Hanau im Fokus: Reporter und Kamerateams aus ganz Deutschland sowie aus Europa berichten über das Blutbad in Hanau. Foto: Thorsten Becker

Hanau

Die ganze Welt blickt schockiert nach Hanau

Hanau. Das Blutbad am Heumarkt und auf dem Kurt-Schumacher-Platz sorgt weltweit für Entsetzen. Als am Donnerstagmorgen das ganze Ausmaß des Massakers bekannt wird, verbreitet sich die Nachricht in Windeseile.

Von Thorsten BeckerFür die HA-Redaktion bedeutet das: Neben dem Sammeln und Überprüfen von ständig neuen Nachrichten und Fotos kommen viele Fragen. Aus Berlin, Mannheim, Osnabrück und Siegen. Die Redakteure dort wollen sich nicht alleine auf die Nachrichtenagenturen verlassen, sondern bitten die HA-Redaktion um Hintergrundinformationen aus erster Hand.

Als der Generalbundesanwalt in Karlsruhe den Fall übernimmt, die politische Brisanz des zehnfachen Mordes bekannt wird und von der Bundesregierung die ersten Stellungnahmen kommen, steht Hanau weltweit im Blickpunkt – internationale Agenturen wie Reuters, Agence France Press (AFP) und Associated Press (AP) berichten. Selbst ein Anruf aus Kolumbien geht beim HA ein und wird von einem fließend Spanisch sprechenden Kollegen beantwortet.

Medien rund um den Globus informieren über das Massaker und bewerten die Hintergründe

Das Hotel „Zum Riesen“ ist bereits am Donnerstag zu einer Art Medienzentrum geworden, denn zahlreiche auswärtige Reporter und Kamerateams übernachten dort. Neben den deutschen Sendern ARD, ZDF und RTL ist auch ein Team des englischen Service der Deutschen Welle vor Ort. Auch dort setzen die internationalen Kollegen auf Hilfe vor Ort. Der HA-Berichterstatter weist englischen Kollegen den Weg durch die Innenstadt.

Hanau befindet sich am Donnerstagabend rund um den Globus auf den wichtigsten Nachrichtensendern auf Platz eins. Cable Network News (CNN) sowie CBS verbreiten die Schreckensnachricht in den USA, die BBCin London aktualisiert fortlaufend die Ereignisse. Und bewertet sie: Frank Gardner, BBC-Sicherheitskorrespondent, analysiert, dass es in Deutschland eine „wachsende Welle von Extremismus“ gebe.

Am Freitag hat der HA an der Donaustraße Besuch vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), das über die morgendliche Redaktionskonferenz und die Reaktionen auf die Attacken berichtet.

Am Morgen zeigt dann eine Presseschau, wie das Massaker in anderen Ländern gesehen wird:

Die „New York Times“(USA) titelt auf der ersten Seite: „Rassistische Attacke 'gegen uns alle'“. In Frankreich hat „Le Figaro“ ein Bild von der abendlichen Mahnwache auf dem Marktplatz auf Titelblatt. Die Schlagzeile lautet: „Hanau nach Attentat unter Schock: Deutschland ist alarmiert über den Anstieg des Rassismus.“

Der „Tages-Anzeiger“ aus der Schweiz erläutert: „Die Gefahr solcher Taten in Deutschland ist gewachsen, weil rassistische Hetze in der Gesellschaft heute verbreiteter und sichtbarer ist als vermutlich jemals zuvor seit Bestehen der Bundesrepublik. Im Internet wird Einwanderern, vor allem Muslimen, tausendfach Deportation, Gewalt oder Tod angedroht. Bei Pegida in Dresden, bei den Neuen Rechten, bei den sogenannten Reichsbürgern und auch bei manchem Politiker der AfD werden rassistische Parolen laut, die nicht viel weniger aggressiv und menschenverachtend tönen als jene des rechten Terroristen von Hanau.“

Die „Aftenposten“ aus Norwegenschreibt: „Die Ereignisse von Hanau markieren nach dem Lübcke-Mord und dem Anschlag von Halle einen neuen blutigen Höhepunkt. Das muss nicht bedeuten, dass rechtsradikale Einstellungen zunehmen, wohl aber die Gewaltbereitschaft (. . .) Die Morde von Hanau haben Trauer, Verzweiflung und Wut ausgelöst, nicht nur bei den Angehörigen der Toten. Für die Deutschen mit ihrer Geschichte bedeutet rechtsextreme Gewalt einen Angriff auf die gesamte Gesellschaft.“

Selbst die Zeitung „La Cronica de Hoy“, Mexiko, kommentiert: „Angela Merkel hatte recht, als sie nach den Morden von Hanau Hass und Rassismus als Gift bezeichnete. Aber sie hat keine Antwort auf die zentrale Frage gegeben, was denn dann das Gegengift sein soll? Es geht darum, die zahlreichen rassistischen Botschaften und Verschwörungstheorien zu bekämpfen, die im Internet und in sozialen Netzwerken kursieren.

Die Zeitung „Trouw“ (Niederlande)analysiert: „Texte des Täters enthielten alle möglichen Wahnvorstellungen. Deshalb handle es sich um die Tat eines Irren und nicht um linken oder rechten Terror, erklärte der AfD-Vorsitzende Meuthen. Für die AfD kann der Schütze nicht wahnsinnig genug gewesen sein. Was aus seinen Äußerungen bekannt geworden ist, geht sicherlich in diese Richtung. Aber die Partei kann sich nicht so leicht aus der Affäre ziehen. Wer eine Partitur voller Hass auf das Dirigentenpult legt, darf sich nicht wundern, dass das Orchester Hass spielt. Es geht nicht um einen verwirrten Spinner, die Rhetorik der AfD hat längst ein gewalttätiges Gegenstück bekommen“.

Die Zeitung „Lianhe Ribao“ (Taiwan) schreibt: „Nach drei blutigen Anschlägen, die mutmaßlich von Rechtsextremisten verübt wurden, stellen sich immer mehr Deutsche die bange Frage, ob ihr Land dieser Welle des fanatischen Rassenhasses noch weiter standhalten kann.“

Und die „Times“ (Großbritannien) meint: „Deutschlands Sicherheitsapparat war viele Jahre lang darauf ausgerichtet, sich auf die vom islamistischen Terrorismus ausgehende Bedrohung zu konzentrieren. Kritiker argumentieren, dass er lange Zeit zu selbstgefällig – oder gar vorsätzlich blind – auf das Aufkommen einer flexiblen, heterogenen und internationalisierten extremen Rechten reagierte und es daher versäumte, angemessene Ressourcen für deren Überwachung bereitzustellen.“

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