch irgendwann ist der Slogan ganz still und leise aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Hanau wurde zur „Brüder-Grimm-Stadt“, nicht ganz ohne Berechtigung, und als städtischer Slogan kursierte Ende des Jahrhunderts „Hanau – mein lieber Schwan!“, was schon fast wie eine Drohung daherkam. Oder „Hanau – mainaufwärts“, was böse Zungen als Aufforderung verstanden, einmal nach Alzenau oder Aschaffenburg zu blicken, wo am „Schwanzhaar des bayerischen Löwen“ manches dynamischer angepackt wurde, Stichwort Wirtschaftsförderung oder Theaterneubau.

Einschlägige EinrichtungenDoch in der „Goldschmiedestadt“ gibt es bis heute Konstanten, die für eine jahrhundertelange Tradition und eine lebendige Gegenwart dieses Metiers stehen. Auch heute, nachdem viele Manufakturen mit teilweise mit sehr langer Geschichte im letzten Jahrhundertdrittel die Pforten geschlossen hatten, ist dies wiederum ein Dreigestirn. Zwar fehlt der Wirtschaftsfaktor Gold- und Silberwarenproduktion in Hanau heute fast gänzlich, doch sind es drei andere einschlägige Einrichtungen, die indes eher den weichen – wenngleich nicht weniger wichtigen – Standortfaktoren zuzurechnen sind.

Es sind dies die 1772 in einer Art Bürgerinitiative angeregten und von Erbprinz Wilhelm von Hanau, dem nachmaligen Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen-Kassel gegründete Zeichenakademie, die 1932 gegründete Gesellschaft für Goldschmiedekunst (GfG) und das 1942 eröffnete Deutsche Goldschmiedehaus. Es gilt also in diesem Jahr gleich drei, wenn auch nicht durchweg „runde“ Jubiläen zu feiern: 245 Jahre Akademie, 85 Jahre GfG und 75 Jahre Deutsches Goldschmiedehaus.

Verbindung von Altstadt und NeustadtLetzteres ist das jüngste Kind der Hanauer Goldschmiedetradition. Seiner ursprünglichen Funktion entsprechend wird es von „alten Hanauern“ noch immer als Altstädter Rathaus bezeichnet, doch als Deutsches Goldschmiedehaus spielt es heute auf internationalem Parkett, wenn es um die Präsentation von aktueller und historischer Schmuckkunst geht. Mit ihm historisch und organisatorisch eng verbunden ist die Gesellschaft für Goldschmiedekunst, die das Haus 1942 initiierte, dort seit 1985 ihren Sitz hat und seit über zehn Jahren das Haus auch „bespielt“.

Das relativ große Gebäude, Zeugnis des Selbstbewusstseins einer Stadtgesellschaft im 16. Jahrhundert, wurde 1537/38 errichtet und war fast 200 Jahre lang das einzige Hanauer Rathaus, denn die Neustadt bekam erst um 1730 das dann entsprechend „Neustädter Rathaus“ genannte Gebäude. Im frühen 19. Jahrhunderts wuchsen Altstadt und Neustadt Hanau zusammen und die Behörden zogen in das Neustädter Rathaus. Das Haus am Altstädter Markt wurde bis 1851 als Gerichtsgebäude, dann etwa 25 Jahre lang als Schulhaus der Mittleren Knabenbürgerschule genutzt. Dann stand es mehr oder weniger leer.

Einst das Altstädter RathausDer Hanauer Geschichtsverein richtete Ende des 19. Jahrhunderts ein Museum für seine wachsenden Sammlungen ein, wobei die Wiederherstellung der historischen Fachwerkfassade nach den 1898 im Staatsarchiv Marburg entdeckten Originalplänen einen besonderen Akzent setzten. Diese Nutzung als Geschichtsvereinsmuseum endete jedoch ziemlich abrupt nach fast 40 Jahren.

Aus dem Altstädter Rathaus wurde nämlich mitten im Krieg, 1942, das Deutsche Goldschmiedehaus. Darüber kann man sich durchaus wundern, denn man hatte ja in Deutschland damals doch sicher andere Sorgen, als dem Goldschmiedehandwerk, wenn auch in der „Stadt des edlen Schmucks“, ein eigens Haus einzurichten. Die Idee kam denn auch nicht aus Hanau, sondern aus der Reichshauptstadt, und sie kam von Hofjuwelier Ferdinand Richard Wilm. Dieser hatte enge Bindungen zu Hanau, wo er einige seiner „schönsten sorgenfreien Jahre studienhalber auf der Akademie verbracht hatte“.

