Doch Werthers Liebe bleibt unglücklich, denn Lotte ist schon Albert (Dominik Penschek, links) versprochen. Foto: Axel Häsler

Hanau

Festspiele: Premiere "Die Leiden des jungen Werther" begeistert

Hanau. Ein junger Mann, geleitet von seinen Gefühlen, unsterblich verliebt. Ein anderer junger Mann, das genaue Gegenteil von dem Ersten, rational und pragmatisch, ein Kopfmensch. Und eine junge Frau, hin- und hergerissen zwischen den beiden - dem einen, mit dem sie so viel Spaß hat, und dem anderen, dem sie versprochen ist.

Von Carolin-Christin Czichowski

Mehr braucht es nicht, um eine tragische Liebesgeschichte zu erzählen, die auch 245 Jahre, nachdem Goethe eines seiner bedeutendsten Sturm-und-Drang-Werke herausgebracht hat, immer noch brandaktuell ist. Unter dem Motto „Junge Talente in der Wallonisch- Niederländischen Kirche“ fand am Freitagabend die Premiere von „Die Leiden des jungen Werther“ im Rahmen der 35. Brüder-Grimm-Festspiele statt.

Schon im vergangenen Jahr hat Regisseur Patrick Dollmann die tragische Liebesgeschichte rund um Werther, Lotte und Albert auf die Bühne der Wallonisch-Niederländischen Kirche gebracht. Mit einer Auslastung von durchschnittlich 102 Prozent hat sich das Stück zur erfolgreichsten Inszenierung in der Geschichte der Brüder-Grimm-Festspiele entwickelt.

Dem Motto „Junge Talente“ wurden die drei Darsteller mehr als gerecht. Lukas Sperber nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise in Werthers Innerstes, lässt sie teilhaben an seiner Zerrissenheit. Im einen Moment himmelhoch jauchzend, als er Lotte kennenlernt und sich in sie verliebt, springt der 24-jährige Sperber vergnügt von der Bühne, lässt alle Welt daran teilhaben, wie glücklich er ist. Im nächsten Moment zu Tode betrübt, als er erfährt, dass Lotte schon an Albert versprochen ist, dass seine Liebe unerreichbar bleiben wird. Gekonnt spielt Sperber diese Gefühlsextreme, die sich während des knapp 90-minütigen Stücks immer wieder abwechseln – und schließlich in Werthers Selbstmord enden.

Auch Katarina Schmidt spielt die Zerrissenheit der Lotte mit einer solchen Authentizität, dass der Zuschauer immer wieder mitfiebert. Soll sie ihren Gefühlen für Werther nachgeben? Oder soll sie bei Albert bleiben, einem „braven Mann“, wie sie sagt, den sie ebenfalls liebt und der ihr ein gutes Leben verspricht? Albert, gespielt von Dominik Penschek, ist das genaue Gegenteil von dem stürmischen, von seinen Gefühlen geleiteten Werther.

Minimalistische Kulisse

Der Innenhof der Kirche bietet eine geeignete Kulisse, um die Zuschauer in das 18. Jahrhundert zurückzuversetzen. Das Bühnenbild ist ebenso minimalistisch wie das aus nur drei Schauspielern bestehende Ensemble. Eine Bühne, dahinter ein paar schwarze Wände, auf denen weißes Papier in Form eines Baumes aufgebracht ist, bedruckt mit Zitaten aus Goethes Werk.

Genauso minimalistisch ist auch der Einsatz von Licht und Musik, der sich lediglich auf die spannendsten Szenen in den letzten zehn Minuten des Stücks beschränkt, und die Auswahl der Requisiten: eine Schleife, die Lotte beim Tanzen mit Werther getragen hat, ein paar Briefe, aus denen die Protagonisten vorlesen, eine Feder, mit der Werther seine Briefe an Lotte verfasst, und letztlich die Pistole, mit der er sich das Leben nimmt.

Bühne für junge Talente

Immer wieder übernehmen die Schauspieler selbst die Rolle des Erzählers, was für den Zuschauer bisweilen verwirrend sein kann. Weitere Wermutstropfen sind Störfaktoren wie der Lärm der Flugzeuge, das Glockenläuten und die Vögel, die zwischendurch sehr laut von den Bäumen im Innenhof der Ruine zwitschern. Doch die drei Akteure überspielen das alles gekonnt, und auch die Akustik ist gut genug. Für die Inszenierung gab es am Freitag stehende Ovationen und Applaus vom Publikum. Die Premiere war restlos ausverkauft, ebenso sind es die fünf weiteren Vorstellungen bis einschließlich Freitag, 26. Juli, inklusive eines Zusatztermins am Dienstagabend.

„Junge Talente“ ist eine Reihe der Brüder-Grimm-Festspiele, die seit 2016 von jungen Schauspielern für junge Zuschauer angeboten wird. Sie gibt Nachwuchstalenten die Chance, auf der Bühne zu stehen und dort Erfahrungen zu sammeln. Übrigens hat sich die positive Resonanz herumgesprochen: Wer es verpasst hat, eine Vorstellung des Stücks in Hanau zu sehen kann vom 3. April 2020 an die Inszenierung als Gastspiel in Bonn-Bad Godesberg sehen.

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