Zusammenhalt und Zusammenstehen: Für die jungen Männer, die den Sarg des ermordeten Ferhat trugen, gab es angesichts der Menschenmengen auf dem Hauptfriedhof kaum ein Durchkommen. Foto: Kai Pfaffenbach

Hanau

Gedenkfeier: Hunderte Menschen spenden den Angehörigen Trost

Hanau. „Wir funktionieren“, sagt Abdullah Unvar. Die Ringe unter seinen Augen sind dunkel. Er hat kaum geschlafen in den vergangenen Tagen. „Wie auch?“, fragt er und blickt zu Boden. Seit Mittwochabend funktionieren sie in der Familie Unvar.

Von Yvonne Backhaus-Arnold und Jutta Degen-Peters

Um 22.15 Uhr bekommt Abdullah an diesem Abend einen Anruf. In Hanau habe es einen Anschlag gegeben. Ferhat sei unter den Opfern. Er versucht, seinen Cousin zu erreichen. Aber der reagiert weder auf Anrufe noch auf Nachrichten.

Was sie nicht wissen: Ferhat Unvar, der Zigaretten kaufen wollte im Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz, ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot, erschossen von Tobias R., der an diesem Abend zehn Menschen tötet und sich danach selbst richtet.

Für die Familie beginnt eine schreckliche Zeit der Ungewissheit. Abdullah, Ferhats Cousin, macht sich von Butzbach aus auf den Weg nach Hanau. Die Familie ist groß, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen, im gesamten Bundesgebiet verteilt.

Hunderte Menschen kommen zusammen

Bis kurz nach 4 Uhr sitzen sie in der Turnhalle der Polizei im Lamboy, dann öffnet der Polizeipräsident die Tür und verliest die Namen der Getöteten. Ferhat Unvar steht auch auf seiner Liste.

Der 23-Jährige, dessen kurdische Familie aus der Türkei nach Deutschland geflohen war, ist in Hanau geboren und hier mit seinen beiden Brüdern und einer Schwester aufgewachsen. Gerade hatte er seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker in einem Sanitärbetrieb abgeschlossen, das Leben noch vor sich.

Am Montag, fünf Tage nach der Tat, kommen sie in der Turnhalle der Heinrich-Heine-Schule, nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt, zur Trauerfeier zusammen. Familie. Freunde. Nachbarn. Es ist 12.30 Uhr. Immer mehr Menschen pilgern in die Halle, in der Tische und Stühle aufgestellt sind. Am Ende sind es Hunderte. Männer, Frauen. Jugendliche.

Tod solle nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden

Eine junge Frau namens Leyla ergreift das Wort in Deutsch. „Heute“, sagt sie, „ist der Tag, an dem wir uns Hand in Hand Kraft geben und uns nicht allein lassen.“ Es ist ganz still in der Halle. Der Imam, der schon zuvor jedes Mal Gebete gesprochen hat, wenn wieder eine größere Gruppe Menschen die Halle betritt, hebt nun zu einer längeren Rede an. Wie Emine Pektas, Kreistagsabgeordnete der Linken, Vertreterin der Kurdischen Föderation und seit 2000 in Hanau wohnend auf Wunsch übersetzt, spricht er über die kurdische Herkunft des Getöteten und über die Türkei. Sein Tonfall steigert sich, er erregt sich.

Blumen und Kerzen zum Gedenken: In der Turnhalle der Heinrich-Heine-Schule versammelten sich die Trauernden, um der Familie von Ferhat Trost zu spenden. Sie wurden dort von den Angehörigen des Opfers später auch bewirtet. Foto: Moritz Göbel

Pektas erklärt, man wolle nicht, dass der Tod von Menschen instrumentalisiert werde für politische Zwecke. Und sie ärgert sich darüber, dass es Trauerveranstaltungen von türkischen Regierungstreuen gibt, die separat stattfänden. „Können wir uns in einer solchen Situation nicht zusammentun“, schimpft sie und betont, dass sie sich auch auf der Homepage der Kurdischen Föderation parteipolitische Äußerungen, egal von welcher Seite, verboten habe. „Wir müssen uns alle auch in den politischen Parteien fragen, welche Fehler wir in der Vergangenheit gemacht haben, dass die Neonazis so stark geworden sind, alle“, schaut sie skeptisch in die Zukunft. Es werde eine große Aufgabe sein, gemeinsam an einer besseren Politik zu arbeiten.

Am Tisch neben den Fotos von Ferhat Unvar und den Blumen liegen sich Frauen in den Armen, stimmen ein Klagelied an. Schrill. Durchdringend. Die Geräusche gehen bis ins Mark. Wenig später machen sie sich, das Bild des jungen Mannes an die Brust geheftet, auf den Weg zum Hanauer Hauptfriedhof. Die HSB hat hierfür extra Busse zur Verfügung gestellt.