Gründung der GfG durch WilmEr hatte 1932 die „Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst“ mitgegründet, die sich als Vereinigung hervorragender Gold- und Silberschmiede und Schmuckgestalter verstand und neben der Pflege alter Handwerkstradition eine Aufgabe in der Ausrichtung qualitativ hochrangiger Ausstellungen sah. Schon seit Anfang der 1930er Jahre gab es Pläne für ein „Haus der deutschen Goldschmiede“, aber erst 1942 war es soweit.

Bei Wilm, der öfter in Hanau geschäftlich zu tun hatte, liest sich das so: „Mein Rückweg führte mich am Heimatmuseum, dem Altstädter Rathaus vorbei. Während mich früher an dem alten schönen Fachwerkbau nur die architektonische Seite faszinierte, zog es mich an diesem Tage an, mich mit seinem Inhalt vertraut zu machen. Ich betrat das alte Rathaus und fand zu meinem Entsetzen eine vollständig verwahrloste, verstaubte Sammlung vor, die fern von Pflege und Bewunderung war. Voller Pläne und kühner Gedanken verließ ich dieses verstaubte Gerümpel und dachte mir, wie schön würde sich ein mittelalterlicher Bau zu einem Goldschmiedehaus eignen und wie könnte es für die 'Goldstadt' ein Mittelpunkt für den ganzen Beruf der Goldschmiede sein!“

Projekt stieß bei Nazis auf fruchtbaren BodenSchneller, als man es angesichts der damaligen kriegerischen Zeitumstände erwartet hätte und reibungsloser, als das angesichts aktueller Bauvorschriften heute möglich wäre, ging das Werk vonstatten. Die Stadt war Hauseigentümer; dem Plazet des Oberbürgermeister Müller-Starke stand also nichts im Wege, zumal, da der damalige Bürgermeister und eigentliche starke Mann im Rathaus, Walter Junker, das Projekt begeistert aufnahm.

Der stramme Nazi hatte sich schon seit Jahren für die Freilegung des Fachwerks in der Hanauer Altstadt stark gemacht. Fachwerk galt als besonders „deutsch“, und so fielen die Pläne eines „Deutschen“ Goldschmiedehauses hinter dem Fachwerk des Altstädter Rathauses auf fruchtbaren Boden. Dass man damit den Geschichtsverein seines Domizils, die Stadt ihres Historischen Museums beraubte, war kein Hindernis. Schließlich war der Verein „gleichgeschaltet“ und Junker sein „Führer“. Die Museumssammlungen wanderten eben ein paar Häuser weiter ins Stadtschloss.

Vorgeschmack auf den BombenkriegAnfang April 1942 bekamen die Hanauer einen ersten Vorgeschmack auf den kommenden Bombenkrieg. Air Marshal Arthur Harris, Chef des britischen Bomber Command, hatte die deutschen Städte zu militärischen Zielen erklärt und Hanau erlebte am 2. April einen ersten Angriff. Noch waren die Schäden gering und ungeachtet segnete auch der Hanauer Magistrats Anfang Mai das Projekt ab.

Schon am 18. Oktober 1942 konnte das Deutsche Goldschmiedehaus eingeweiht werden. Dies wäre allerdings nicht möglich gewesen ohne einen weiteren Akteur: Hermann Esser, ein „alter Kämpfer“ und Weggefährte Hitlers in der Münchner Kampfzeit. Er war Staatssekretär im Reichspropagandaministerium des Herrn Goebbels, fungierte als Präsident des Reichstages und – als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst. In deren Präsidium saß auch Emil Lettré, der wiederum 1933 mit der Leitung der Hanauer Zeichenakademie betraut wurde.

Kriegslage beeinträchtigte die ProduktionNachdem dort Leute wie Hugo Leven oder Reinhold Ewald entfernt worden waren, sollte Lettré die Schule nach nationalsozialistischen Vorstellungen zu einer „Meisterschule des Edelmetallhandwerks“ umgestalten. So war denn auch die Zeichenakademie von Anfang an mit im Boot. Und: Ferdinand Richard Wilm, als großer Netzwerker vor dem Herrn gut eingebunden in das System, war ein persönlicher Freund des Reichspostministers Ohnesorge. So begleiteten Sonderbriefmarken, Sonderstempel und Sonderpostkarte die Eröffnung des Hauses.

