Tatort Kinzigufer: Die Farbe ist noch heute auf der Sitzgruppe zu erkennen. Kunst ist etwas anderes. Für das Gericht handelt es sich schlicht um Sachbeschädigung. Foto: Graber

Hanau

Gericht verurteilt Sprayer zu 25 Arbeitsstunden

Hanau. Eine Gruppe Jugendlicher trifft sich regelmäßig zum Chillen und Grillen an Main und Kinzig. Dann packen sie gern mal die Sprühdose aus und verzieren Gegenstände mit Graffiti. Zuletzt sind sie da aber von der Polizei erwischt worden. Deshalb wurde einer der Gruppe nun zu 25 Arbeitsstunden verurteilt.

Von Dieter A. Graber

Taimur, Agit, Massi, Eren und Nazrin sind eine Clique junger Leute um die 20, ein wenig übermütig zuweilen, aber nicht bösartig, etwas frech, doch keinesfalls respektlos. Am liebsten hängen sie rum. Dann hören sie Musik, reden, trinken, und manchmal haben sie auch Sprühdosen dabei. Deshalb muss Taimur die Anklagebank im Hanauer Jugendgericht drücken.

Taimur ist eine kompakte Erscheinung, nicht eben groß, aber etwas beleibt. Der Boxsport war mal sein Hobby. Liegt eine Weile zurück. Inzwischen ist „chillen“ angesagt. Entspannen. Das wollte er auch an jenem Septembertag vergangenen Jahres an der Kinzig.Chillen und GrillenDa gibt es, direkt am Licht- und Luftbad und hinter der Kleingartenidylle „Alte Mai“, einen Radweg, welcher sich auch mit dem Auto befahren lässt, der Bequemlichkeit halber, und ein Tisch, zwei Bänke sowie eine Wiese zum Grillen.Also: Taimur und seine Freunde sind mitten beim Abhängen, als die Polizei auftaucht. Drei Streifen, sechs Mann hoch, das heißt: Auch eine Frau ist dabei, Oberkommissarin W., die jetzt in den Zeugenstand tritt.Drei benutzte Spraydosen liegen im Kofferraum„Wir trafen bei unserer Kontrolle sechs junge Leute an. Da standen ein Motorrad und ein Opel Astra. Es roch stark nach Farbe. Im Kofferraum fanden wir drei Spraydosen.“ Acrylfarbe. Rot. Und benutzt. Dasselbe Rot auf der Sitzgruppe. Graffitikunst. Nicht schön, nicht talentiert. Aber strafbar!„Wer rechtswidrig Gegenstände … welche zum öffentlichen Nutzen oder zur Verschönerung öffentlicher Wege, Plätze oder Anlagen dienen, beschädigt oder zerstört“, heißt es in Paragraph 304 StGB, oder ihr „Erscheinungsbild … nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert“, müsse mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen.Farbe an den FingernWas Staatsanwalt Walter Jung im gestelzten Juristendeutsch vorträgt, heiß im Volksmund „Schmiererei“ und ist ein Ärgernis. Der Zentralverband der Deutschen Haus- und Grundeigentümer schätzt, dass die Entfernung unerlaubter Graffiti von Gebäuden und Verkehrsmitteln pro Jahr rund 500 Millionen Euro kostet.Taimur hat eine gekränkte Miene aufgesetzt. „Ich habe nicht gesprüht“, sagt er. „Aber an Ihren Fingern wurde Farbe festgestellt“, sagt Richterin Jeschke. Das kann sich Taimur jetzt auch nicht erklären. „Ich saß doch die ganze Zeit im Auto“, grummelt er. Mit Nazrin.Taimur spendet TrostSie ist ein hübsches Ding, schlank, lange, dunkelbraune Locken und ein wenig keck. „Wir haben Musik gehört. Er tröstete mich, weil ich mich doch von meinem Freund getrennt hatte“, flötet sie.Taimurs melancholiegeladener Blick wandert durch den Gerichtssaal. Viele weiße Wände hier. Könnten Farbe vertragen. Er wohnt noch zuhause, hat sein Fachabi in der Tasche und jobbt bei einem Paketdienst.Hoffen auf FreispruchZum Zoll will er mal. Hat sich schon beworben. Da käme eine Vorstrafe sehr ungelegen. „Wie ich die Sache sehe, müsste es aber zu einem Freispruch kommen“, sagt er zweckoptimistisch.Agit ist mit seinem Zeugenauftritt an der Reihe. Auch er hat sich, wie die anderen aus der Clique, bei der Kleiderwahl heute für einen Trainingsanzug entschieden. Kommt cool rüber. Seine Aussage weniger: „Das hier ist doch keine große Sache“, tönt er. Und: „Ich habe andere Sorgen.“Wodka raubt ErinnerungIm Übrigen erinnere er sich nicht. Des Wodkas wegen, den er intus hatte. Berufslos ist er, der Agit. „Also arbeitsuchend?“ folgert Richterin Jeschke. Suchend? Nein, das nun auch wieder nicht …Im Gegensatz zu Taimur hat er seinen Strafbefehl brav bezahlt. „Haben Sie sich vor der Verhandlung mit den Zeugen unterhalten?“ will Staatsanwalt Jung wissen. Taimur eiert ein wenig herum, räumt es dann jedoch ein. „Aber keine Beeinflussung“, beteuert er.Ein verlorener KampfJung schlägt die Einstellung des Verfahrens gegen eine Arbeitsauflage vor. 25 Stunden, wie wäre das? „Habe ich eine Chance, ohne etwas davon zu kommen?“ fragt der Angeklagte.Wohl kaum. Er streicht sich über sein massiges Kinn. Eine Niederlage nach Punkten ist im Ring auch ein verlorener Kampf. Nur nicht so schmerzhaft. Er ist einverstanden.

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