Heute mal ohne schwarze Robe im Gerichtssaal: Unser Feriengespräch mit Susanne Wetzel haben wir natürlich hier geführt. Foto: Mike Bender

Hanau

Feriengespräch: Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel

Hanau. Heute ist es ganz still im Saal 215 des Landgerichts. Verteidigerbank und Anklageplätze sind leer, der Zuschauerraum auch, und die Presse darf auf dem Stuhl neben der Vorsitzenden Richterin Platz nehmen. Ein Feriengespräch mit Susanne Wetzel kann nur hier stattfinden, wo sie sonst Zeugen hört und Urteile verkündet.

Von Yvonne Backhaus-ArnoldSeit 2010 ist Wetzel Präsidentin des Landgerichts, eine von zwei Frauen, die es an die Spitze eines der neun hessischen Landgerichte geschafft haben. Die 58-Jährige, die früher bei der SU Mühlheim in der Handball-Regionalliga gespielt hat, ist eine Teamplayerin, eine taffe Frau, klug, zielstrebig, empathisch als Richterin.

Es gibt Familienstammbäume, die den Weg der nächsten Generation bereits vorzeichnen. Bei Susanne Wetzel war das so. Sie stammt aus einer Juristenfamilie. Schon der Großvater, angestellt am königlich-bayerischen Amtsgericht, hatte die Saat ausgebracht und Vater Wetzel sie gehegt und gepflegt. Der Rechtsanwalt und Notar lebte die Justiz, brachte seine Fälle oft mit nach Hause, dann wurde – sehr zum Leidwesen von Mutter Wetzel – diskutiert und debattiert. Nur die jüngste Tochter ließ sich nicht „anstecken“. Sie arbeitet heute als Fotografin in Frankfurt.

Als erster ging Susanne Wetzels älterer Bruder Ulrich den Weg des Vaters, studierte Jura in Würzburg und Frankfurt, arbeitete als Richter und spielte ab 2002 sechs Jahre lang eben jene Rolle in der RTL-Gerichtsshow „Das Strafgericht“. Dass die jüngere Schwester das nicht gut fand, daraus macht sie bis heute keinen Hehl. Gerichtsshows sind ihr ein Dorn im Auge, „haben mit der Realität nur selten etwas zu tun“. Die TV-Karriere ist längst Geschichte, heute ist Ulrich Wetzel Direktor des Amtsgerichts Seligenstadt. Und auch seine jüngere Schwester ist ihren Weg gegangen.

Jura-Studium war ursprünglich nicht das Wunschziel

Eigentlich wollte die gebürtige Frankfurterin Zahnmedizin studieren. „Mein Vater hat sieben Tage die Woche gearbeitet, stand uns zu Hause nicht zur Verfügung. Das wollte ich so nicht“, sagt die 58-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Trotz guter Noten bekam sie nicht auf Anhieb einen Platz für das Wunschstudium. „Weil ich nicht warten wollte, habe ich mich erstmal für Jura eingetragen. Aber das hat so großen Spaß gemacht, dass ich dabei geblieben bin.“

Die Ausbildung beschreibt Wetzel als „extrem anspruchsvoll“ – damals wie heute. 1990 legte sie ihr 2. Juristisches Staatsexamen ab, arbeitete wenige Monate lang als Anwältin und trat dann in den Staatsdienst ein. Die junge Frau profilierte sich anschließend als Richterin am Landgericht Frankfurt und wurde nur vier Jahre später ins Justizministerium abgeordnet. Es folgten Stationen als Richterin am Oberlandesgericht und Ende 2004 die Berufung als Vizepräsidentin des Landgerichts Frankfurt. Seit August 2010 ist Wetzel in Hanau im Amt.

2. Große Straf- und die Jugendkammer sind unter ihrer Leitung

In ihren Zuständigkeitsbereich fallen neben dem Landgericht auch die Amtsgerichte Hanau und Gelnhausen mit insgesamt knapp 400 Mitarbeitern. Wetzel hat die unmittelbare Dienstaufsicht über alle 65 Richter. Personal- und Budgetverantwortung gehören zwangsläufig zur Behördenleitung genauso wie Elternzeitfragen oder Beförderungen.

Aber Wetzel ist eben auch Richterin mit Leib und Seele, wollte nie Anwältin werden und einseitig Interessen vertreten, sondern immer Schlichterin und am Ende auch Entscheiderin sein. Heute leitet sie die 2. Große Strafkammer, gleichzeitig auch die Jugendkammer, vor der all jene Delikte verhandelt werden, die von unter 21-Jährigen verübt wurden.

Erinnerungen an besondere Prozesse

Oft weiß Susanne Wetzel, was auf sie zukommt. Ein Kapitalverbrechen, über das die Zeitungen berichten, landet in Form einer Anklageschrift allzu häufig auf ihrem Schreibtisch oder dem eines Kollegen.