Auch wenn solche personellen Konstellationen einem Projekt wie dem Deutschen Goldschmiedehaus natürlich sehr förderlich waren, so kochte das Haus angesichts der sich verschärfenden Kriegslage eher auf Sparflamme. Zwar ging es in den Eröffnungsreden um große Pläne für die Zukunft: Nationale und internationale Ausstellungen, den Aufbau eines Goldschmiedearchivs und einer Fachbibliothek, die Etablierung einer wissenschaftlichen Forschungsstelle für die Techniken des Goldschmiedens und die Einrichtung von Meisterwerkstätten.

Hanau und das Goldschmiedehaus in TrümmernAuch ein Erweiterungsbau wurde schon 1942 ins Auge gefasst. Der sollte jedoch erst nach dem „Endsieg“ nach dem Weltkrieg angegangen werden, der nun schon drei Jahre dauerte. Gut zwei Jahre später lag nicht nur das Dritte Reich in Trümmern, sondern nach dem 19. März 1945 auch Hanau mitsamt dem Deutschen Goldschmiedehaus. Stehengeblieben von dem repräsentativen Bauwerk waren nur die beiden Seitengiebel.

Nun gab es in der fast restlos zerstörten Stadt nach dem Kriegsende beileibe andere Probleme, als den Wiederaufbau des Altstädter Rathauses oder gar die Wiedereinrichtung des Deutschen Goldschmiedehauses. Auch wenn es ein Kind des Nationalsozialismus war, so hatte es das Goldschmiedehaus doch sehr schnell im Bewusstsein der Hanauer Stadtbevölkerung zu hohem Stellenwert gebracht.

Keine nachträgliche DiskreditierungAuch das zerstörte Hanau war noch immer die Stadt des edlen Schmucks. Und trotz der Initiierung und Instrumentalisierung durch das NS-System war das Deutsche Goldschmiedehaus überraschenderweise in der Hanauer Öffentlichkeit keineswegs diskreditiert. Mit anderen Relikten der Nazizeit und selbst mit „unbelasteten“ Gesichtszeugnissen ging man damals auf dem Weg in den Wiederaufbau weniger zimperlich um. Jedenfalls wurde das Deutsche Goldschmiedehaus, wenn auch nicht gleich, so doch sehr bald wieder aufgebaut.

Den Spagat zwischen Bewältigung der Nazi-Vergangenheit und der Identität der Goldschmiedestadt schaffte vor allem ein Mann: Karl Rehbein. Der gelernte Goldschmied war engagierter Gewerkschafter, preußischer Landtagsabgeordneter und erklärter Nazi-Gegner. Von den Machthabern seiner Existenz beraubt, lebte er mit seiner Familie in jämmerlichen Verhältnissen und wurde bei Kriegsbeginn interniert. Er überlebte die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau und wurde nach dem Krieg zunächst Polizeidirektor in Hanau, dann 1946 erster gewählter Nachkriegsoberbürgermeister.

WiederaufbaupläneFür Rehbein war das Altstädter Rathaus eines der großen symbolischen Gebäude der Stadt, deren Wiederaufbau den Überlebenswillen der Hanauer bezeugen sollte. Er wollte zugleich demonstrieren, dass die Vereinnahmung der Goldschmiedekunst durch die Naziideologie kein unüberwindbarer Bruch in der Tradition des Hanauer Edelmetallgewerbes sein musste. Das Haus wies also in beide Richtungen und erlangte dadurch eine von Rehbein vielleicht so gar nicht beabsichtigte Symbolkraft.

1950 tritt denn auch wieder ein alter Bekannter auf den Plan: F. R. Wilm, er war weiterhin Präsident der Gesellschaft für Goldschmiedekunst. Es gab also durchaus eine personelle Kontinuität in der inzwischen in Hamburg residierenden Gesellschaft, auch wenn man inzwischen auf das Prädikat „Deutsche“ verzichtet hatte. Rehbein hatte Wilm nach Hanau eingeladen, um ihn für die Wiederaufbaupläne zu gewinnen. Wilm, durchaus von Rehbeins Plänen angetan, war auch im „neuen“ Deutschland gut vernetzt und mit dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuß gut befreundet. Es gelang ihm, das Staatsoberhaupt für den Wiederaufbau des Goldschmiedehauses zu interessieren.

