Burgenromantik pur: Die Ruine Frankenstein war bereits Ende des 19. Jahrhunderts Ziel von Ausflüglern und Wanderern auf den Spuren einstiger Ritterromantik (Postkarte um 1900). Repro: Kurz

Hanau/Darmstadt

Frankenstein war gar kein Hesse

Der Mythos um die Romanfigur wird seit Jahren auf der Burg bei Darmstadt gepflegt, jetzt ist er offiziell widerlegt – Eine Geschichte über „Fake News“, die Amerikaner und einen Hanauer Autor.

Von Werner Kurz

Hanau/Darmstadt Die Amerikaner und Hanau, das ist ein nahezu abgeschlossenes Kapitel der Stadtgeschichte. Ein halbes Jahrhundert haben sie in der Stadt und mehr oder weniger mit den Hanauern gelebt, haben zum Stadtbild beigetragen und so manche freundschaftlichen oder gar familiären Bindungen geschaffen.

Die Anwesenheit von zeitweise über 30 000 Soldaten und ihren Angehörigen in der größten überseeischen Garnison der US-Army hat denn auch so manches aus der amerikanischen Alltagskultur hierzulande etabliert, Pizza, Rock 'n' Roll, Coca Cola. Oder den bis in die späten 1960er Jahre hierzulande unbekannten Valentinstag. Und last but not least das alljährliche Spektakel zu Halloween, das sich seit Ende der 1970er Jahre breit gemacht hat, mit Macht und einer allem Kommerz eigenen schrillen Begleitmusik.

Roman 1818 erschienen

Für viele Hanauer der Generation von 1970/80 war die erste Halloween-Erfahrung mit einem Besuch im „Five-Pfennig-Playhouse“ in Wolfgang verbunden. Jenes kleine, feine Theater in der Old Aragonner zeigte jeweils am Vorabend von Allerheiligen für ein entsprechend animiertes und ausstaffiertes Publikum die ganze Nacht Gruselfilme. Im Theater tummelten sich dann Vampire und andere Untote, auf der Leinwand gaben sich Christopher Lee und Boris Karlov die Klinke in die Hand. Denn selbstredend durfte Frankenstein nicht fehlen, eine Figur, die es Hollywood immer wieder angetan hat.

Nun waren – und sind – die Amerikaner bekannt dafür, Fünfe auch mal gerade seien zu lassen. Und so wurde dann irgendwann einmal in eben jenen 1970er Jahren Frankenstein und Halloween von Mitgliedern der Darmstädter amerikanischen Militärgemeinde zu einer in der Kultur- und Literaturgeschichte bis dahin nicht vorgesehenen Synthese zusammengefügt: Im Jahr 1818 erschien aus der Feder der englischen Schriftstellerin Mary Wallstonecraft Shelly (1793 bis 1851) der Roman „Frankenstein oder Der neue Prometheus“.

Burgruine in Darmstadt

Er begründete das Genre der literarischen schwarzen Romantik und gilt als der Nukleus des Gruselromans schlechthin. Die Figur des Dr. Frankenstein und seines „künstlichen Menschen“, fand denn auch ungezählte Nachahmer, später vor allem in Hollywood. Mit tatkräftiger Hilfe der Filmindustrie sollte Frankenstein zum Synonym für das Grauen schlechthin werden.

Und dieses Grauen hatte für schlichte amerikanische Gemüter auch schnell einen Ort. Unweit Darmstadt, gleich hinter dem Stadtteil Eberstadt, liegt nämlich eine Burgruine, deren Name einem jungen GI aus den Weiten der Prairie oder den Wäldern der Rocks Mountains durchaus eine Schauer über den Rücken jagen konnte, die Ruine Frankenstein. Und in der Tat: Nachdem die Militärpolizei einer außer Kontrolle geratenen Halloween-Party in einer Darmstädter Kaserne im Spätjahr 1975 ein Ende bereiten musste, wurden solche Veranstaltungen verboten.

Doch die findigen GIs hatten schnell in der Burg mit dem gruseligen Namen einen neuen, ja viel besseren Ort. Bald schon wurde die Ruine zum absoluten Zentrum der deutsch-amerikanischen Halloween-Bewegung. Selbst auf dem Soldatensender AFN war Werbung für die Halloweenpartys „ . . . at the real home of the monster, Frankenstein Castle near Darmstadt“ zu hören. Von den südhessischen Standorten organisierten die einschlägigen US-Organisationen Busfahrten dorthin.

