Beim Redaktionsgespräch: Ulrich Meyer, die Gebärdendolmetscherin Theresia Möbus, Sandra Stehling. Vorsitzende des Gehörlosenvereins Hanau, sowie Gaby Meyer. Foto: Weber-Stoppacher

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Gehörlose oft missverstanden - Manchmal mit bedrohlichen Folgen

Region Hanau. Gehörlose sind im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt oftmals isoliert. Häufig kommt es auch zu Missverständnissen, die für die Betroffenen mitunter unangenehm, manchmal auch gefährlich werden können, etwa wenn sie in Not sind, sich aber nicht verständlich machen können. Dies geschah auch der Maintalerin Gaby Meyer.

Von Holger Weber

Meyer ist in Begleitung einer Gebärdendolmetscherin in die Redaktion gekommen. Die Vorfall, von dem die Hochstädterin berichtet, ereignet sich an einem Samstag morgen, 5 Uhr. Zu einem Zeitpunkt also, an dem sich gewöhnlich kaum Menschen auf der Straße befinden. Sie will gerade in ihren Wagen einsteigen, als sie feststellt, dass die Reifen an dem Fahrzeug zerstochen worden sind. Die meisten Menschen würden jetzt zum Telefon greifen, einen Angehörigen informieren oder den Abschleppdienst rufen. Daran denkt auch Meyer. Das Problem ist nur: Sie kann sich am Telefon nicht verständigen. Und einen Notruf für Gehörlose gibt es nicht.

In den umliegenden Häusern ist es noch dunkel, nur in der nahegelegenen Bäckerei brennt Licht. „Deshalb bin ich dort hingelaufen, um um Hilfe zu bitten“, erzählt sie. Doch die Verkäuferin, die gerade dabei ist, Brot und Brötchen in der Auslage zu verteilen, winkt unwirsch ab. „Zu beschäftigt“, gibt sie zu verstehen. Gabi Meyer lässt sich nicht abwimmeln und zeigt immer wieder auf ihr Handy und nach draußen in Richtung ihres Autos. Keine Chance. Die Verkäuferin winkt wieder ab. „Sie hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mich verstehen zu wollen“, sagt Meyer. Sie sei sogar böse geworden und habe sie vor die Tür gewiesen. In ihrer Not klingelt Gabi Meyer an der Haustür eines Hauses nebenan. Dort wird ihr schließlich geholfen. 45 Minuten später ist der Abschleppwagen da.

6000 Gehörlose in HessenFälle wie dieser seien nicht die Regel, aber auch nicht selten, sagt Sandra Stehling, die Vorsitzende des Gehörlosenvereins Hanau. Dort sind etwa 80 Gehörlose aus der Brüder-Grimm-Stadt und den umliegenden Kommunen organisiert. Die Hanauer Ortsgruppe ist eine von 15 Untergruppen, die den hessischen Landesverband bilden. Nach dessen Angaben gibt es in Hessen rund 6000 gehörlose Menschen sowie zahllose weitere Schwerhörige. Das Hanauer Vereinsheim befindet sich in Steinheim. Der Verein organisiert Vorträge in Gebärdensprache, die Mitglieder unternehmen gemeinsame Ausflüge. Es ist auch eine Art Selbsthilfegruppe, in der der einer dem anderen hilft, wenn Not am Mann ist.

Viele Gehörlose fühlen sich isoliert, leiden unter dem Desinteresse der Hörenden oder den Missverständnissen, die oft ursächlich sind für Konflikte. Ein klassisches Beispiel für ein Missverständnis ist auch die Folgegeschichte von Gabi Meyers Autopanne vor der Bäckerei. Als ihr Mann Ulrich, ebenfalls taub, an dem Montag nach dem Vorfall in das Geschäft geht, um zu klären, warum sich die Verkäuferin so verhalten hat, entwickelt sich wieder ein Konflikt. „Mein Mann hat wahrscheinlich sehr laut gesprochen.“ Da sei typisch bei Gehörlosen, die keine Kontrolle über ihre Stimme hätten, erläutert Gabi Meyer. Die Verkäuferin interpretiert dies offensichtlich als aggressiv. Die Situation eskaliert wieder. Die Meyers, und auch deren Tochter, die nicht taub ist, werden seit dem Vorfall von der Verkäuferin gemieden. „Sie bedient uns nicht mehr“, sagt Gabi Meyer. Ein Brief der Familie an die Zentrale der Bäckereikette, mit dem sie den Vorfall klären wollten, blieb bis heute unbeantwortet.

Kontaktvermeidung statt AuseinandersetzungAuch typisch, meint Meyer. Statt sich mit Gehörlosen auseinanderzusetzen, gehe man ihnen vielfach aus dem Weg. Oftmals fehle den Hörenden dazu die Geduld oder sie hätten Hemmungen, glaubt Vereinsvorsitzende Stehling. Sie berichtet von einem Fußgänger, der sie in der Stadt ansprach, um nach dem Weg zu fragen. Als er feststellte, dass Stehling taub ist, winkte er ab und setzte seinen Weg fort. „Dabei hätte ich ihm gerne geholfen“, sagt sie.

Mit dem Kartenprogramm an ihrem Handy wäre dies auch ohne Sprache kein Problem gewesen. „Ein großer Teil der Menschen weiß über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache viel zu wenig“, meint die Vorsitzende. Die Folge: „Gehörlose sind zum größten Teil im Alltag isoliert, sie haben Berührungsängste.“

Gebärdensprache schwach in den Behörden vertretenEtwa 15 000 Menschen können in Hessen die Gebärdensprache miteinander kommunizieren. Aber in Behörden gibt es kaum Ansprechpartner, die Gebärdensprache beherrschen. Die Gehörlosen müssen oft Dolmetscher engagieren, die pro Stunde einen Satz von mindestens 75 Euro nehmen. Finanzielle Unterstützung von der Krankenkasse gibt es nur bei Arztbesuchen nur manchmal bei Behördengängen. Der Verein erhält noch nicht einmal städtische Unterstützung. Das Argument der Stadt habe gelautet, der Wirkungskreis des Vereins gehe über Hanau hinaus, somit gebe es keine alleinige Zuständigkeit Hanaus, berichtet Stehling.

Durch die moderne medizinische Technik sinkt die Zahl der Gehörlosen. Das ist auf der einen Seite erfreulich, es schwächt aber auch die Position derjenigen, denen keine Technik hilft. So wird es wohl auch weiterhin keine Notrufeinrichtungen für Gehörlose geben. Das kann mitunter auch lebensgefährlich sein. „Bei einer Autopanne auf der Landstraße, könnten wir zur Not jemanden anhalten. Was aber ist, wenn wir auf der Autobahn eine Panne haben“, fragt Stehling.

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