Roman R. steht "nur" noch wegen Körperverletzung und Nötigung vor Gericht. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Geiselnahme ist vom Tisch - Staatsanwaltschaft fordert Haft

Hanau. Der Prozess wegen Geiselnahme, Körperverletzung und anderer Delikte gegen den 33-jährigen Roman R. vor der 2. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts mündet auf die Zielgerade.

Rainer Habermann

Gestern hielt Staatsanwältin Sarah Lehmann nach Abschluss der Beweisaufnahme bereits ihr Plädoyer, Verteidigerin Olivia Ulbrich will sich noch Zeit lassen und ihren Antrag am kommenden Dienstag, 18. Juni, stellen. Der Angeklagte schweigt weiterhin. Der dann wohl letzte Verhandlungstag lässt auch das Urteil erwarten.

Wie dieses aussehen könnte deutete die vorsitzende Richterin der Kammer, Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel, bereits mit einem sogenannten „rechtlichen Hinweis“ an. Danach sähe die Kammer nach der bisherigen Beweisaufnahme keine ausreichenden Belastungsmomente gegen den Beschuldigten wegen der vermeintlichen Geiselnahme seiner Schwägerin. Die habe sich zwar nicht ganz freiwillig auf die Fahrt von ihrer Hanauer Wohnung nach Bad Orb, später wieder zurück und anschließend in Richtung Mainz begeben. Es fehle aber am Moment der „stabilen Bemächtigungslage“: ein juristischer Begriff, der – stark vereinfacht – auf die dauerhafte Nötigung auf einer höheren Strafebene abstellt. Im Juristendeutsch der Universitäten liest sich das so: „Die durch die Bemächtigung geschaffene Zwangslage müsse für eine zweite Nötigungshandlung ausgenutzt werden.“

Staatsanwaltschaft rückt vom Tatbestand "Geiselnahme" ab

Auch die Staatsanwältin plädiert später nicht mehr auf Geiselnahme, wohl aber auf gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Freiheitsberaubung. Vier Jahre und zehn Monate Haft hält Lehmann für tat- und schuldangemessen. So lautet auch ihr Antrag, dem sich Rechtsanwalt Angelo Bologna als Vertreter der Nebenklägerin, des Opfers, inhaltlich wie auch in der Strafzumessung anschließt.

Roman R. ist im übrigen kein unbeschriebenes Blatt, sein Bundeszentralregisterauszug enthält neun Einträge. Unter anderem auch ein Urteil des Amtsgerichts Gießen, wonach er eine mehrjährige Haftstrafe ebenfalls wegen Körperverletzung verbüßte. Der Hauptermittler der Kripo vom Hanauer K11, der gestern noch als Zeuge gehört wurde, sprach gar von „140 Eintragungen bei uns quer durchs Strafgesetzbuch“ und bescheinigte Roman R. „eine Krimi-Karriere bereits ab einem Alter von zehn Jahren“.

Deutliche Drohungen

Der Beamte schilderte den Ablauf des 13. Januar 2019, des Tatabends, aus seiner Sicht und der der damals gehörten Zeugen. Danach hat es sich so zugetragen, wie auch das Opfer aussagte. Die junge Frau und Mutter zweier Kinder wurde vom Angeklagten mehrfach ins Gesicht geschlagen und getreten, mit einem Hundehalsband gewürgt und mit einem Messer bedroht, das Roman R. zwar aus dem Autofenster geworfen hatte, als die Verhaftung drohte, dann aber später gefunden wurde.

„Ich verpass Dir nen Hurenschnitt im Gesicht und schlag Dir die Zähne ein“, lauteten seine Drohungen unter anderem. In der Hanauer Wohnung des Opfers, aber auch während der Fahrten, die nach mehreren Anrufen bei der Polizei schließlich in einem länderübergreifenden Polizeieinsatz zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz nahe Mainz endeten. Einer dieser Anrufe ging als Notruf an die 110 um 23.53 Uhr von Salvatore B. ein, einem Cousin des Angeklagten.

Richterin droht mit Beugehaft

Auf diesen Anruf gestern als Zeuge angesprochen, wollte Salvatore sich partout an nichts und niemanden am Abend des 13. Januar erinnern; er sei sturzbetrunken gewesen und wisse nicht mal mehr, ob er tatsächlich die Polizei gerufen habe.

Er traf bei Wetzel mit seiner angeblichen Erinnerungslücke auf die Falsche. Die Richterin stellte ihm Beugehaft in Aussicht, weil ihm die Kammer seine Amnesie partout nicht glauben wollte und er als Cousin eben kein Aussageverweigerungsrecht hat wie nahe Angehörige. Salvatore besann sich, wenn auch mit Hilfe des Rechtsanwalts Kristian Lossner als Zeugenbeistand, und erklärte „im Slang“, dass er sich mit Roman an jenem Abend mächtig geprügelt habe. Und er „schon verliebt“ in Romans Schwester gewesen sei, um die es in dem ganzen Drama eigentlich ging.

Fortsetzung am Dienstag

Denn die Nötigung Romans als Strafhandlung bestand darin, dass er vom Opfer, seiner Schwägerin, verlangte, ihm den Aufenthaltsort der Schwester zu nennen, den er als Bruder nicht wissen sollte. Dass dies alles so eskalierte, dass gleich mehrere Straftatbestände erfüllt wurden, und dass die Schwägerin „mit einem blauen Auge“ – und zwar bildlich – davonkam, mag ein Schlaglicht auf die Familienverhältnisse des Angeklagten und den Begriff „Familienehre“ werfen. Der Prozess wird am Dienstag, 18. Juni, um 9.30 Uhr im Saal A215 fortgesetzt mit dem Plädoyer der Verteidigung, dem letzten Wort des Angeklagten und wahrscheinlich auch der Urteilsverkündung.

Der FallAm 13. Januar 2019soll der Angeklagte Roman R. seine Lebensgefährtin und frühere Schwägerin als Geisel genommen und erheblich verletzt haben, um dadurch den Aufenthaltsort seiner Schwester zu erfahren. Die Geiselfahrt wird von der Polizei gestoppt, R. verhaftet.20. Mai 2019: Der Prozess beginnt vor der 2. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hanau unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Die Anklage auf Geiselnahme und Körperverletzung wird vertreten von Staatsanwältin Sarah Lehmann.22. Mai 2019: Der Angeklagte verlangt einen neuen Pflichtverteidiger. Dr. Andreas Bensch wechselt die Robe mit Olivia Ulbrich.6. Juni 2019: Das Opfer sowie weitere Zeugen sagen aus. Der Angeklagte schweigt. Die Schwester des Angeklagten, um die es bei der Tat ging, macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.13. Juni 2019: Die Beweisaufnahme wird nach Vernehmung mehrerer Zeugen beendet. Die Staatsanwältin fordert vier Jahre und zehn Monate Haft für den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Freiheitsberaubung. Die Nebenklage schließt sich an, die Verteidigung will erst am folgendenVerhandlungstag plädieren.Die Verhandlung wird am Dienstag, 18. Juni, um 9.30 Uhr fortgesetzt.rh

Das könnte Sie auch interessieren