Zum Jahreswechsel 2013/ 2014 kam eine Akte mit besonders brisantem Inhalt in Hanau an. Angeklagt war ein 93-Jähriger aus Langenselbold, der mit 19 Jahren als SS-Mann in Auschwitz gearbeitet hatte. Der Prozess platzte, weil der Angeklagte eine Woche vor Verhandlungsbeginn starb. „Es wäre eine Chance für die hessische Justiz gewesen, die wir gerne wahrgenommen hätten“, erklärte die Landgerichtspräsidentin später in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“. […] Und weiter: „Das Verfahren hätte ein Signal an die Weltöffentlichkeit senden können, dass wir uns als Teil der Justiz im Jahr 2016, aber auch als Landgericht Hanau, wenn auch spät, der Verantwortung stellen. Allein das internationale Medieninteresse war enorm. Und der Prozess hätte möglicherweise richtungweisend für noch folgende, allerletzte NS-Prozesse sein können.“

Fälle mit bundesweitem Interesse

2017 verhandelte Wetzels Kammer einen Fall aus Schlüchtern. Der Angeklagte aus Eritrea hatte im Streit mit Messern in den Hals eines damals 18-jährigen Somaliers gestochen. Danach hat er ihm mit Stichen, Schnitten und Bissen das Gesicht entstellt. Augen und Ohren wurden schwer verletzt. Das Opfer ist seither nahezu blind. Staatsanwalt Mathias Pleuser sprach damals von den „schrecklichsten Taten, die je in diesem Gerichtssaal verhandelt wurde.“

Der Prozess war bundesweit Thema, obwohl das Motiv für die Tat bis zuletzt unklar blieb. Ein Umstand, der die Richterin unzufrieden macht. „Wir haben versucht, den Grund für die Tat herauszufinden, aber es ist uns nicht gelungen.“

Es muss viel gelesen werden

Aktuell war Wetzel mit dem am Mittwoch abgeschlossenen Fall von 181-fachem Kindesmissbrauch betraut, ein Fall, der wie Sexualdelikte generell „nicht spurlos an einem vorübergeht“.

Ist die Anklage zugelassen, gilt es vor jeder Verhandlung, unzählige Akten zu lesen. Alles muss im Kopf sein, das Gedächtnis dafür immer wieder trainiert werden. Dann kommt es auf die mündliche Verhandlung an, denn die Schöffen kennen die Akten nicht, sind angewiesen auf die Hauptverhandlung mit einer guten, einer ausführlichen Befragung. Offen bleiben müsse man natürlich immer auch als Vorsitzende Richterin, sagt die 58-Jährige.

„Du bist hier nicht im Gerichtssaal“

Privat lief es nicht immer geradlinig im Leben von Susanne Wetzel. Ihre erste Ehe scheiterte, sie bekam einen Sohn, kämpfte sich sieben Jahre lang als Alleinerziehende und voll berufstätige Mutter durchs Leben. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Mann, von Haus aus Bewährungshelfer und seit einigen Jahren Leiter der Fort- und Ausbildungsstätte des Hessischen Justizvollzugs in Wiesbaden, und dem mittlerweile 16-jährigem Sohn in Seligenstadt. An dessen Zimmertür hängt ein Artikel aus dem HA. Hier heißt es, dass die Vorsitzende Richterin Wetzel dem Angeklagten etwas „mit mütterlich gütiger Strenge“ erklärt habe. Die Worte sind farbig unterstrichen. Streng sei sie eigentlich nicht, aber sie erzähle ihrem Sohn viel von Lebensschicksalen junger Leute, die in Hanau vor Gericht stehen.

Ganz ablegen kann sie das Amt auch zu Hause nicht. „Du bist hier nicht im Gerichtssaal“, sagt ihr Mann, wenn sie zu beharrlich bleibt, es ganz genau wissen will. „Inquisatorisch“, nennt es Susanne Wetzel, die sich selbst als „großen Freund des strukturierten Denkens“ bezeichnet, und lacht. Angeklagten, die sie nicht ernst nehmen, sagt sie auch mal laut und deutlich die Meinung. „Ich möchte in meiner schwarzen Robe keine Angst verbreiten, aber ich verlange Respekt gegenüber der Institution.“ Ein junger türkischer Mann habe seinem Verteidiger neulich zugeflüstert: „Die ist ja strenger als meine Mutter.“ Susanne Wetzel muss bei dem Gedanken daran herzlich lachen.

Urlaub auf Sylt

Richterin ist sie gern. Und in Hanau „extrem zufrieden“. Ja, sie könne sich vorstellen, ihre Karriere hier zu beenden. Die Arbeit sei sehr vielfältig, das Team toll, das Gebäude gut in Schuss. Doch bevor die nächste Verhandlung beginnt, geht es erst einmal in den Urlaub. Drei Wochen Nordsee. Sylt. Seit fast 20 Jahren ist es ihr Ziel. Statt Handball wird heute Tennis gespielt oder Golf. Vielleicht nimmt Susanne Wetzel, deren Lieblings-Tatort-Duo übrigens in Köln ermittelt, den neuen Simon-Beckett-Thriller mit in den Urlaub.

Wenn sie zurück ist und den Gerichtssaal 215 das nächste Mal betritt, in schwarzer Robe, ist es hier garantiert nicht so leer wie heute.

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