Mittendrin: Wenn Schunck hier in der Natur sitzt, kommen ihm die besten Inspirationen. Wichtigstes Utensil ist für ihn der Dreikant, mit dem er in verschiedenen Maßstäben zeichnen kann. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Festspiele: Bühnenbildner Tobias Schunck lebt im Campingbus

Hanau. „Wenn alle schon im Bett sind, lieg' ich hier und zeichne.“ Tobias Schunck sitzt in der Tür seines roten VW-Campingbusses und dreht sich eine Zigarette. Der Bühnenbildner bei den Brüder-Grimm-Festspielen ist am dichtesten dran am Geschehen.

Von Jutta Degen-Peters

Während die anderen Ensemble-Mitglieder nach den Spielproben oder Arbeitseinsätzen in angemietete Zimmer, Hotels oder Pensionen abschwirren, bleibt Schunck im Park von Schloss Philippsruhe. Dort hat er seinen Campingbus abgestellt. „Dies ist meine Ruhestätte und der Ort meiner Inspiration“, sagt er und zeigt auf seine Behausung.

Liebe zum Schlosspark

Der Probenlärm aus dem wenige Meter entfernt liegenden Amphitheater dringt noch schwach an den Platz vor der Mauer unterhalb des Teehauses, wo Schunck unter einem Kastanienbaum sein Lager aufgeschlagen hat. Der Schlosspark hat es ihm angetan, als er vor sechs Jahren zum ersten Mal als Bühnenbildner für die Festspiele verpflichtet wurde. „Dazu kam, dass hier die Gästewohnungen immer knapp sind“, weiß der 39-Jährige aus Erfahrung.

In seinem zweiten Jahr in Hanau gelang es ihm nach mehreren Versuchen endlich, ein möbliertes Zimmer im Lamboy anzumieten. „Warum soll ich mir den Stress machen?“, fragte er sich damals, wenn die Arbeit ihm doch ohnehin kaum Zeit für Anderes lässt. „Die Vermieterin hatte mich mehrfach aufgefordert, doch die Küche mitzubenutzen. Am Ende habe ich mir zumindest mal einen Tee gekocht“, erinnert er sich.

In seinem 30 Jahre alten Camper, mit dem er schon durch ganz Europa gereist ist, kann er sich nach Herzenslust so bewegen, wie es die Arbeit verlangt: „Ich stehe mit der Technik auf und gehe mit der Kunst im Bett“, heißt das im Klartext. Also halb acht aus den Federn, wenn bühnenbildnerische Arbeiten zu erledigen sind, und – wie am Montag – um sechs Uhr ins Bett fallen, nachdem die Beleuchtungsprobe abgeschlossen ist.

Einsam auf seinem Campingplatz

Einsam ist Schunck auch in diesem Jahr nicht auf seinem selbsternannten Campingplatz. Ein Kollege hat seinen Wohnwagen gleich neben Schuncks VW-Bus abgestellt. „Doch so lebhaft wie im vergangenen Jahr geht es diesmal nicht zu.“ Mit vier Kollegen aus Leipzig und Portugal stand er 2018 unter einem Kastanienbaum, nachdem einer mit den Worten „Wenn du nächstes Jahr wieder hier stehst, bin ich dabei“ seine Gesellschaft auf dem idyllischen Standplatz angekündigt hatte.

Fast wie im Campingurlaub ist es hier. Geduscht wird im Teehaus oder in den Containern. Wenn die Jungs aus der Technik Feierabend hatten, haben sie für Schunck mitgekocht, schauten abends noch mal in der Orangerie vorbei, wo auch jetzt an den letzten Bühnenteilen gefeilt wird.

„Der familiäre Zusammenhalt bei den Festspielen ist wirklich toll“, findet der Bühnenbildner. Alle passten aufeinander auf. Sogar die Security-Leute kämen nachts noch mal vorbei und schauten nach dem Rechten. Morgens steht meist schon der Kaffee bereit in den Containern, in denen Schunck auch seinen Arbeits-Schreibtisch aufgestellt hat. „Und mittags um eins ist das Essen fertig“, freut er sich.

Keine langen Pausen

Ohne solcherlei Fürsorge würde sich der Künstler sicher von Chips und Saft ernähren. Denn lange Pausen gönnt sich der Mann aus dem Ruhrpott nicht. „Ich versuche die Zeit effizient zu nutzen und richtig Gas zu geben, um mir Zeit freizuschaufeln.“ Schließlich lebe er nicht hier, er arbeite hier.

Sein richtiges Leben findet in Witten statt. Dorthin fährt er manchmal am Wochenende zu seiner Frau, die gerade an ihrer Magisterarbeit über Friedens- und Konfliktforschung schreibt, und der zweijährigen Tochter. Die beiden großen Töchter sind schon 17 und 20 Jahre alt.

Wenn die vierte Premiere vorbei ist, bricht Schunck seine Zelte ab und fährt nach Hause. „Dann mach ich erst mal Ferien.“ Die finden dann nicht im Wohnmobil statt. Nach sechs Wochen braucht auch ein Künstler mal mehr Platz und Komfort.

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