Weder weiße Handschuhe, noch Mütze, aber Hemd und Schlips: Stefan Müller ist seit sechs Jahren einer von zwei Fahrern des Oberbürgermeisters. Sein Anforderungsprofil? Souverän fahren können, ein ordentliches Orientierungsvermögen besitzen, stressresistent sein und auf „seine Fracht“ eingehen können sollte er auf alle Fälle. Foto: Dagmar Gärtner

Hanau

Feriengespräch: Stefan Müller, Fahrer in Diensten des OB

Hanau. Eine Chauffeursmütze und weiße Handschuhe trägt Stefan Müller nicht, als er zum Feriengespräch in die HA-Redaktion kommt. Besitzt er gar nicht, sagt er und muss über die Frage lachen. Seit sechs Jahren kutschiert Müller seine wertvolle Fracht durch die Stadt und manchmal auch in andere Städte und Gemeinden.

Von Jutta Degen-Peters

In diesen sechs Jahren hat er vieles mitbekommen, was die Hanauer beschäftigt hat. Und er erlebt mit seinem Chef Claus Kaminsky, oft auf der Heimfahrt nach Abendterminen, auch Momente, die Raum für Privates zulassen.

Ganz klar, dass Müller beim Feriengespräch nicht zu sehr aus dem Nähkästchen plaudert. Das war vor der Verabredung mit der Redakteurin bereits abgemacht. Diskretion und Verschwiegenheit gehören schließlich zu den Tugenden, die der Fahrer einer prominenten Persönlichkeit mitbringen sollte. Schließlich sind Fahrer und Gefahrener während der Zeit im Auto, in diesem Falle ein BMW mit Hybridantrieb, auf engstem Raum zusammen. Und wer feine Antennen hat, bekommt so einiges mit.

Im Wochenwechsel mit Harald Klaus

Nach Hanau gezogen hat es den gebürtigen Wetzlarer im Jahr 2002. Er hatte seine heutige Frau kennengelernt und zog mit ihr zusammen. Heute ist der 53-Jährige mit seinem Kollegen Harald Klaus einer von zwei Fahrern des Oberbürgermeisters. Das heißt nicht, dass sich die beiden eine Chauffeursstelle teilen. „Wir sind im Wochenwechsel im Einsatz“, erklärt Müller. Wer gerade nicht fährt, ist in der Rathausverwaltung beschäftigt. Die Absprache und Zusammenarbeit klappen reibungslos.

Während der Dienstzeit als Fahrer steht der diensthabende Chauffeur dem OB den ganzen Tag zur Verfügung. Da kann es gut sein, dass der Arbeitstag schon früh morgens mit der ersten Fahrt beginnt. Und da es immer wieder Abendtermine gibt, endet das Tagewerk bisweilen auch mal später. Das macht Müller nichts aus. Auf die Frage, ob zwischen Chef und Angestelltem viele private Gespräche stattfinden, schüttelt er den Kopf:„Fahrtzeit ist Bürozeit“, er selbst konzentriere sich auf den Verkehr, der OB auf seine Arbeit.

Der Rathauschef lese, schreibe und telefoniere sehr viel während der Fahrten. Eine verbale Dauerberieselung kann er dabei nicht gebrauchen. Eher schon einen Mann, der zurückhaltend ist und Ruhe ausstrahlt. „Man spürt auch, wenn der OB mal Sorgen hat“, räumt Müller ein. Manche Sorgen teile man dann, wie etwa die nach dem Bombenfund in Hanau-Nord. „Es war gespenstisch, zum Fundort der Bombe zu fahren. Die Straßen waren komplett leer, keiner war unterwegs.“

Seit sechs Jahren steht Stefan Müller als Fahrer in Diensten des OB

In den ersten Jahren nach dem Umzug pendelte Müller noch täglich nach Wetzlar. Dort arbeitete der gelernte Berufskraftfahrer ebenfalls als Fahrer. Die Lehre zum Kaufmann, die er absolviert hatte, um mehr über das Geldgeschäft zu erfahren, eröffnete ihm aber keine wirklich neuen Perspektiven. „Mir war schnell klar, dass ich nie in den Verkauf gehen würde.“

Als einstiger Pendler zwischen den Welten ist Müller heute froh, dass er von seinem Kollegen angesprochen wurde, als die Stadt einen Nachfolger für den scheidenden Chauffeur Klaus Kraft suchte. Den Oberbürgermeister kannte Müller bereits. Ihn als Verwaltungsratsvorsitzenden der Sparkasse Hanau hatte er bei Fahrten für den Sparkassenvorstand kennengelernt.

„Die Trennung von meinem damaligen Arbeitgeber ist mir nicht leichtgefallen“, erinnert sich Müller. Doch am Ende gaben der Verlust an Lebensqualität und Lebenszeit durch die jahrelange Pendelei den Ausschlag. Heute sagt er: „Ich habe mich richtig entschieden und diese Entscheidung noch keine Sekunde bereut.“

Schwieriger Anfang aufgrund des Stadtumbaus

Dabei wurde ihm der Anfang in Hanau nicht leicht gemacht. Der fiel genau in die Zeit des Stadtumbaus, bei der Baustellen und Umleitungen selbst langjährigen Hanauern die Orientierung erschwerten. Da traf es sich gut, dass Claus Kaminsky sich in der Stadt auskennt wie in seiner Westentasche. „Oft hat mich der OB gut durch die täglich anders verlaufenden Umleitungen gelotst.“

Was sich aus dem Stadtumbau entwickelt hat, freut den Vater eines 13-jährigen Sohnes. „Wie sich die Stadt gemausert hat und wie schön auch die ganzen Privathäuser durch diverse Förderprojekte geworden sind, gefällt mir“, sagt Müller, der diese Aufwertung über die Jahre hinweg nicht ohne Stolz verfolgt hat.

Hochachtung für Claus Kaminsky

Für seinen Arbeitgeber hegt Müller große Hochachtung. Er bewundert seinen Fleiß, sein Durchhaltevermögen und die Tatsache, dass er auch für seine Anliegen kämpft, wenn es nötig ist. Zugleich beweise er immer wieder große Bürgernähe: „Bleiben Se mal eben stehen“, rufe ihm Kaminsky häufig zu, wenn er in der Stadt jemanden entdecke, dem er etwas sagen wolle.

Boxhandschuhe hat Müller übrigens ebenso wenig im Auto wie eine Nahkampfausbildung zu seiner Stellenbeschreibung gehört. Bislang sei es nicht nötig gewesen, den Chef vor aufdringlichen Bürgern zu schützen. Ein sicherer und souveräner Autofahrer mit gutem Orientierungsvermögen muss Müller hingegen schon sein. Von Zeit zu Zeit ein Fahrsicherheitstraining zu absolvieren, findet er wichtig. „Dort übt man das Verhalten in Extremsituationen, die man nie erleben möchte“, erklärt Müller.

Illustre Gäste hat Müller auch schon befördert. Der Urenkel Napoleons gehörte dazu, Besucher aus China oder Japan mussten zum Flughafen gebracht werden, und den Literaturkritiker Hellmuth Karasek hatte Müller ebenfalls auf der Rückbank. Der überraschte ihn damals, als er nach dem Jahresempfang im CPH zum Bahnhof wollte und Müller dafür eine gute Viertelstunde eingeplant hatte. Erst bei der Ankunft vorm Bahnhof in Hanau stellte sich heraus, dass Karasek den Frankfurter Bahnhof gemeint hatte. Er wusste offenbar nicht, dass auch Hanau einen ICE-Halt zu bieten hat.

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