1. Startseite
  2. Hanau

Frau in Klein-Auheim erstochen: Fotos einer Tragödie

Erstellt: Aktualisiert:

Der Angeklagte Edward K. im Gerichtssaal des Hanauer Landgerichts. Nun hat der Streifenbeamte, der zuerst am Tatort war, seine Eindrücke von dem Bild, das sich ihm bot, geschildert. Archivfoto: Graber
Der Angeklagte Edward K. im Gerichtssaal des Hanauer Landgerichts. Nun hat der Streifenbeamte, der zuerst am Tatort war, seine Eindrücke von dem Bild, das sich ihm bot, geschildert. Archivfoto: Graber

Hanau. Margarete K. wurde von ihrem Mann erstochen, weil sie "zu viel redete". Vor Gericht berichtete nun der Polizist, der als erstes zum Tatort in Klein-Auheim gekommen war, von der Tragödie, die sich ihm offenbarte.

Von Dieter A. Graber

Als der Streifenbeamte Thomas H. am 17. Februar um 18.33 Uhr die Wohnung im obersten Stock des Hauses Eisenbahnstraße 30 in Klein-Auheim betrat, bot sich ihm ein schauriges Bild: In der Küche saß Margareta K. (53) auf einem Stuhl, den Kopf tief in den Nacken gelegt, und aus dem oberen Teil ihres Rumpfes ragten drei Messer, fast symmetrisch angeordnet, wie in einem Ritual.

Zu diesem Zeitpunkt, mutmaßt Polizist H., müsse sie schon eine Weile tot gewesen sein. Er fühlt keinen Puls mehr. Sie ist kalt. Und sehr blass. Dann hat er pflichtschuldigst die Wohnung fotografiert.

An Skurrilität kaum zu überbietenDie Bilder sind jetzt auf den Monitoren in Saal 215 des Hanauer Landgerichts zu sehen. Dokumente eines Verbrechens, das in seiner Skurrilität kaum zu überbieten ist. Edward K. gab an, seine Frau getötet zu haben, weil sie zu viel redete. Noch am Tatort erklärte er den Polizeibeamten: „Ich hab’s nicht mehr ausgehalten.“Es ist ein Motiv, das in Männerrunden augenzwinkernde Empathie für den Täter hervorrufen mag, bedient es doch ein billiges Klischee, gleichzeitig ist es aber auch Ausdruck eines schrecklichen Verhängnisses, das sich ins Dasein zweier Menschen schlich, die gemeinsam bereits die zweite Lebenshälfte erreicht hatten.

Dem, was die 1. Große Strafkammer nun aufzuklären hat, lässt sich mit Paragraphen allein wohl kaum beikommen. Auf der Gutachterbank sitzt deshalb der forensische Psychiater Ansgar Klimke aus Friedrichsdorf. Auf ihn wird es ankommen in diesem Verfahren.

Der Angeklagte soll erst einmal nichts sagenEdward K. ist 66 Jahre alt, grau das Haar, grau der Bart, blaukariert das Hemd. Elektriker hat er mal gelernt, in Polen war das, seiner Heimat. Längst ist er in Rente. Er könnte einer jener Männer in fortgeschrittenem Alter sein, die, auf Parkbänken sitzend, sachkundig Freilandschachpartien verfolgen. Und genauso verfolgt er auch seinen Prozess, nämlich mit angespannter Aufmerksamkeit, den Kopf leicht schief, hellwach. Er hat die Hanauer Strafrechtler Matthias Reuter und Michael Simon an seiner Seite. Sagen will – oder besser: soll – er zunächst einmal nichts. Verteidigungstaktik. Die Kammer setzte erst mal fünf Verhandlungstage an.

Die Bilder des Polizisten Thomas H. aber erzählen vieles. Sie berichten aus einem Leben, dessen triste Seite von Edward K. im Alkohol ertränkt wurde und das seine Frau vermutlich nur noch mit Tabletten ertragen konnte, denn auf und unter dem Küchentisch, neben dem sie den Tod fand, sind Medikamentenpackungen und allerhand lose Arzneimittel zu sehen.

Zahllose Weinflaschen im WohnzimmerIm Wohnzimmer ein Sofa, zur Bettstatt hergerichtet. Weinflaschen zuhauf. Es ist das Zuhause zweier Menschen, die sich auf wenige Quadratmeter schon sehr weit voneinander entfernt hatten. Auf der Küchenanrichte zwei umgestürzte Messerblöcke. Drei der Schneidwerkzeuge fehlen. Herr H., der Polizist, sagt, es seien welche mit Metallgriff gewesen, „wie Rewe sie im Sortiment hatte“.

Edward K. meldete sich um 18.22 Uhr selbst bei der Notrufzentrale. Richter Peter Graßmück spielt den auf CD gesicherten Anruf ab: Herr K. buchstabiert zunächst seinen Namen. Er nennt seine Adresse. Seine Stimme ist ruhig: „Ich habe meine Frau erstochen“, sagt er dann. „Ich habe ihr drei Messer in die Brust gestochen.“ Dabei war ein Herzbeutel durchtrennt worden, wie es in der Anklageschrift heißt, und 1,6 Liter Blut in die Brusthöhle gelaufen. In der Küche ist, von ein paar Spritzern auf dem Boden abgesehen, nichts davon zu bemerken.

Streife nimmt betrunkenen Edward K. festElf Minuten nach dem Anruf des Täters trifft die Streife vor Ort ein. Es ist eine ruhige Straße. Sechs langgezogene, wuchtige Wohnriegel schirmen die kleinteilige Bebauung des Stadtteils vom gegenüberliegenden Gewerbegebiet ab. Kleine Balkone kleben an adretten Fassaden. Die Beamten bringen Herrn K. zu Boden, fesseln seine Hände auf den Rücken. Er ist betrunken. 2,94 Promille. Auch davon gibt es ein Foto. Ein alter Mann in Handschellen. Ein trauriges Bild. Der Polizeiarzt wird ihn später für zunächst haftunfähig erklären.

Dem Angeklagten gegenüber in Saal 215 sitzt eine junge Frau, Adela, die Tochter des Opfers. Sie tritt als Nebenklägerin auf. Er ist, wenn man so will, ihr Stiefvater. Es war eine späte Liebe gewesen, zwischen ihm und ihrer Mutter. Sie endete in einer Tragödie. Der Prozess wird kommenden Montag fortgesetzt.

Auch interessant