Rührige Fan-Gemeinde

Halloween auf Frankenstein, das war eine immer populärere aber beileibe kein ausschließlich amerikanische Angelegenheit. Hier kommt nun ein Hanauer Autor ins Spiel, der in seiner Heimatstadt der Vergessenheit anheimgefallen ist: Dan Shocker. Hinter diesem, dem bekanntesten aus einer ganzen Reihe von Pseudonymen, verbirgt sich Jürgen Grasmück (1940 bis 2007). Bereits mit 15 Jahren hatte er begonnen, Heftchenromane zu schreiben, damals „Schundliteratur“ genannt.

Über die Jahre wurde er zu einer zentralen Figur, erst in den Gefilden der Science Fiction, später des Grusel-Genres. Dort feierte er seine größten Erfolge. Er erzielte riesige Auflagen, seine Romane wurden in ein gutes Dutzend Sprachen übersetzt, begleitet von einer ebenso großen wie rührigen Fan-Gemeinde. „Horrorromane aus der Etagenwohnung!“ titelte vor Jahren der HANAUER ANZEIGER in einem Bericht über den schon seit jungen Jahren an den Rollstuhl gefesselten Autor aus dem Tümpelgarten, der in Hanau auch die „Esoterische Buchhandlung“ betrieb.

Sein 1978 gegründeter Fanclub, der „Fantastik-Club Marlos“, traf sich wo? Natürlich auf Burg Frankenstein, und natürlich alljährlich zu Halloween. Dabei kam Grasmück auch die Idee zu einer Taschenbuchreihe, die ab 1981 unter dem etwas sperrigen Titel „Monster-Frankenstein-Spannungsroman“ erschien. Es erschien alljährlich ein Band, der jeweils zu Halloween auf Burg Frankenstein präsentiert wurde.

Doch nicht nur historisch uninformierte Amerikaner oder deutsche Grusel-Fans hatten binnen kürzester Zeit Gefallen an den alljährlichen Halloween-Spektakeln auf der Burg Frankenstein gefunden. Deren Geschichte und die des namensgebenden Geschlechts ist derweil gut erforscht. Die Bauzeit datieren Historiker auf die Mitte des 13. Jahrhunderts. Den Stamm derer von Frankenstein begründeten damals Mitglieder der Familien von Breuberg und von Weiterstadt, hessischer Kleinadel also. Im 17. Jahrhundert erwarb dann Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt Burg und Herrschaft, während sich die Frankensteiner, inzwischen zu Freiherren avanciert, im Fränkischen niederließen, wo in Ullstadt noch heute Mitglieder der Familie leben.

Hans Dippel von Frankenstein soll mit Leichen experimentiert haben

Im 18. und 19. Jahrhundert verfiel die Burg und wurde als Steinbruch benutzt. Viel Arbeit für die Wissenschaft gab es also nicht mehr. Neu war aber eine im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von amerikanischen Soldaten in die Welt gesetzte Variante der „fake news“, welche uns glauben machen will, es gäbe es einen Zusammenhang zwischen der Burg Frankenstein und der literarischen Gestalt gleichen Namens. Nachdem die Sache nun einmal in der Welt war, hielten nämlich auch die Hobby-Historiker nicht mehr still.

Nicht nur die angebliche Inspiration, die eine englische Autorin auf einer Rheinreise für ein Stück Weltliteratur erfuhr war alsbald Gegenstand ihrer Forschung, bald schon hieß es, die Schriftstellerin sei tatsächlich auf der Burg gewesen. Dann taucht da ein Arzt und Theologe auf, der auf der Burg mit Leichen experimentiert habe, ein gewisser Hans Dippel von Frankenstein.

Zeitung fährt schweres Geschütz auf

Dies wiederum rief im Jahr 2004 professionelle amerikanische Geisterjäger auf den Plan, die dem alten Gemäuer mit allerlei moderner Technik zu Leibe rückten. Und siehe da: Der Geist eines gewissen Arbogast, der, wie er sagte, seit dem 10. Jahrhundert dort herumspukte, zeigte sich gesprächsbereit – und schon mussten die Historiker die Bauzeit der Burg korrigieren. Schließlich tauchte auch noch ein bis dahin unbekanntes „geheimes“ Tagebuch der Frankenstein-Autorin auf, in welchem sie über ihren Besuch auf der Burg berichtet.

