Ob er freigesprochen wird oder ins Gefängnis kommt, steht für den Angeklagten Dirk M. (rechts) nach der Urteilsverkündung am 9. Februar fest. Foto: Habermann

Hanau

Freispruch oder lebenslang? - Plädoyers im "Spiritus-Mord"

Hanau. Hat der frühere Anwalt Dirk M. (49) seine Frau Petra (52) mit Spiritus übergossen, angezündet und so getötet? Die Staatsanwaltschaft sieht das als erwiesen an und verlangt eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes aus Grausamkeit. Die Verteidiger hingegen plädieren auf Freispruch.

Von Rainer Habermann

In einem mehr als einstündigen Plädoyer zeichnete Oberstaatsanwalt Dominik Mies gestern ein düsteres Profil des Angeklagten. Der sei nach dem Jahr 2004, in dem er auch seine Anwaltszulassung zurückgegeben habe oder habe zurückgeben müssen, wie Mies andeutete, regelrecht abgestürzt. Obwohl Dirk M. auch zuvor schon auf großem Fuß gelebt habe, ohne allerdings „das Bein heben zu können“. Den ersten Teil des Hunde-Aphorismus verwendete Mies ebenfalls.

Dirk M.s Strafregister würdigte der Staatsanwalt als „wilden Ritt durchs StGB“ und als „die Geschichte eines notorischen Lügners und Blenders, dem man auch heute kein Wort glauben kann“. Hinzu stellte er das Bild eines „brutalen Schlägers“, bezogen auf dessen Ehefrau Petra M., von der Zeugen geschildert hatten, sie sei häufig mit Hämatomen im Gesicht gesehen worden.

TathergangDen Tathergang sieht der Oberstaatsanwalt – nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme mit zahlreichen Zeugen und Gutachtern an sieben Prozesstagen – folgendermaßen: Dirk M. habe am Abend oder in der Nacht des 20. März 2017 seine Frau im Treppenhaus geschlagen, sie anschließend in der Badewanne sitzend mit Spiritus übergossen und angezündet. Danach habe er die Schwerstverletzte noch abgeduscht, Spuren versucht zu beseitigen, sie schließlich mit einem frischen Nachthemd versehen ins Bett gelegt, die Wäsche gewaschen und auf einen Ständer gehängt.

Am Morgen des 21. März sei er um 8.30 Uhr nach Frankfurt gefahren und gegen 20 Uhr zurück in die Wohnung gekommen, wo er dann um 20.26 Uhr selbst den Notruf auslöste. „Am Morgen ließ er sie in ihren Qualen liegen, am Abend spielte er dann den besorgten Ehemann, wobei er sich noch einen Alibi-Zeugen besorgte“, bewertete Mies die Aussage eines Zeugen in Maintal.

Fehlender GesprächsnachweisDer soll ein angebliches Handytelefonat zwischen Dirk M. und seiner Frau mitbekommen haben, am frühen Abend des 21. März, in dem es ums Essen ging. Allein: Es gibt keinen Nachweis für dieses Gespräch anhand der Handydaten. Die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld beantragte Mies nicht, obwohl „die Tatausführung bestialisch war, das Vortatverhalten unterirdisch, und das Nachtatverhalten nur den Kopf schütteln lässt“.

Rechtsanwältin Catrin Runge beeindruckt dies alles keineswegs. Das gesamte Verfahren sei „geprägt von Eindrücken, Stimmungen, wenig Fakten“. Entscheidend sei die mutmaßliche Tatzeit, die ein Gutachter indessen wohl widersprüchlich dargestellt hatte. Nach dessen letzten Erkenntnissen rührten die Verletzungen der Petra M. nämlich angeblich aus einem Zeitrahmen von sechs bis acht Stunden vor der Untersuchung her, die er durchgeführt hatte.

Gab es einen ominösen Dritten?Und für die daraus ermittelte Tatzeit am Morgen des 21. März habe Dirk M. schließlich ein bestätigtes Alibi: Er war nachweislich in Frankfurt. War es doch ein ominöser Dritter, der Petra M. ins Jenseits beförderte? Auch ein Motiv sieht Runge für ihren Mandanten nicht.

Hinzu komme, dass keinerlei Angriffsspuren an Dirk M. festgestellt wurden und es immerhin 14 Spuren in der Wohnung gibt, die bisher nicht identifizierbar sind. „Viele Indizien, wenige Fakten, das ist nicht ausreichend für eine Verurteilung. Freispruch“, lautete das Schlussplädoyer Runges. Der zweite Verteidiger, Rechtsanwalt Matthias Reuter, schloss sich an.

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