Blick zurück in Dankbarkeit: Phil Lutz aus Aberdeen in Maryland/USA war Anfang der 70-er Jahre auf dem Pioneer-Gelände bei der US-Militärpolizei tätig. Im August meldete er sich per Mail beim OB, jetzt konnte er seine alte Wirkungsstätte besuchen. Foto: Jutta Degen-Peters

Hanau

Ex-US-Militärpolizist besucht seine frühere Wirkungsstätte

Wolfgang. Sein Besuch war mit Widrigkeiten gespickt, dennoch machte sich der US-Amerikaner Phil Lutz aus Aberdeen, Maryland, am Ende voller Dankbarkeit und mit positiven Gefühlen von Hanau-Wolfgang aus auf die Weiterreise: Von 1971 bis 1973 war Lutz auf dem Pioneer-Gelände stationiert und gehörte dort der US-Militärpolizei an.

Von Jutta Degen-Peters

„Criminal investigation“, die Aufklärung von Strafttaten der Angehörigen der U.S. Army, waren sein täglich Brot. Bevor Lutz, der mit seiner Ehefrau Vicky anreiste, sich aber auf seinen Rundgang am Ort seiner früheren Wirkungsstätte machen konnte, musste er eine sturmbedingte Zugverspätung und einen Bombenfund im Bereich Triangle Housing verdauen. Beides erwies sich letztlich nicht als Hinderungsgrund. Der Zug traf mit einer Stunde Verspätung ein.

Den besonderen Wunsch, einen Rundgang über das Pioneer-Areal zu unternehmen, hatte Lutz in einem Brief an Oberbürgermeister Claus Kaminsky formuliert. Und er wurde umgehend möglich gemacht, stand Hanau doch mit anderen Orten auf der „bucket list“ des Ex-Army-Angehörigen, einer Liste aller Aktivitäten, die er „vor seinem Tode unbedingt noch abhaken möchte“. Zwar zählt Lutz erst ganze 72 Lenze. Doch machte ihn, wie er vor Ort erklärte, das Ableben seiner früheren Kameraden und Büronachbarn nachdenklich und bewog ihn, seinen Plan nicht auf die lange Bank zu schieben.

Als der vitale Senior am Haupteingang zum Pioneer-Gelände eintrifft, warten dort schon drei Mitarbeiter der städtischen Baubetreuungs- und Projektentwicklungsgesellschaft (BauPro), die von städtischer Seite für das vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis Ende 2008 von der US-Armee genutzte Areal zuständig ist. Auch der HANAUER ist da und begleitet die Zeitreise des US-Amerikaners in Wort und Bild.

Eine Stunde auf Gelände

Eine Stunde lang schlendert Lutz, der seine Ehefrau Vicky mitgebracht hat, über das Gelände, auf dem Bagger und Baufahrzeuge von der Umwandlung in ein Wohnquartier künden. Wo 63 Jahre lang bis zu 6000 GIs in Hanaus größter Kaserne stationiert waren, entsteht ein neuer Stadtteil mit 1 500 Wohneinheiten für bis zu 5 000 Menschen. Die „Brüder I bis V“, so erfährt Lutz, werden später gewerblich genutzt, in den Gebäuden rechts des Haupteingangs werden Wohnungen einziehen. „Dass es hier nicht mehr so aussieht wie früher, macht mich nicht wehmütig. Ich finde es gut, dass hier der Fortschritt einzieht“, sagt Lutz, denn es sei ein „guter Fortschritt“.

Gerade mal 21 Jahre alt war Lutz, als er – die Teilnahme am Vietnamkrieg hinter sich lassend – in Hanau seine Stelle als Militärpolizist antrat. Trotzdem hat sich diese Zeit tief in sein Gedächtnis eingebrannt. „Mord, Totschlag und Drogendelikte waren meine ständigen Begleiter“ sagt Lutz, der nur Englisch spricht (weshalb sich seine Zitate in diesem Bericht ins Deutsche übersetzt wiederfinden). In den frühen 70er Jahren sei er für die Garnison in Hanau zuständig gewesen, für annähernd 20 000 US-Soldaten in Hanau sowie Gelnhausen, Erlensee und Büdingen.

