Carolin Sophie Göbel sprüht vor guter Laune - im Interview mit HA-Redakteurin Kerstin Biehl verrät sie, dass sie trotz langjähriger Schauspielerfahrung noch immer Lampenfieber hat. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Festspiele: Interview mit der Stiefmutter aus "Schneewittchen"

Hanau. Sie ist böse, intrigant und durchtrieben – und scheut nicht davor zurück, für Schönheit zu morden. Denn, so sagt es das Märchen, sie allein will die Schönste im Land sein. Morgen Abend wird Carolin Sophie Göbel als Königin Eleonora auf der Festspielbühne erstmals in dieser Spielzeit dem Schneewittchen den giftigen Apfel reichen.

Von Kerstin Biehl

Interview mit Königin Eleonora,die böse Stiefmutter in „Schneewittchen“ alias Carolin Sophie Göbel: Wir haben die Schauspielerin in der Probenpause im Schlosspark getroffen und mit ihr nicht nur über Zwerge, Schönheit und Äpfel gesprochen.

Frau Göbel, essen Sie eigentlich noch Äpfel?

Ja (lacht), ständig. Seit andere wissen, dass ich diese Rolle spiele, werde ich immer wieder auf diesen Gag angesprochen. Wenn ich einen Apfel esse, heißt es 'Das würde ich jetzt lieber lassen' oder 'Von Dir nehme ich aber bestimmt keinen Apfel'. Es ist unglaublich, wie schnell dieser Running-Gag Fahrt aufgenommen hat.

Fies und böse, also so, wie man sich die Stiefmutter von Schneewittchen vorstellt, sehen sie nun wahrlich nicht aus und strahlen das auch mitnichten aus. Wie gelingt Ihnen die Verwandlung in die böse Intrigantin?

Ich muss sagen, dass sich diese Verwandlung in den vergangen Tagen, in denen bei den Proben Kostüm und Maske dazu gekommen sind und man das ganze Stück wirklich im Fluss durchspielen konnte, immer echter und besser anfühlt und damit auch leichter. Der Traum eines jeden Schauspielers ist es doch, eine Rolle zu spielen, bei der man richtig Dampf ablassen kann. Wenn eine Rolle viel Saft hat. Wenn sie emotional ist. Als Schauspieler hat man ja ein unbändiges Bedürfnis, Gefühle auszudrücken. Und je größer dieser Ausdruck sein kann, desto schöner ist es natürlich. Die böse Königin im Schneewittchen ist dafür wirklich eine Paraderolle.

Sie haben bei den Brüder-Grimm-Festspielen auch schon die Oberhexe im „Faust“ gespielt. Liegen Ihnen die dunklen Charaktere mehr?

Sie sind auf jeden Fall sehr interessant und vielschichtig. Die Figur der bösen Königin ist natürlich durch das Märchenhafte sehr überzeichnet. Aber auch in der echten Welt gibt es ja diese sehr eitlen und sehr fiesen Leute. Es macht unglaublich viel Spaß, wenn man da im Stück noch einen drauf geben kann. Und diese Chance möchte ich auch gerne nutzen. Was mir besonders gut gefällt ist, dass die Königin einen Moment im Stück hat, in dem sie sehr unsicher ist, in dem man ihr diese Angst, nicht die Schönste zu sein, so sehr anmerkt. Also nicht einfach nur auf das pur Böse beschränkt oder darauf, eine Frau zu sein, die merkt, dass sie altert. Königin Eleonore hat wirklich die Not, die Schönste sein zu wollen. In diesem Augenblick könnte sie auch jemand aus der heutigen Zeit sein.

Also ist Schönheitswahn und Schönheitsneid auch heute ein aktuelles Thema und das Märchen „Schneewittchen“ trifft unseren Zeitgeist?

Ja, denn irgendwie wird Schönheit immer präsenter. Man muss sich nur die ganzen YouTube-Stars anschauen. ‧Dadurch, dass heute jeder durch Social Media eine ‧Plattform hat, sich darzustellen, versucht man natürlich, sich bestmöglich darzustellen. Ich nehme mich davon nicht aus. Ich poste auch erst ein Bild, nachdem ich mir die Haare ‧gekämmt habe und nicht mit dem Kopfkissenabdruck morgens kurz nach dem Auf‧stehen. So ist das heute einfach. Und dadurch verschiebt sich natürlich auch so ein ‧bisschen die Wahrnehmung, und es werden Eitelkeiten und ein Schönheitswettbewerb geschürt.

