Sich gegen häusliche Gewalt zu wehren, gelingt Frauen meist nur mit Unterstützung. Die Frauenhäuser bieten ihnen Schutz und Hilfe und stehen ihnen mit Gesprächsangeboten und der Begleitung bei Behördengängen zur Seite. Foto: Pixabay

Hanau

Tag gegen Gewalt gegen Frauen: Leyla berichtet aus ihrem Leben

Hanau. Es ist eine Geschichte von Unterdrückung, Bedrohung und Gewalt, die Leyla erzählt. Eine Geschichte, die die in Hanau lebende Irakerin in eine Zeit eintauchen lässt, die sie lange hinter sich gelassen hat.

Von Jutta Degen-Peters

Heute lässt die 52-Jährige die Vergangenheit wieder wach werden, weil sie anlässlich des bevorstehenden Tags gegen Gewalt an Frauen anderen Frauen Mut machen will. Ihre eigene Geschichte zeige, dass man es schaffen kann, sagt sie.

Als wir Leyla (Name von der Redaktion geändert) in der Beratungsstelle des Hanauer Frauenhauses treffen, sitzt uns eine selbstbewusste Frau mit offenem Blick gegenüber. Ihre Mimik ist lebhaft, Gesten unterstreichen ihre Schilderungen. „Das war früher ganz anders“, erinnert sich Frauenhaus-Mitarbeiterin Swantje Ganecki: „Als Leyla zu uns kam, war sie sehr verunsichert.“ Ihr neues Selbstbewusstsein hat sich entwickelt, als sie im Frauenhaus ankam. Erst in Wächtersbach, dann in Hanau.

Auch die älteren Brüder schlugen sie

„Als ich mit meinen beiden Kindern aus meiner früheren Wohnung hierherziehen konnte, war das wie das Paradies für mich“, sagt die Muslimin mit der blauen Sportkappe. Hier konnte sie zu sich selber finden, hatte endlich Zeit, sich intensiv mit ihrer Tochter und dem Sohn zu beschäftigen, was sie früher nicht durfte. Dabei hatte sie schon fast vergessen, wie es ist, wenn man selbstbestimmt durch den Tag geht.

Die Weichen für ihre Geschichte, so sagt sie heute, wurden schon mit der Geburt gestellt. Sie wuchs ohne Vater in einem kleinen Ort in Kurdistan auf. Ihre Mutter, die der Familie beweisen wollte, dass sie ihre Sache auch als Alleinerziehende gut macht, war besonders streng. Auch ihre beiden älteren Brüder „halfen“ nach Kräften bei der Erziehung mit und schlugen die Schwester, wenn diese nicht gehorchte. Groß geworden sei sie in dem Bewusstsein, dass eine Frau sich dem Manne stets fügen müsse.

Ehemann erwies sich als lieblos und streng

Trotzdem hatte sie gehofft, der häuslichen Enge durch die Heirat mit einem liebevollen Ehemann entfliehen zu können und dort Geborgenheit zu finden. So willigte sie ein, als eine befreundete Familie kam, die für ihren in Deutschland lebenden Sohn eine Ehefrau suchte. Damals war Leyla 24 Jahre alt und hatte im Irak eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen.

In Deutschland angekommen, kam die Ernüchterung: Ihr Ehemann, der sich eher schlecht als recht als Schneider in einer kleinen Werkstatt durchschlug, erwies sich als lieblos und streng und ließ sich stark von seinen Onkels beeinflussen. 'Du kochst schlecht, du putzt nicht gut' – immer war er unzufrieden und drohte mir Prügel an“, erinnert sich Leyla. Ihren Wunsch, zunächst Deutsch zu lernen, um den Mann in der Schneiderei zu unterstützen und eine Schwangerschaft hinauszuschieben, sei von der Verwandtschaft ihres Mannes nicht akzeptiert worden. Auch ihre eigene Mutter habe ständig angerufen und gefragt, ob die Tochter nicht endlich schwanger sei.

Rückkehr in den Irak

In die 75-Quadratmeter-Wohnung, in der sie schließlich ihre Tochter bekam, war längst ein Onkel mit eingezogen. „Für ihn sollte ich sorgen wie für meinen Mann. Aber viel schlimmer war: Er schlug meine Tochter, damit sie gleich auf den rechten Weg geführt wird.“ Der Onkel herrschte über die kleine Familie wie ein Diktator, ihr Ex-Mann setzte dem nichts entgegen. Als Leyla wieder schwanger wurde, zog sie eine Abtreibung in Betracht. „Mit diesem Mann wollte ich keine Kinder mehr haben.“ Doch schließlich bekam sie noch einen Sohn.

Weil Leyla und ihr Mann nur eine Duldung für den Aufenthalt in Deutschland besaßen, mussten sie in den Irak zurück, als der Krieg und das Regime Saddam Husseins beendet waren. Hier wachte nun eine noch größere Familie über sie. Ihr Ex-Mann ging zurück nach Deutschland und ließ sie zurück. „Jeder mischte sich in die Erziehung meiner Kinder ein. Und jeder redete meinen Kindern ein, ich sei eine schlechte Mutter.“ Leyla wurde erniedrigt und bedroht, bekam häufig Prügel. Und sie fühlte sich schlecht, weil sie zu schwach war, ihren Kindern beizustehen.

Vermittlung an ein nahegelegenes Frauenhaus

Nach dem nächsten Besuch im Irak reiste ihr Mann heimlich mit Sohn und Tochter nach Deutschland. Seine Frau ließ er mit den Worten „Die Kinder sind nicht mehr deine Kinder!“ zurück.

Als sie die Kinder endlich für ein paar Tage in Bielefeld besuchen darf, nimmt ein Plan Gestalt an. Die Nachbarin, die immer wieder Streit, Tränen und Gewalt mitbekommt, rät ihr, Anzeige zu erstatten. Und sie erzählt ihr von Frauenhäusern, in denen bedrohte Frauen Schutz finden könnten. Als ihr Mann mit dem Cousin in der Wohnung erneut gewalttätig wird und den Sohn mitnehmen will, gelingt es ihr, die Polizei anzurufen. „Die Polizei kam, nahm die Kinder und mich mit und vermittelte mich in ein nahe gelegenes Frauenhaus.“

Leyla kann nun ihre Familie ernähren

Als ihr Ex-Mann ihren Aufenthaltsort ausfindig machte, wurde für Leyla ein neuer Platz gefunden: Sie zog mit ihren Kindern um nach Hanau. „Endlich konnte ich wieder frei atmen und fühlte mich sicher.“ Und sie weiß, dass sie den Weg in die Selbstständigkeit ohne das Frauenhaus-Team nie geschafft hätte: „Die haben uns so geholfen“, sagt sie. Wie viele Gespräche sie dort über ihre früheren Ängste und ihre Zukunftsperspektiven geführt hat, weiß sie heute nicht mehr. Auch die Begleitung bei Behördengängen war ihr eine große Hilfe. So gelang ihr der Übergang in ein selbstbestimmtes Leben.

Heute ist Leyla geschieden, lebt mit ihren Kindern in einem Vorort von Hanau und hat nach mehreren Zeitverträgen gerade einen Jahresvertrag unterschrieben. – „Endlich“, strahlt sie. Sie arbeitet bei einer Spedition und kann ihre kleine Familie ernähren.

Deutschland sei ein tolles Land

Ihre Kinder sind inzwischen fast erwachsen. „Jeden Tag sage ich ihnen, welches Glück wir haben, in Deutschland zu sein. Deutschland ist ein tolles Land, wo Frauen gleichberechtigt sind und geachtet werden!“

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