Schweres Geschütz fuhr die US-Army-Zeitung „The Stars undamp; Stripes“ im gleichen Jahr auf, nämlich eine unumstößliche Instanz: die Brüder Grimm. Demnach sei die Stiefmutter von Mary Wallstonecraft Shelly die Übersetzerin der Hausmärchen der Brüder Grimm ins Englische. Ihr habe Jacob Grimm in einem Brief aus dem Jahr 1813 von einer Alchemistenküche aus Burg Frankenstein berichtet, wo ein Arzt mit Leichen experimentiert haben soll. Die Stiefmutter habe diesen Hinweis der Autorin mit auf ihre Rheinreise im Jahr 1814 gegeben.

Man kann indes nach Lage der Dinge davon ausgehen, dass Shelly nie den Fuß auf die Burg Frankenstein gesetzt hat. Auch wenn im bis heute nicht weiter publizierten „geheimen“ Tagebuch diese als „gewaltiges Gebäude voller Dunkelheit, zerbrochener Mauern und geheimnisvoll wallenden Novembernebeln, wundervoll scheinend unter dem strahlenden Mond. Sie erlaubt einen schönen Landschaftsblick über den Rheinfluß zu den blauen Bergen auf der anderen Flußseite“ beschrieben wird.

Fabel vom hessischen Ursprung

Der eigentlich in allen Sätteln der hessischen Literaturgesichte fest sitzende Heiner Boehncke hat all dies auch in sein Buch „Literaturland Hessen“ von 2005 einfließen lassen. Doch spätestens angesichts dessen, was da so holprig als Tagebucheintrag daherkommt und im englischen „Original“ nicht minder holprig klingt, sollte aufhorchen lassen. Auch andere Ungereimtheiten fallen auf: Die Grimm’schen Kinder-und Hausmärchen erschienen erstmals 1823 in England, übersetzt von einem Edgar Tylor. Wie war das mit der Stiefmutter? Und ob es jenen zitierten Brief Jacob Grimms an sie von 1813 gibt, das wäre zu belegen.

Die Fabel vom hessischen Ursprung des Frankenstein-Monsters, welche unbedarfte Amerikaner vor über vier Jahrzehnten in die Welt gesetzt haben, ist inzwischen aber zum großen Geschäft geworden. Unter dem Motto „Die berühmte Gruselparty auf dem Frankenstein wird 2018 noch krasser“ liefen auch dieses Jahr Wochen voraus die Vorbereitungen, und seit dem 19. Oktober wird bis 4. November gegruselt, was das Zeug hält. Das ist die eine Seite.

Um der literarischen Wahrheit auf die Sprünge zu helfen, brachte der schon lange zweifelnde Geschichtsverein Eberstadt/Frankenstein nun seinerseits schweres wissenschaftliches Geschütz in Stellung. In der Schrift „Behauptungen und Irrtümer zu Frankenstein“ seziert dort ein knappes Dutzend anerkannter Wissenschaftler die These vom Ursprung eines Stücks Weltliteratur an der Hessischen Bergstraße und all die Beweise, angebliche Tagebücher und neu entdeckten Dokumente.

Pressesprecher steckt dahinter

Am Ende bleibt so gut wie nichts vom „real home of the monster“. Frankenstein also kein Hesse. Doch wer steckt hinter der ganzen Sache? Ein Name taucht immer wieder auf, ob im Internet, im Zusammenhang mit den Geisterjägern und auch als Autor: Walter Scheele. Man braucht jetzt nur noch zu googeln, um zu erfahren, wer dieser Mann ist: Krimiautor, Journalist, Verfasser eines Burgführers – und langjähriger Pressesprecher des Halloween-Spektakels auf Burg Frankenstein.

Auch Boehncke muss 2005 eine Ahnung gehabt haben, trotz allen Wohlwollens, welches er einem hessischen Frankenstein entgegenbringt und für den er auch „stichhaltige Vermutungen“ sieht. Boehncke resümiert vorsichtig: „Letzte Klarheit gibt es nicht.“ Dem abgeholfen hat nun der Geschichtsverein Eberstadt/ Frankenstein e.V.

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