Hanau

Evakuierung wegen Bombenfundes: Ein bisschen Angst fährt mit

Hanau. Der erste Gelenkbus, der am Freitag zum Sportsfield-Housing Gelände fährt, um die Bewohner zu evakuieren, hält um kurz vor neun Uhr zwischen den Wohnblöcken. Da sind schon viele Menschen teilweise mit großen Koffern und vollgepackten Kinderwagen auf dem Weg.

Von Monica Bielesch

Es ist bitterkalt, eine geschäftige und gleichzeitig ruhige Atmosphäre herrscht auf dem Gelände. Auch ein kleiner Junge steigt mit seinen zwei Geschwistern und seiner Mutter in diesen ersten Bus, der die Flüchtlinge von Sportsfield Housing evakuieren und in die Lindenauhalle bringen soll. Sie setzen sich in den vorderen Bereich, er hält ein großes Buch in der Hand, es ist rot und kunstvoll mit goldenen Schnörkeln verziert. Das ist der Koran der Familie bejaht er. Er reicht seiner Mutter das rot leuchtende Buch, sie nimmt es vorsichtig entgegen wie ein Neugeborenes, drückt es an sich während sie aus dem Fenster schaut. Es ist, als halte sie sich daran fest.

Eine Reihe weiter sitzt der neunjährige Abbas aus Afghanistan neben seiner Mutter. „Heute ist nicht gut“, sagt er mit ängstlichem Blick, „wegen Bombe.“ Gelenkt wird der Bus von Uwe Englert, stellvertretender Fahrdienstleiter des HSB. Er hat zusammen mit seinem Chef Thomas Schulte den Menschen beim Einsteigen geholfen. Einige haben nur einen Rucksack dabei, andere große Koffer und Taschen.

Neun Wohnblocks werden evakuiert

Auf Sportsfield Housing koordiniert Uwe Triebel die Evakuierung der 820 Bewohner. „Bis zirka 11.30 Uhr müssen die neun Wohnblocks geräumt sein“, sagt der Fachbereichsleiter Bildung und Soziale Dienste bei der Stadt Hanau. Block für Block werden die Menschen mit großen Gelenkbussen abgeholt. Auch Astrid Weiermann, Bereichsleiterin Kinder-Tagesbetreuung ist vor Ort. Sie betreut die Kindertageseinrichtung auf dem Gelände und trägt heute Sorge dafür, dass alle ihre Schützlinge das Gelände verlassen. Triebel: „Wenn alle Blocks geräumt sind, kontrolliert die Polizei noch mal die Gebäude.“

Unterdessen steht Ghide Ghirmatsion im Gang des ersten Busses, der Richtung Lindenauhalle fährt. „Ich bin aus Eritrea“, sagt der junge Mann, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt und fügt hinzu: „Wir haben keine Angst, weil wir schon so viel Krieg und Bomben gesehen haben.“ Um ihn rum sitzen die Menschen ruhig zwischen ihren Gepäckstücken. Die Kinder sind hin und her gerissen zwischen Abenteuerlust und Ängstlichkeit. Der neunjährige Abbas sitzt mit seinem Freund ganz vorne direkt hinter dem Busfahrer. Einerseits freuen sie sich, als sie erkennen, wo der Bus hinfährt. „Da hinten spielen wir in unserer Fußballmannschaft“, rufen sie, als der Bus um 9.15 Uhr vor der Lindenauhalle hält. Und leise sagt Abbas: „Angst habe ich ein bisschen.“

In der Lindenauhalle haben die Helfer alles für die Evakuierten vorbereitet

In der Halle hat das 20-köpfige Team rund um Sascha Habekorn vom Deutschen Roten Kreuz schon alles für die evakuierten Menschen vorbereitet. Die letzten Getränkekästen werden hereingetragen, in der Halle können sich die Evakuierten an lange Tischreihen setzen. Wie lange sie bleiben müssen, weiß noch keiner. Vor der Halle fährt Joachim Rech mit seinem Wagen vor. Er bringt einen gehbehinderten Nachbarn mit, sie kommen aus der Lehrhöfer Straße. „Mal schaun wie lange es dauern wird“, zeigt sich Rech entspannt.

Im Laufe der nächsten Stunden treffen immer mehr Menschen in der Lindenauhalle ein. Mittags sitzt auch die 87-jährige Renate Hoppe mit ihren ebenfalls betagten Nachbarinnen an einem Tisch und trinkt schon ihre zweite Tasse Kaffee. Oberbürgermeister Claus Kaminsky persönlich hat sich kurz zu ihnen gesellt, bevor er schon wieder auf dem Sprung ist. „Es ist wie im Krieg hier“, meint Renate Hoppe. Und sie erinnert sich daran, wie sie als Kind 1945 aus Schlesien geflohen ist. Seit 40 Jahren lebt sie nun in Hanau und ist trotz des Trubels erstaunlich ruhig. „Ich habe nur das nötigste gepackt, es ging ja alles so schnell“, berichtet sie von der Evakuierung.

Kinder können sich beim Spielen die Zeit vertreiben

Im hinteren Teil der Halle haben Betreuer des DRK auf einigen Tischen Spiel- und Malzeug für Kinder bereitgelegt. Einige Mädchen malen, eine Hand voll Jungs jagt einem kleinen Ball hinterher. Ein Jugendlicher spielt mit seinem kleinen Bruder Mikado und an einem Tisch sitzt Petra Kanamüller uns spielt mit zwei Mädchen ein Brettspiel. Kanamüller ist eine der vielen ehrenamtlichen Helfer auf Sportsfield. „Wir hätten eigentlich heute Nachmittag unsere Blockflöten-Gruppe gehabt“, erzählt sie. Zwölf Kinder sind in ihrer Musikgruppe, sie üben gerade für einen Auftritt am 30. November im Kulturforum der Stadt. „Wir haben die Flötenstunde auf morgen verschoben, aber ich bin hierher gekommen, um mit den Kindern zu spielen“, sagt Kanamüller, die sich seit knapp anderthalb Jahren auf Sportsfield engagiert.

Gegen 14 Uhr verbreitet sich die Meldung in der Halle, dass die Bombe erfolgreich entschärft wurde. Wieder kommen die Busse und holen die Menschen von der Lindenauhalle ab. Nur diesmal wissen Abbas und seine Freunde, Ghide Ghirmatsion, Renate Hoppe und ihre Nachbarinnen wohin es geht: Nach Hause.

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