Beifall für eine streitbare Frau: FR-Chefredakteurin Bascha Mika (links) lobte die Frauenquote in Hanaus Stadtparlament. Bei den Spitzenpositionen sieht sie noch Luft nach oben. Foto: Mike Bender

Hanau

FR-Chefredakteurin Bascha Mika beim Hanauer Jahresempfang

Hanau. Beim Kochen ist es wie in Politik und Gesellschaft: Vielfalt sorgt für Abwechslungsreichtum und ein abgerundetes Ganzes. Wer unterschiedliche Zutaten kombiniert, erhält am Ende ein schmackhaftes Gericht.

Von Jutta Degen-Peters

Diese Erkenntnis machte sich die Rednerin des Jahresempfangs der Stadt Hanau, die Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“, Bascha Mika, zunutze, als sie ihren Vortrag mit dem Titel „Demokratie kann man nicht essen – von einem Lebensmittel der besonderen Art“ überschrieb.

Mit leichter Hand und doch bisweilen schwerem Herzen sezierte Mika, die auch Honorarprofessorin an der Universität der Künste Berlin ist, den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft und geißelte ein Klima, in dem Ressentiments, Wut und Rache um sich greifen, in dem Populisten Ausgrenzung und die moralische Vernichtung Andersdenkender vorantrieben.

Berichterstattung wird mit Essen verglichen

Dass sie in der Geburtsstadt der Brüder Grimm sprechen sollte, lieferte ihr die Steilvorlage für ihren Vortrag. Denn die beiden Sprachwissenschaftler und Märchensammler haben sich ja nicht nur um die Demokratie des Landes, sondern durch die von ihnen verbreiteten Märchen auch für das moralische Wertesystem schon der Allerkleinsten mitgeprägt.

So servierte die 64-Jährige den Bürgern der Brüder-Grimm-Stadt nach Art eines „Tischleins deck' dich“ ein Essen, das nur symbolisch in den Magen wandern, eigentlich aber den Geist (und das nachdenkliche Denken) nähren sollte. Gerichte wie Gulasch, Risotto, Pasta mit Soße oder Pizza dienten der Chefredakteurin zur Veranschaulichung. Oft werde in der Küche Unterschiedlichstes zusammengerührt, das zunächst nicht zwangsläufig zusammengehöre.

Grundgesetz als wichtigste Herausforderung

Doch das Rezept oder die Vernunft sorgten dafür, dass bisweilen auch scheinbar Gegensätzliches in einem Topf lande. Diese Art des Kochens verglich sie mit Verweis auf die 30-jährige Wiederkehr des Mauerfalls mit politisch-gesellschaftlichen Zusammenschlüssen. Wichtig sei hier wie da die Frage, was (uns) zusammenhalte.

„Wichtigste Herausforderung und das Rezept, auf dessen Basis wir zusammengehören, ist das Grundgesetz“, schlussfolgerte Mika. Dieses habe den Menschen ihre Würde zurückgegeben und sei Garant der Menschenrechte.

Bedenken nach Thüringer Wahlergebnis

Als wichtig fürs Kochen wie das Leben überhaupt bezeichnete sie die lebendige Bewegung. So wie Risottoreis ständig in Bewegung bleiben müsse, brauche auch die Demokratie einen steten Frischequell. Derzeit jedoch erscheine sie ausgelaugt, müde und geschwächt, befinde sich aber gleichzeitig in Aufruhr und Erregungszuständen: „Ihre Immunabwehr ist angegriffen.“

Mika beschrieb es mit dem Hinweis auf den 23-prozentigen Stimmenanteil der AfD bei den Landtagswahlen in Thüringen als bedenklich, dass dort oft schon junge Menschen einem demokratiefeindlichen Klima ausgesetzt seien und bezog sich auf Erfahrungen von Vertretern demokratischer Bildungseinrichtungen an manchen Schulen in der Ex-DDR. Sie analysierte, dass das Gefühl der Benachteiligung und der subjektive Eindruck, ungerecht behandelt zu werden, zu den stärksten Demütigungen gehörten, die ein Mensch erleben könne. Eine Gesellschaft, die sich nicht um Gerechtigkeit und den sozialen Ausgleich bemühe, gefährde deshalb die Demokratie.

Kritik an Künast-Urteil

Um zu verdeutlichen, wie wenig verträglich fast ungenießbare Zutaten sind, die von einigen, wenigen gewertschätzt werden, trug Mika anschließend „Surströmming“ auf, ein in Teilen Schwedens verbreitetes Gericht aus Gammelfisch. Dieses am stärksten stinkende Lebensmittel weltweit führt die Referentin zum Populismus. „Da hat sich ein Stil breitgemacht, wo Worte zu Waffen werden und immer schrillere Töne aus der rechten Ecke erklingen.“

Zwar sei eine kritische Öffentlichkeit Bestandteil und Vehikel der Demokratie. Doch die zunehmende Unkultur, die sich in der Kommunikation breitmache, in der Personen diffamiert würden, wenn es um die Sache gehe, müsse bekämpft werden, betonte die Honorarprofessorin für Medienethik. Sie kritisierte an dieser Stelle auch deutlich die Begründung, mit der das Landgericht Berlin die Klage der Grünen-Politikerin Renate Künast gegen übelste gegen sie gerichtete Beleidigungen verwarf.

„Demokratie braucht Leitplanken!“

Beleidigungen wie „Drecksfotze“ als „haarscharf an der Grenze des Zumutbaren“ durchgehen zu lassen, bezeichnete sie als unmöglich. Mit den Worten „es ist abstrus, dass der Begriff 'politisch korrekt' zum Schimpfwort mutiert“, beschrieb sie nach den Worten Eva Menasses einen Verlust der Mitte und eine Verfestigung der Extreme. „Die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten, kommt uns immer mehr abhanden“, so Mika weiter. Dass schleichend moralische Grenzen verrückten, brachte sie zu der Aussage „Demokratie braucht Leitplanken!“

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