Schaurig-schön: Carolin Fortenbacher glänzt bei der ersten Premiere der Hanauer Festspielsaison in der Rolle der Ur-Hexe Tredecima. An die 1000 begeisterte Zuschauer spendeten nach der Vorstellung des Musicals "Jacob und Wilhelm – Weltenwandler" großen Applaus. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Festspiele: Überragende Hexe bei Premiere von "Jacob und Wilhelm"

Hanau. Ein Musical über die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zu inszenieren, ist zweifelsohne ein Wagnis. Es einzugehen, hat sich in jedem Fall gelohnt – so viel vorab.

Von Yvonne Backhaus-Arnold und Mirjam Fritzsche

Am Freitagabend kehrten die beiden weltbekannten Märchensammler aus Hanau im Musical „Weltenwandler“ zurück in ihre Heimatstadt. Rund 1000 Zuschauer erlebten die erste Premiere der 35. Festspiel-Saison.

Das mehr als zwei Stunden dauernde Stück aus der Feder von Kevin Schroeder und mit Kompositionen von Marc Schubring, die vor zwei Jahren das Musical „Vom Fischer und seiner Frau“ auf die Bühne brachten, lebt vor allem von starken Schauspielern in den Hauptrollen, besonderen Stimmen, von der Live-Musik, fantasievollen Kostümen und einem Bühnenbild, mit dem Tobias Schunck in diesem Jahr ein echter Clou gelungen ist.

Da ist auf der einen Seite die Welt von Jacob und Wilhelm mit Buchregalen und in Schwarz-Weiß und auf der anderen die kunterbunte Märchenwelt, die durch schiebbare Seitenelemente entsteht. Von der ersten Minute an setzen Regisseur Jan Radermacher und Choreograph Bart De Clercq die unzähligen Möglichkeiten dieser raffinierten Konstruktion ein, die Schräge, die Treppe, die beiden Drehscheiben, die sich gegeneinander bewegen. So ein ausgeklügeltes Bühnenbild gab es noch nie.

Auch die Geschichte ist kein klassisches Märchen, wie in den Jahren zuvor, sondern eine Geschichte über Märchen und über das Märchensammeln. „Erstmals stehen die Grimms selbst im Vordergrund. Aber keine Sorge, es wird kein Wikipedia-Musical, es gibt viele magische Momente“, betonte Intendant Frank-Lorenz Engel vorab beim Empfang an der Orangerie. Trotzdem erhalten die Zuschauer einen Blick in den Alltag der beiden Brüder in ihrer Junggesellenbude in Kassel – Geschichte zum Anfassen.

Wilhelm Grimm (Peter Lewys-Preston), gerade fertig mit dem Studium möchte die alten Volksmärchen vor dem Vergessen retten. Während sein Bruder Jacob (Jonas Hein) zweifelt, findet er in Dortchen Wild (Laura Pfister) und Marie Hassenpflug (Janne Marie Peters) zwei Mitstreiterinnen für seine Sache. Plötzlich taucht eine alte Spindel auf – angeblich die aus dem Märchen Dornröschen. Jacob sticht sich an ihr und landet unverhofft im Märchenreich. Hier ist es bunt und schrill. Die Bohne aus dem eher unbekannten Märchen „Strohhalm, Kohle und Bohne“ als Handpuppe (eine wunderbare Idee) ist da, der Froschkönig, Rapunzel, die Fischersfrau, der böse Wolf, der Dummling und Tredecima, die Ur-Hexe.

Unglaubliche Stimme

Gespielt wird sie von Carolin Fortenbacher, die bereits vor fünf Jahren als Stiefmutter Dorabella im Musical „Aschenputtel“ auf der Bühne stand. Dass ihr die bösen Charaktere besonderen Spaß machen, merkt man der versierten Schauspielerin an. Tredecima ist ihr auf den Leib geschrieben. Mit einer fantastisch-gruseligen Maske, die im ersten Teil an Gollum aus dem „Herr der Ringe“ erinnert, einem voluminösen rot-schwarzen Mantel, einem schaurig-schönen Spiel und einer unglaublichen Stimme erobert Fortenbacher das Publikum unter dem weißen Kuppeldach von der ersten Minute an. Mit ihrer unglaublichen Präsenz dominiert sie die Bühne, neben ihr haben es die anderen Schauspieler schwer. Auch wenn die Brüder ohne Frage gut dargestellt sind. Beide sind stimmlich und schauspielerisch top und gut gecastet.

