Überall präsent in der Nacht auf Donnerstag: Auch aus Bayern waren Polizeibeamte angefordert worden. Foto: Kai Pfaffenbach

Hanau

So gehen die Betroffenen aus dem Umfeld mit dem Attentat um

Hanau. Am Morgen nach der Terrornacht von Hanau durchlebt die Familie Kocak eine Gefühlswelt, die schwankt zwischen Trauer, Entsetzen und Angst. Kenan Kocaks Töchter im Teenageralter haben sich nicht getraut, an diesem Morgen vor die Tür zu gehen. Sie haben ihren Vater gebeten, sie zur Schule zu fahren.

Von Holger Weber und Michael Bellack

„Ich weiß nicht, wie ich sie trösten soll“, sagt der 37-jährige Türke. Beim Terroranschlag kam der Sohn einer befreundeten Familie ums Leben. Er war 22 Jahre alt, ein liebenswerter Mensch. Er wurde in demCafé am Kurt-Schumacher-Platz durch Schüsse so schwer verletzt, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb.

Eigentlich sei er nie in das Café gegangen, habe sich an diesem Abend von Freunden überreden lassen, erzählt Kocak. Diese Freunde leben nun nicht mehr. „Sie wollten dort nur etwas essen.“ Kocaks Onkel betreibt den Kiosk neben dem Café am Kurt-Schumacher-Platz, in dem ebenfalls Menschen durch die Kugeln gestorben sind.

"Hier kennt jeder jeden"

In der Hanauer türkischen Community kenne eigentlich jeder jeden, sagt Kocak. Und so hat sich am Abend die Nachricht von den Schüssen in der Innenstadt verbreitet wie ein Lauffeuer. „Es gab sogar Leute, die haben geglaubt und im Internet behauptet, ich sei ebenfalls unter den Opfern“, erzählt er und gibt damit einen Eindruck von der konfusen Lage in diesen Stunden der Desinformation.

Kocak ist in Hanau geboren, er ist hier aufgewachsen, er trainiert bei der SG Bruchköbel die Jugendfußballer. Hanau ist seine Heimat und dennoch werde die Stadt für ihn und seine Familie nicht mehr so sein, wie vor diesem 19. Februar. „Wissen Sie“, sagt er, „da ist jetzt diese Angst.“ Er habe keine Angst um sich. Aber er stellt sich jetzt die Frage, ob seine Kinder in dieser Gesellschaft noch sicher seien und ob die Gesellschaft eine solche Tat aushalte. Da sei ja nicht nur Hanau, da war auch Halle.

Wirklich ein Einzeltäter? Beteiligte haben mulmiges Gefühl

Unsicherheit herrscht am Morgen danach auch bei Burak Kilinc. Der Türke betreibt in Klein-Auheim eine Sportsbar. Donnerstagmittag noch stellt er sich die Frage, ob er diese am Abend überhaupt öffnen soll. Es spielte die Eintracht in der Europaliga. Obwohl es als gesichert galt, dass es sich bei dem Täter um einen Einzelnen handelte, sei da ein mulmiges Gefühl, das ihm auch die Berichte in den Medien nicht nehmen könnten.

„Vielleicht war er doch nicht allein.“ Kurz nach den ersten Schüssen am Heumarkt bekam er bereits über die sozialen Netzwerke den Hinweis, das Lokal zu schließen. Freunde berichteten ihm von dem Geschehen in der Hanauer Innenstadt. Daraufhin schloss er die Tür und fuhr nach Hanau, um seinen Freunden beizu‧stehen in dieser schweren Stunde. Man kennt sich eben in dieser doch kleinen Stadt.

Angehörigen blieb nur die Hoffnung

Traurige Gewissheit hat Baran Celik. Der Cousin seines Vaters starb in Kesselstadt. „Es ist schwierig zu realisieren. Die Nachricht hat uns plötzlich getroffen. Wir sind sofort zum Tatort gefahren und haben gehofft, dass er nur verletzt ist“, sagt der 27-jährige Student. Die Zeit am Tatort wird er wohl nie vergessen. „Man sieht Blaulichter, viele Beamte, kriegt wenig Informationen. Man kann einfach nur hoffen.“

Celik wirkt am Tag danach gefasst. Er ist vor Ort, als Bundesinnenminister Horst Seehofer am Heumarkt Blumen niederlegt. Celik fordert von der Politik stärkere Kontrollen bei der Vergabe von Waffenscheinen, um Taten wie in Hanau in Zukunft verhindern zu können.

Student warnt vor Hetze und Vorurteilen

Außerdem warnt der Student vor rechter Hetze, sei es im Netz oder auf der Straße. „Vorurteile gegen Hautfarbe, Herkunft oder Religion bewirken solche Taten.“ Celik hat sein Leben lang in Deutschland gewohnt, eine solche Tat hielt er aber nicht für möglich. „Man sieht so etwas weit entfernt im Fernsehen. Dass es einmal vor der Haustür passiert, das hätte ich nie gedacht.“

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