Auf dieser Dachterrasse werden wahrscheinlich keine Kinder spielen dürfen: Daniela und Jörn Rohde hätten gerne in ihrem Unternehmen eine Betriebskita eröffnet, nicht nur für Sohnemann Konstantin. Doch daraus wird vermutlich nichts. Foto: Christian Dauber

Hanau

Gesetze stehen Betriebskita im Lamboy im Weg

Hanau. Mit Sohn Konstantin auf dem Arm blickt Daniela Rohde in die Ferne. „Ist doch schön hier, oder?“, fragt sie den HA-Reporter, der zum Gespräch gekommen ist. Von der Dachterrasse des Firmenbaus in der Straße An der Brückengrube hat man in der Tat einen tollen Blick über den Stadtteil Lamboy.

Von Christian Dauber

Gut sichtbar ist die große „112“ des nicht weit entfernten Gefahrenabwehrzentrums. Die Sonne scheint, es weht ein laues Lüftchen.

Hier hätten nach den Vorstellungen von Daniela Rohde und ihrem Mann Jörn künftig zehn bis zwölf Kinder spielen sollen. Die (freilich gut gesicherte) Terrasse sollte Teil ihrer Betriebskita werden, die sie noch immer gerne eröffnen würden. Doch die Chancen stehen schlecht, dass das noch irgendwie klappt. Denn die Gesetzeslage lässt es nicht zu. Sie befinden sich mitten im Gewerbegebiet – und dort darf es lauter sein, als es für eine Betriebskita zulässig wäre.

Firma Rohde will Kinder betreuen, doch Gewerbegebiet ist Hindernis

Rückblick: Ende 2016 zieht die Firma Rohde aus Bruchköbel in das Hanauer Gewerbegebiet „Am Lamboywald“. In ihrem Neubau belassen sie das komplette zweite Obergeschoss im Rohbau, um später ihre Unternehmensräume erweitern zu können. Dort befindet sich auch die Dachterrasse. Im Oktober 2017 kommt Sohn Konstantin auf die Welt, der zweite Spross der Familie wird bald zwei. Der ältere kommt im August in die Schule.

Daniela Rohde bringt Konstantin anfangs mit in die Firma. „Als Chefin kann man das ja leicht machen“, sagt sie. Sie ist kaufmännische Leiterin des Schutzgasöfen-Herstellers, ihr Mann das technische Oberhaupt. Doch schnell wird Daniela Rohde damals klar: Eine Dauerlösung ist es nicht, Konstantin mit ins Büro zu nehmen. Spätestens dann nicht mehr, wenn der Kleine anfängt zu laufen.

Daher melden die Rohdes den Kleinen für einen Betreuungsplatz bei der Stadt Hanau an. Während sie länger auf Antwort warten, kommt ihnen Mitte 2018 eine Idee: Was wäre, wenn sie einen Betriebskindergarten eröffnen würden – für ihre eigenen und für weitere Kinder ihrer Angestellten? Das zweite Obergeschoss bietet genügend Platz. Anschlüsse für Frischwasser und Kanalisation sind vorhanden. „Wir könnten hier alles genau nach Vorgaben umsetzen“, zeigt Daniela Rohde bei der Besichtigung der Räumlichkeiten mit unserem Reporter. „Wir wollten nicht einmal Zuschüsse haben.“

Nach Gesprächen mit der Stadt geschah lange nichts

Von vielen Seiten hätten sie damals gehört: „Das ist ja eine super Idee.“ Die Rohdes dachten neben ihren eigenen Angestellten („Wir haben eine sehr junge Belegschaft, da werden sicher noch Kinder kommen“) auch an Interessenten aus den umliegenden Firmen. Und: „Wenn noch Plätze frei geblieben wären, hätten wir diesen der Stadt zur Verfügung gestellt“, sagt Daniela Rohde.