Jacob lernt im fantastischen Wald die wort- und stimmgewaltige Thalia, gespielt von Maria Danae Bansen, kennen, die ihm die Augen für Märchen öffnet. So – „Augen auf“ – heißt auch das Duett der beiden, das einen besonderen Eindruck hinterlässt und zumindest ein wenig Ohrwurm-Qualität hat. Die Musik ist jazzig, manchmal poppig, lebt von vielen Taktwechseln und choreografischen Kniffen. So scheinen die Märchenwesen über eine eigene Gestik zu kommunizieren. Jacob ist – trotz anfänglicher Skepsis – begeistert. Doch irgendetwas stimmt nicht in der Märchenwelt, denn nach und nach verschwinden einzelne Charaktere. Hänsel und Gretel sind schon weg, und die Bremer Stadtmusikanten ebenfalls. Wen Wilhelm in sein Buch schreibt, der verschwindet. Und plötzlich ist Jacob in Gefahr. Es gibt nur einen Weg zurück: mit dem Kuss der wahren Liebe.

"Wurstbrot mit Senf"

Immer wieder gibt es besondere Momente auf der Bühne – wenn die Bücher zu tanzen beginnen oder der süße Brei sich ausbreitet. Das Hin und Her in der Handlung nach der Pause aber ist anstrengend und für den Zuschauer nicht wirklich nachzuvollziehen. Jacob kehrt zurück, ungewollt im Schlepptau die Hexe, Wilhelm geht in die Märchenwelt. Die Motive bleiben unklar. Durch das Tempo, vor allem im zweiten Teil, geht Inhalt verloren. Zu wirr, zu schnell folgen die Szenen aufeinander. Manches wirkt deplatziert. Der Zuschauer kann der Entwicklung der Geschichte nicht folgen, sie hat zu viele Brüche.

Mehr hätte man sich von den witzigen Elemente gewünscht. Wie das Duett zwischen Dortchen und Wilhelm. Sie hofft auf eine Liebeserklärung, der unbeholfene Sprachwissenschaftler lobt aber nur ihr „Wurstbrot mit Senf“. Oder Wilhelms Vorbereitung auf seine „Reise“ in die Märchenwelt: Er wird als Pechmarie verkleidet.

Versöhnlich, dass die beiden Brüder kurz vor dem Finale noch einmal ihr schauspielerisches und gesangliches Können im Duett unter Beweis stellen können. Wie im echten Märchen fügt sich am Ende alles zusammen, ein Sprecher aus dem Off erzählt, wie das Leben von Jacob und Wilhelm, Dortchen Wild und Marie Hassepflug weitergeht. „Jacob und Wilhelm – Weltenwandler“ gewährt einen ganz neuen Blick auf Hanaus bekannteste Söhne, regt an, darüber nachzudenken, wie die Märchen eigentlich aufgeschrieben wurden und so lange Zeit überdauert haben.

Es ist ein Musical mit hochkarätiger Besetzung, aber inhaltlichen Schwächen. Für jüngere Kinder ist es nicht zu empfehlen. Die Zuschauer am Premierenabend sind am Ende begeistert, erheben sich bereits nach wenigen Augenblicken von ihren Stühlen, um stehend zu applaudieren. Auch wenn im zweiten Teil des Musicals viele Fragezeichen offen bleiben – dem Spektakel auf der Bühne hat dies (fast) keinen Abbruch getan.

„Jacob und Wilhelm – Weltenwandler“ ist wieder am Sonntag, 19. Mai, ab 14 Uhr sowie am Dienstag, 21. Mai, ab 17.30 Uhr zu sehen. Karten gibt es unter anderem im Hanau Laden, Am Freiheitsplatz 3.

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