Was macht einen denn schön?

Ich glaube nicht, dass die Jogurtcreme im Gesicht schön macht. Das ist doch alles Blödsinn. Gut mit seinen Mitmenschen umgehen und hilfsbereit sein macht schön, egal wie man aussieht.

Was ist die besondere Herausforderung Ihrer Rolle?

Schneewittchen ist bei den Brüder-Grimm-Festspielen ja schon einige Male auf dem Spielplan gewesen und natürlich haben die Zuschauer schon viele andere böse Königinnen gesehen. Ich hoffe, dass das, was ich mache, auch gefällt. Die Herausforderung ist, dass man nicht einfach nur eine fiese Frau spielt, sondern auch ein bisschen die Beweggründe zeigt, warum sie ihre Schönheit als einzige Möglichkeit sieht, wahrgenommen zu werden. Sie könnte ja auch mit anderen Werten glänzen, aber dieser Frau geht es einfach einzig um Optik. Sie trifft dieses Schneewittchen und fühlt sich in ihrer Position bedroht.

Das klassische Schneewittchen-Märchen ist eine Geschichte über Liebe und Toleranz, aber auch über Neid und Missgunst. Die Festspieladaption orientiert sich zwar daran, weicht aber auch davon ab. Inwiefern?

Sie ist sehr humorvoll. Und muss natürlich mit Nebenfiguren gefüllt werden. Denn würde man das Märchen so spielen, wie es wirklich von den Grimms geschrieben wurde, wäre man in 15 Minuten durch. Und das Stück soll ja einen Abend füllen. Da ist es natürlich klar, dass man die Handlung ausschmücken muss. Aber zu viel will ich noch gar nicht verraten. Vielleicht nur so viel: Die Zwerge, zum Beispiel, emanzipieren sich. Sie wollen nicht auf ihre Kleinwüchsigkeit reduziert werden und wünschen sich einen neuen Titel.

Für Sie ist es mittlerweile die vierte Festspielsaison in Hanau. Stehen Sie gerne auf der Amphitheaterbühne?

Ja, wahnsinnig gerne. Eigentlich ist es das schönste Engagement, das ich je hatte. Weil hier einfach wahnsinnig viel stimmt. Es ist unglaublich familiär. Es ist wie eine Sommerfamilie. Ich kann es anders nicht sagen. Wir feiern sehr viele Feste miteinander, wenn jemand Geburtstag hat, wird er beschenkt. Die Kostümbildner sind so tolle Leute, die ‧einen gerne gut aussehen ‧lassen. Man fühlt sich sehr, sehr aufgehoben. Welchen schöneren Beruf gibt es, als im Sommer, bei diesem Wetter, draußen zu stehen, in tollen Kostümen mit tollen Kollegen, die in dieser Zeit auch zu Freunden werden. In der Mittagspause eventuell mal an den See zu fahren und dann hier wieder zu spielen, zu grillen und nachher Zuschauer glücklich zu machen. Ich wüsste keine schönere Alternative.

Morgen ist Premiere. Haben Sie als gestandene Schauspielerin noch Lampenfieber?

Oh Gott ja! (lacht) Am schlimmsten ist es, wenn meine Familie unter den Zuschauern sitzt. Es könnte die wichtigste Persönlichkeit überhaupt im Publikum sitzen, aber Hauptsache meiner Mama und meinem Papa gefällt es. Das ist mir am wichtigsten. Klar ist man auch aufgeregt, wenn man mitbekommt, dass ein bedeutender Intendant da ist, da will man sich natürlich gut präsentieren. Aber mir ist es trotzdem am wichtigsten, dass meine Familie und meine Freunde es schön finden.

Zur PersonCarolin Sophie Göbel wurde 1989 in Koblenz geboren und begann als 17-Jährige ihre Schauspielausbildung. Neben dem Schauspiel ist sie zudem als Sprecherin tätig und leiht ihre Stimme unter anderem der „Augsburger Puppenkiste“. Für die Wahl-Münchnerin ist dies nun der vierte Festspielsommer bei den Brüder-Grimm-Festspielen. Hier war sie bereits in „Was ihr wollt“, im „Faust“ und in „Die Prinzessin auf der Erbse“ zu sehen. Neben der Königin Eleonora in Schneewittchen spielt sie in dieser Festspielsaison außerdem Margaretha Kurl und eine Kammerfrau in Maria Stuart. kb

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