Sie hätten – wenn sie ihr Konzept denn umsetzen könnten. Denn bei der Stadt kamen sie nicht weiter. Nach einem Treffen mit Jutta Straub, der stellvertretenden Leiterin des Eigenbetriebs Hanau Kindertagesstätten, im Juli 2018 geschah laut den Rohdes lange Zeit nichts. Die Angelegenheit werde geprüft, hieß es auf ihre Nachfrage. Erst im September gab es wieder einen Termin, wieder mit Straub, diesmal auch mit Bürgermeister Axel Weiss-Thiel, mit Astrid Weiermann, der Leiterin des Eigenbetriebs Hanau Kindertagesstätten und mit Wirtschaftsförderin Erika Schulte.

Stadt versprach Unterstützung bei der Umsetzung

„Man sagte uns, wir würden bei der Umsetzung einer Betriebskita große Unterstützung erhalten, um alles Bürokratische schnell zu klären“, blickt Rohde zurück. Nur eine Begehung durch das Bauamt müsse noch erfolgen. Doch die gab es nie, stattdessen ein aus ihrer Sicht unerfreuliches Schreiben von Weiss-Thiel, datiert auf den 22. Oktober 2018: Nach einer „weiteren intensiven und vollumfänglichen Prüfung“ könne eine Betriebskita an diesem Standort nicht genehmigt werden. Die Stadt legte ihnen ans Herz, eine Tagespflegestelle zu eröffnen. „Doch dann hätten nur zwei Kinder betreut werden können. Das war nicht das, was wir wollten.“

Warum genau eine Betriebskita an ihrem Standort nicht genehmigt werden kann, das erschließt sich den Rohdes bis heute nicht. „Schließlich sind hier im Gewerbegebiet auch Wohnhäuser“, sagt Daniela Rohde. Dennoch legten sie ihre Pläne in die Schublade, zu groß war der Frust. Als der HANAUER Anfang Juni einen Themenschwerpunkt zur Kinderbetreuung veröffentlicht, erinnern sich die Rohdes an ihr Vorhaben, melden sich bei unserer Zeitung, um ihre Geschichte zu erzählen.

Lärmgrenzen werden überschritten

Im Anschluss fragten wir bei der Stadt nach, warum die Rohdes ihre Pläne nicht umsetzen dürfen. Kurz gesagt verhält es sich so: In jenem Gewerbegebiet darf Lärm erzeugt werden, bis zu 63 Dezibel. Das ist schon weniger als normal, wegen der Wohnhäuser. Für eine Betriebskita sind aber nur 55 Dezibel zulässig. Würde die Kita genehmigt, würde dies die ansässigen Unternehmen möglicherweise einschränken – und mögliche Neuansiedlungen verhindern. Denn im Gewerbegebiet ist noch Platz.

Durch unsere Anfrage landete die Angelegenheit auf dem Tisch von OB Claus Kaminsky. Er hatte nach eigenem Bekunden vor eineinhalb Jahren von den Plänen der Rohdes gehört, danach nicht mehr. „Ich dachte, das Thema hätte sich erledigt.“ Mitnichten. Er wolle sich dafür einsetzen, dass die Idee der Rohdes irgendwie umgesetzt werden könne, erklärt er nun beim ersten Gespräch mit unserer Zeitung. Solche Ideen seien nur zu begrüßen, um die bestehende Platznot in Kitas zu lindern.

Es folgen stadtintern viele Prüfungen. „Wir haben jeden Stein rumgedreht“, resümiert Kaminsky Mitte dieser Woche. Aber er sei pessimistisch. Im Moment sehe er keine Möglichkeiten, das Projekt Betriebskita rechtssicher zu genehmigen. Da das Gewerbegebiet nicht voll besetzt ist, würde es auch nichts bringen, mit den jetzt dort ansässigen Firmen eine Verabredung zu treffen, erklärt der OB, warum sich auch eine pragmatische Lösung nicht umsetzen lasse. Eine Genehmigung würde faktisch eine „Entwertung“ der nicht bebauten Grundstücke bedeuten, sagt Kaminsky.

In Hanau gibt es laut Stadt nur eine „echte“ Betriebskita – nämlich die „Umi-Kids“ bei Umicore. Darüber hinaus gibt esfür Kinder von Heraeus-Mitarbeitern 30 Plätzeim Familienzentrumder Kathinka-Platzhoff-Stiftung.cd

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