Enttrümmerung des GrundstücksIm März 1952 schrieb Wilm an Rehbein: „Es ist mir durchaus vertraut, was Hanau an Tradition und immer wieder erneuter frischer Schöpferkraft in dem Bezirk der Gold- und Silberschmiedearbeit und des edlen Schmuckes bedeutet hat. (…) was in Jahrhunderten an good-will und an spezifischem Können erworben wurde, muss auch in den bedrängten Zeiten erhalten werden. (…) Darin sehe ich den inneren Sinn des Versuches, das Goldschmiedehaus nicht nur äußerlich wieder herzustellen, sondern eine innere Sinngebung zu vertiefen.“

Doch so reibungslos wie bei der Einrichtung 1942 ging der Wiederaufbau im nun demokratischen Deutschland nicht vor sich. Es dauerte bis September 1954, bis die Enttrümmerung des Grundstücks am Altstädter Markt begann, im Februar 1955 konnte Richtfest gefeiert werden. Aber dann taten sich Finanzierungsprobleme auf und der Baufortgang stockte. Am, 3. März 1956 starb Karl Rehbein. Er konnte die Vollendung seines Projekts nicht mehr erleben.

NeueröffnungErst am 19. März 1958, dem 13. Jahrestag der Bombennacht, wurde dann schließlich das Goldschmiedehaus in einem großen Festakt in der Stadthalle seiner Bestimmung übergeben. Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn war an diesem Tag der Festredner. Der Bundespräsident kam am 29. April 1958 nach Hanau um das von ihm geförderte Projekt „Deutsches Goldschmiedehaus“ zu besuchen. Fortan stand das Haus unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Bundespräsidenten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts beendete das Bundespräsidialamt ohne rechte Begründung diesen schönen Brauch.

Auch nach der Wiedereröffnung war die Verbindung zur Gesellschaft für Goldschmiedekunst eng. In den 1960er Jahren vollendete sich der Wiederaufbau der zerstörten Stadt rapide. Auch die Hanauer Gold- und Silberwarenmanufakturen kamen wieder in Schwung. Das Deutsche Goldschmiedehaus war zentraler Ort der Präsentation auch der Hanauer Bijoutiers. Doch auch Ausstellungen und Wettbewerbe über den Tellerrand hinaus knüpften an Hanaus Traditionshandwerk an und verschafften dem Haus alsbald wieder eine guten Stand.

Breit aufgestelltes und international ausgerichtetes DoppeljubiläumsprogrammDie Gesellschaft für Goldschmiedekunst operierte von Hamburg aus und brachte mit ihren Veranstaltungen Glanz nach Hanau. Die Ehrenringverleihung als eine der Konstanten ihres Wirkens seit 1933 versammelt zu diesem Anlass stets die europäische Elite der Edelmetallgestalter in Hanau. Die seit den 1960er Jahren alle drei Jahre ausgeschriebene „Silbertriennale“ spielte sich gleichfalls von Anfang an im internationalen Rahmen ab. Als sich Mitte der 1980er Jahre in der Geschäftsführung ein Generationswechsel abzeichnete, kam auch die Diskussion über eine Verlegung des GfG-Sitzes weg von Hamburg wieder auf den Tisch.

1985 obsiegte Hanau gegen starke Konkurrenz anderer Schmuckstädte, auch Nürnberg und Düsseldorf machten Avancen. Auch wenn die Branche in Hanau auf der Produzentenseite zu dieser Zeit schon erste Anzeichen des Niedergangs verspürte, so war es doch der damalige Oberbürgermeister Hans Martin, der sich für Hanau als Sitz der Gesellschaft letztlich erfolgreich ins Zeug legte. Seither ist die Verbindung auch organisatorisch noch enger: Die GfG hat ihren Sitz im Deutschen Goldschmiedehaus und „bespielt“ auch das Haus mit einem breit aufgestellten und international ausgerichteten – und beachteten – Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm. Das Programm im Jahr des Doppeljubiläums spiegelt diesen Anspruch deutlich wieder.

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