Versöhnungskuss in der Stunde des Todes: Maria Stuart vergibt Graf Leicester seinen Verrat und wünscht ihm Glück. Foto: Paul

Hanau

Festspiele: Großartige Inszenierung des Klassikers Maria Stuart

Hanau. Das Ensemble der Brüder-Grimm-Festspiele bot am Samstagabend unter der Regie von Intendant Frank-Lorenz Engel eine großartige Inszenierung des Klassikers „Maria Stuart“ um Machterhalt, Intrigen, Liebe und Tod.

Von Jutta Degen-Peters

Zu einer Zeit, da der allgemeine Sprachgebrauch sich gerne der Verkürzung und Vereinfachung bedient, dringt eine geschliffene und facettenreiche Ausdrucksweise erst mit Verzögerung in Hirn und Herz vor. Dass das Ohr rasch vertraut, ja geradezu süchtig wurde nach dieser treffsicheren und detailreichen Ausdrucksweise, derer sich Friedrich Schiller in seinem Historiendrama „Maria Stuart“ bedient, war das Verdienst des Ensembles der Brüder-Grimm-Festspiele. Das bot am Samstagabend unter der Regie von Intendant Frank-Lorenz Engel eine großartige Inszenierung des Klassikers um Machterhalt, Intrigen, Liebe und Tod.

Trotz widriger Witterungsverhältnisse, die zwischenzeitlich eine kurze Regenpause erforderlich machten, wurde dem Publikum im zu zwei Dritteln besetzten Amphitheater heiß und kalt angesichts der mit Leidenschaft in Szene gesetzten Geschichte der beiden Königinnen Elisabeth (Madeleine Niesche) und Maria Stuart (Katja Straub), die mit dem Tode Marias auf dem Schafott endet.

Duell starker Frauen

Schillers Drama beschreibt nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Machtkampf, der im 16. Jahrhundert zwischen dem Hause Tudor und dem Hause Stuart tobte. Die englische Königin Elisabeth I. sieht ihren Thron durch ihre Großnichte bedroht und hält aus diesem Grunde ihre Widersacherin schon fast 20 Jahre gefangen, ihre Großnichte Maria Stuart, Königin von Schottland.

In dem Duell der beiden starken Frauen hat die zehn Jahre jüngere Maria, die eine schöne Frau gewesen sein muss, aus menschlicher Sicht eindeutig die besseren Karten: Sie ist stolz, bereut ihre Taten (unter anderem die Ermordung eines ihrer Gatten), geht am Ende furchtlos in den Tod und vergibt obendrein allen ihren Peinigern: ihrer Großtante, die nach langem Zögern das Todesurteil doch unterzeichnet, und ihrem Liebhaber Leicester (Lutz Erik Aikele), der gleichzeitig der Mann an der Seite von Elisabeth ist.

Eindringlich und mit ungebrochenem Lebensmut

Wie Katja Straub und Madeleine Niesche dieses Duell zweier Gigantinnen spielen, erzeugt Spannung. Katja Straub in der Rolle der Maria ist von der ersten Minute an präsent. Eindringlich und mit ungebrochenem Lebensmut macht sie den Männern um sich herum klar, wer hier stark und wer schwach ist: „Ich habe keineswegs mich unterworfen“, ruft sie aus und „Nicht das Schafott ist, was ich fürchte“. Die Haft macht sie nicht klein, kann sie nicht brechen. Eher wächst sie an ihrem Anspruch, Elisabeth zu beschämen. Selbst in der Stunde ihres Todes bleibt die Schottin stolz, unerschrocken und großmütig.

Madeleine Niesche scheint sich in der Rolle der Elisabeth von einer Szene zur nächsten stärker einzurichten. Lässt sie die Zuschauer zunächst verhalten in ihr Innerstes schauen, so kehrt sie im Zuge der Inszenierung ihre Zerrissenheit mehr und mehr nach außen. Zum Vorschein kommt die Herrscherin, die mit ihrem Schicksal hadert, auf der die Verantwortung für ihr Volk zu stark lastet, die nie heiraten wollte und sich aus politischem Kalkül nun doch mit dem König von Frankreich vermählen soll. Sie neidet Maria Stuart, dass diese ihrem Herzen folgen darf, wohingegen sie sich als Sklavin des Verstandes sieht. Vor allem aber windet sie sich förmlich, um nicht das Todesurteil unterzeichnen zu müssen. Die Begegnung mit Maria Stuart in der der dritten Szene, in der sich Katja Straub sehr überzeugend in Rage und um Kopf und Kragen redet, sorgt für den entscheidenden Sinneswandel.

Zwischen Abscheu und Mitleid

Zwischen den beiden Rivalinnen steht eine Riege adliger Berater, die bis auf den edlen Grafen von Shrewsbury (Stefan Schneider) machtversessen ihre eigenen Ziele verfolgen – an der Spitze Graf Leicester. Der Figur des intriganten Grafen hat Regisseur Engel in seiner Bühnenfassung mehr Raum gegeben als in der Originalvorlage. Dies ermöglicht dem Zuschauer intensive Einblick in Leicesters Seelenleben. Und da blickt er in Abgründe. Denn er,alias Lutz Erik Aikele, täuscht nicht nur Elisabeth und Maria über seine wahren Absichten. Auch der Zuschauer rätselt, wie hehr seine Motive sind, schwankt zwischen Abscheu und Mitleid.

Einen großen Auftritt hat er in seiner Schlussszene, in der er reumütig und gebrochen scheint. Allein steht er auf einer sich drehenden Bühne und beschreibt zu Klopfgeräuschen die Hinrichtung Marias. Aikele verkörpert diesen kurzen Moment der Redlichkeit nach einem hässlichen Ränkespiel sehr überzeugend.

Besondere Rolle des Bühnenbildes

Es ist ein gelungener Kunstgriff, dass die Hinrichtung selbst genau wie das Bild von Beil und Schafott nur mit Worten gemalt wird. Dafür sorgen eindringlich und bedrückend Gisela Kraft als Marias Zofe Hanna und die Kammerfrau Margaretha (Carolin Göbel).

Zum Erfolg des Stücks trägt auch das schlichte, dunkle Bühnenbild bei. Nur drei Pfeiler in Gold und Grau entlang der Schrägen, das Familienwappen der Tudors und ein weißer Thronsessel sind zu sehen. Dies unterstreicht die an Brokat, Seide und Pelzen, an Stoffen, Faltenwurf und Kragenkreationen reichen Kostüme von Ulla Röhrs, die die Königinnen und ihren Hofstaat prächtig kleiden.

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