„Passt auf euch auf“

Auf dem Friedhof versammeln sich nach und nach Hunderte von Menschen. Sie alle wollen den ermordeten Ferhat auf seinem letzten Weg begleiten. Vor der Trauerhalle am Haupteingang kommt es zu bewegenden Szenen. Ferhats Mutter Serpil richtet das Wort an die Trauergemeinde, an Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, alte, junge, Menschen, die in Hanau geboren und solche, die aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland angereist sind: Ihre Trauer sei unermesslich, sagt sie auf Türkisch. Ihr Sohn Ferhat habe gerade seine Ausbildung be‧endet und eine Arbeitsstelle antreten wollten.

Menschen, die „Ausländer“ immer pauschal in Zusammenhang brächten mit „Arbeitslosigkeit“, sollten bedenken, dass alle jungen Menschen, die am Mittwochabend gestorben seien, freundliche und fleißige Menschen gewesen seien. „Es sollen nicht noch mehr Mütter um ihre Kinder weinen müssen“, übersetzt eine junge Türkin ihre Worte. Sie bittet die Stadt alles daranzusetzen, dass in der Zukunft keine weiteren Opfer zu beklagen seien.

„Der Schmerz ist so groß“: Abdullah Unvar, Cousin des getöteten Ferhat, im Gespräch mit den Redakteurinnen des HANAUER ANZEIGER. Foto: Moritz Göbel

„Passt auf euch auf“, richtet die Mutter das Wort auch an die Freunde und Verwandten ihres Sohnes und küsst dessen blumengeschmückten Sarg, bevor dieser von Freunden zur muslimischen Gräberstätte auf dem Friedhof getragen wird. Dass Oberbürgermeister Claus Kaminsky bei der Trauerfeier Worte des Trostes und der Unterstützung spricht, dass er dann ankündigt, auf dem Friedhof werde eine Gedenkstätte für die Opfer errichtet, gibt der Familie Halt, wie deren Mitglieder nach seiner Rede am Rande der Veranstaltung betonen.

Großer Andrang auf dem Hauptfriedhof

Der OB erinnert daran, dass Ferhat am 14. November 1996 in Hanau als ältester Sohn von Serpil und Metin zur Welt kam und eines von vier Geschwistern war. „Ferhat war wahrlich ein Hanauer Bub. Er hat sich trotz seiner kurdischen Wurzeln immer vor allem als Deutscher gefühlt“, sagt Kaminsky. Der junge lebensfrohe Mann, der auf Techno und Hip-Hop-Musik stand, habe „in unser allen Herzen ein Denkmal“, so der OB.

Auch Vertreter der Alevitischen Gemeinde und der Konföderation der Kurdischen Gesellschaft Deutschlands richten das Wort an die Versammelten. Sie sprechen von Trauer und Wut, appellieren an die Stadtgesellschaft, gemeinsam zur Verbesserung des Miteinanders beizutragen und dazu, dass sich junge Menschen in dieser Stadt sicher fühlen dürften.

Als der Trauerzug dann zum Gräberfeld zieht, wo sich bereits Hunderte von Menschen eingefunden haben, ist für die Sargträger kaum ein Durchkommen. Inzwischen mögen es weit über tausend sein, die auf dem Hauptfriedhof warten. Selbst der Oberbürgermeister und Mitglieder der Familie müssen am Rande des Hügels mit der aufgeschütteten Erde entlangklettern. Immer wieder ertönen Rufe „Weicht doch zurück!“

„Die Trauer ist so groß“

Zur selben Zeit gedenken bei einem öffentlichen Gebet auf dem Hanauer Marktplatz Hunderte Menschen drei der bei dem Anschlag getöteten Opfer. Die in türkische Fahnen gehüllen aufgebahrten Särge stehen vor einer Bühne, auf der muslimische Geistliche Trauergebete sprechen. Nach dem Abschluss der Gebete in türkischer Sprache werden die Särge in bereitstehende Leichenwagen getragen. Zuvor war bereits am Mittag eine Getötete in Offenbach beigesetzt worden.

„Die Trauer ist so groß“, sagt Abdullah Unvar am Mittag am Eingang der Turnhalle, „und die Wut über das Geschehene.“ Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet er von großer Anteilnahme weit über die Grenzen Hanaus, Hessens, Deutschlands hinaus. Den Verlust kann all das nur schwer lindern. Abdullah wird weiter funktionieren müssen – auch in den kommenden Tagen.

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