Mit dem Kran wird der Rumpf der Attrappe des Lufthansa-Flugzeugs auf das Dach des Kaufhofs in Hanau gehievt.

Hanau

Wie das Flugzeug aufs Dach des Kaufhofs kam

Hanau. Mit abenteuerlichen Ideen wetteiferten Kaufhäuser in der Wirtschaftswunderzeit auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Kunden. Auch Hanau stand dem in nichts nach: Im Jahr 1959 präsentierte Kaufhof die Attrappe einer Vickers Viscount. So erklärt sich der Kommunikationschef der Kaufhof-Zentrale in Köln die Hanauer Aktion.

Von Jutta Degen-Peters

Auf Spurensuche hatte das Spektakel in unserer Zeitung zur Abbildung eines Fotos von HA-Leser Jürgen Brever (HA vom 23. Dezember 2017) und eine Anfrage in der Konzern-Zentrale des Kaufhof in Köln geführt. Zudem ging ein Aufruf an unsere Leser, in ihren Erinnerungs-Schatzkästlein zu kramen.

In der Filial-Dokumentation des Kaufhauses, so schreibt Dr. Rudolf Schmidt von der Pressestelle in Köln, habe das Spektakel offenbar keine Spuren hinterlassen. Doch Schmidt erklärt die Aktion mit dem Hinweis, dass in der Wirtschaftswunderzeit teilweise ein sehr großer Dekorations-Aufwand betrieben wurde. „Da entstand schon mal in 'nicht-ganz-aber-fast-Lebensgröße' ein Bahnsteig mit dem Kopf eines TEE-Zuges, ein orientalischer Basar oder die Fassade eines historischen Tietz- oder Kaufhof-Warenhauses – oder eben ein Stück Flugzeug, wie es 1958 im Kölner Hauptgeschäft zu sehen war.“Über 20 DekorateureUnd weiter: „Dort 'landete' im Rahmen eines vorweihnachtlichen Spektakels für Kinder und die ganze Familie eine Vickers Viscount 814 der Lufthansa. „ Schmidt fügt zur näheren Erläuterung eine Seite aus einer Ausgabe der Mitarbeiter-Zeitschrift (Kaufhof-Illustrierte) von 1959 bei. Er schließt nach den Erläuterungen in der HA-Veröffentlichung vom Dezember 1959 darauf, dass der Nachbau anschließend auf Tournee gegangen sein und so auf das Dach des Hanauer Kaufhofs gelangt sein könnte.

Wie groß der Aufwand war, den die Kaufhäuser damals mit den Dekorationen in den Schaufenstern und dem gesamten Verkaufsbereich betrieben, belegen auch die Aussagen von Hans-Jürgen Franz aus Hanau, der sich mit dem Satz „Ich bin der Mann mit dem Flugzeug“ und der Zusendung mehrerer Fotos auf die HA-Veröffentlichung hin gemeldet hatte. Über 20 Dekorateure beschäftigte die Hanauer Kaufhof-Zentrale seinen Worten nach damals.Mit dem Kran aufs Dach gehievt14 Jahre alt war Franz, als er 1959 seine Lehrstelle als Dekorateur in Hanau antrat. Er sei damals einer von fünf oder sechs Lehrlingen gewesen, erinnert er sich. Was er zu erzählen hat, dokumentieren die vier Schwarz-Weiß-Bilder, die vor knapp 60 Jahren entstanden sind. Auf den Fotos ist zu sehen, wie in der Adventszeit des Jahres 1959 die Attrappe eines Vickers-Flugzeugs mit dem Aufdruck Lufthansa mit dem Kran aufs Kaufhausdach gehievt wurde. Diese Propellermaschine der Vickers-Armstrongs (Aircraft) Ltd. war das erste nach dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien neu gebaute Passagierflugzeug.

Zur Eröffnung des neugebauten Kaufhofs am Marktplatz am 27./28. November 1957 – vorher hatten die Kunden ihren Kaufhof von Ende der 20er Jahre an der Ecke Hirschstraße/Nürnberger Straße gefunden – waren die Schaufenster allesamt mit Szenen aus dem alten Vorkriegs-Hanau dekoriert worden. „Diese Bilder“, so erinnert sich Franz, „wurden auf Wunsch der alten Hanauer in der Folge zur Weihnachtszeit noch einmal gezeigt. Danach seien die Dioramen in das alte und leer stehende Gebäude des Kaufhof an der Nürnberger Straße gebracht und dort aufbewahrt worden.Dekorateure spielen Weihnachtsmann1959 leistete sich die Warenhauskette dann einen ganz besonderen Luxus: Sie ließ mit dem Kran den Rumpf und die beiden Tragflächen der Vickers Viking-Maschine – einen Nachbau aus Pappe und Blech – auf das Dach des Kaufhauses am Marktplatz hieven. „Dort oben mussten wir die Teile auf einem Podest aus Metall aufbauen“, sagt Franz. Schließlich sollte die Attraktion von unten aus zu sehen sein.

Nachdem die Handarbeit auf dem Dach beendet war, begann für die Dekorateure die künstlerische Herausforderung. Denn zu jeder vollen Stunde musste einer von ihnen als Weihnachtsmann fungieren. „Wir zogen uns im Innenraum der Attrappe um“, berichtet Franz. Noch liefen die Propeller der Vickers-Maschine, die über Elektromotoren in Gang gesetzt waren. „Dann stellten wir die Propeller ab und kamen in unserem Weihnachtsmann-Kostüm die Gangway herunter“, so Franz weiter.Gerade erst gelandetUnten auf dem Marktplatz hatten Kinder und deren Eltern sowie weitere Schaulustige sich aufgestellt und auf den Nikolaus gewartet. Denn die Hanauer Bürger wussten, dass zu jeder vollen Stunde – so verhieß es ein Schild in den Schaufenstern – der Weihnachtsmann vom Himmel winkte. Die laufenden Propeller vermittelten jeweils das Gefühl, dass der Rotmantel gerade erst in Hanau gelandet sei.

Hans-Jürgen Franz blieb nicht bis zum Ende seiner Berufslaufbahn bei Kaufhof in Hanau. Mit 20 Jahren wechselte er nach Frankfurt, blieb aber als „alter Hanauer“ immer in Hanau wohnen. Mit den Kollegen von damals hat er noch Kontakt. Sein damaliger Ausbilder lebt, heute 82-jährig, in Bruchköbel. Mit ihm hat er sich über die Flugzeugattrappe als Behausung des Weihnachtsmann ausgetauscht und ist sich mit ihm einig darüber, dass das damals eine ganz besonders gelungene Aktion war.

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