Gerade läuft die kleine Gruppe an den links des Haupteingangs von Pioneer liegenden Gebäuden vorbei: „Das war doch hier mal das Krankenhaus?“, fragt Lutz. Und Daniel Freimuth von der städtischen BauPro, der Auskunft über die frühere und zukünftige Nutzung der Gebäude gibt, bejaht. „Und hier war das Militärgefängnis“, erinnert sich Phil Lutz. Es sei komisch, stellt er fest, wie sehr die Erinnerung dem Gedächtnis manchen Streich spiele. Da habe sich räumlich so einiges verschoben.

Der erste Fall

Bevor die Gruppe das Gebäude I erreicht – Lutz schmunzelt, als er hört, dass die Gebäude „die zehn Brüder“ genannt werden –, bleibt er vor einem Haus stehen und deutet nach oben zum Fenster: „Hier spielte sich mein erster Fall ab“, erinnert er sich. Ein rassistisch bedingter Mord. Vier Soldaten hätten einen Kameraden zu Tode gehetzt, der dann aus dem Fenster stürzte und starb. Das war gleich harter Tobak für den jungen Kriminalisten. Welche Strafe die Täter erhielten, weiß Lutz nicht mehr.

„Manche der Taten beschäftigen mich noch heute“, sagt er und spricht von einer schweren Vergewaltigung, die sich in Büdingen zutrug. „Wir liefen durchs Feld und pflückten das Haar des Opfers aus dem Getreide. Der Fall wurde nie geklärt.“ Hätte man damals schon die technischen Möglichkeiten wie die DNA-Analyse gehabt, hätte man den Täter vielleicht fassen können.

Lutz' 58-jährige Ehefrau Vicky ist tief beeindruckt von dem, was ihr Mann schildert. Es sei erstaunlich, dass er, der viele Jahres seines Berufslebens nur in Abgründe geschaut habe, ein so herzensguter Mensch geblieben sei, sagt sie. Und Lutz schildert, wie eng der Zusammenhalt unter den Kollegen gewesen sei. „Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft, und wir stützten uns gegenseitig. Es gab ja damals keine Supervision“, sagt er. „Und mit den Kollegen teilst du so viele Schicksale.“

Emotional in einstiger Asservatenkammer

Emotional wird es für ihn, als er im Keller einen Blick in die einstige Asservatenkammer wirft. „Hier waren die beschlagnahmten Drogen und Waffen gelagert“, erklärt er seinen Begleitern. Ein Stockwerk weiter oben muss der vierfache Großvater erneut tief Luft holen. „Hier neben meinem Büro arbeitete mein Kollege Bill. Er ist kürzlich an Krebs gestorben“, sagt Lutz. „Du teilst mit den Kollegen so viele Schicksale“, erklärt er, „das schweißt dich zusammen.“

Auch mit den Kollegen von der deutschen Kripo und Stadtpolizei habe man ein gutes Verhältnis gehabt. „Einmal im Monat gingen wir mit ihnen kegeln. Je mehr Bier, desto besser haben wir getroffen“, weiß er noch. An die deutsche Sprache konnte er sich allerdings weniger gut gewöhnen. „Ein Bier, ein Pommes frites, eine Bratwurst“, kann er noch. Und er weiß noch, dass die deutsche Küche „lecker Frikadellen“ zu bieten hat.Als Lutz und seine Frau den Rundgang beendet haben, schaut sich der Amerikaner zufrieden um: „Ich bin so froh und dankbar, dass ich hier noch einmal sein durfte“, freut er sich. „Hanau wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen!“

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