Seit fast 60 Jahren lebt Frau Drillig in dem Mehrparteienhaus in der August-Bebel-Straße. Am Freitag wurde die Straße evakuiert und die Seniorin war dabei auf die Hilfe der Polizei angewiesen. Foto: Backhaus-Arnold

Hanau

Evakuierung hautnah: Unterwegs mit Polizei, DRK und Feuerwehr

Wolfgang. Evakuierung hautnah: Wir haben die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz bei ihrer Arbeit während der Evakuierung von Hanau-Wolfgang begleitet.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

8.45 Uhr am Freitagmorgen. Über die Bundesstraße 8 Richtung Kahl fahren Einsatzwagen der Polizei. Stoßstange an Stoßstange. Ihr Ziel: Ein Sammelpunkt in Wolfgang. Ihre Aufgabe: Einen gesamten Stadtteil evakuieren. 5600 Menschen.

Eberhard Steinig ist für diesen Bereich der Einsatzleiter vor Ort. Während die Kollegen der Freiwilligen Feuerwehren, die zur Unterstützung anrücken, noch einen freien Parkplatz suchen, sortiert Steinig seine Unterlagen. Erst am Morgen hat der Dienstgruppenleiter der Polizeistation im Lamboy den Einsatzbefehl bekommen. Freilich wusste er da längst, dass am Vortag eine 500-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Pioneer Gelände in Hanau gefunden wurde.

„Alles frei bekommen“, lautet kurz und Knapp die Devise für die nächsten zwei bis drei Stunden. Steinig hat seine drei Gruppenführer um sich geschart. Sie müssen ihre Trupps einteilen. Die Einsatzkräfte von Polizei – der ad-hoc-Zug zählt um die 90 Kollegen –, Beamte der Kriminalpolizei und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren arbeiten an diesem Vormittag Hand in Hand. Auf der Motorhaube eines Streifenwagens breitet Steinig die Straßenpläne aus, der Stadtteil ist in Sektoren eingeteilt. Die umstehenden Beamten treten auf der Stelle. Es ist eisig an diesem Morgen.

Erst Chaos, dann Struktur

„Wann dürfen wir zurück?“, will ein Anwohner wissen, dessen Familie mit Katzenkorb und Kuschelhase am Auto wartet. „Das wissen wir nicht“, sagt ein Beamter, „um 13 Uhr soll entschärft werden.“ Die Hälfte der Bewohner, schätzt Steinig, sei noch da. Vielleicht auch weniger. Viele seien am Vorabend über die Medien informiert worden, andere ohnehin auf der Arbeit und zu der Zeit nicht zu Hause.

Das anfängliche Chaos – schließlich ist eine Evakuierung alles andere als Alltagsgeschäft – gewinnt nach und nach an Struktur. Ich darf die Gruppe um Steffen Schöbitz begleiten. Schöbitz ist Kriminaloberkommissar beim K11 in Hanau und normalerweise mit Sprengstoff, Waffen und Bränden aller Art betraut, wobei letztere den Hauptteil seiner Arbeit ausmachen.

Los geht’s. Forsthausstraße. An den ersten beiden Türen bleibt die Klingel ungehört. Niemand öffnet. Auch bei Haus Nummer 3 nicht. Da ruft ein Feuerwehrmann von gegenüber. „Da wird keiner hören – ist mein Haus.“ Weiter geht’s. Die Dame bei Haus Nummer 7 will sich noch schnell einen Kaffee machen und verspricht, direkt im Anschluss zu fahren. Schöbitz, der zwar Druck macht, aber vor allem auf die Vernunft seines Gegenübers setzt, wird hier am Ende noch einmal kontrollieren. Sicher ist schließlich sicher,

„Müssen wir raus?“

Das Thema Evakuierung hatte er mal im Studium Mitte, Ende der 80er Jahre. Dass zwischen Theorie und Praxis manchmal Welten liegen, merkt die Gruppe schnell. Im Haus mit der Nummer 11 wohnen 66 Parteien. Eine Herausforderung. Die Helfer teilen sich auf – Etage für Etage wird geklopft und geklingelt. „Hier spricht die Polizei. Sie müssen Ihre Wohnung verlassen.“ Am Eingang gibt es einen kleinen Eklat, als die Nachbarin mit dem nicht angeleinten Hund auf eine junge Mutter mit drei kleinen Kindern trifft, die gerade im Aufbruch ist und den Ärger über den Hund ohne Leine laut herausbrüllt.

Eine Frau lehnt sich im zweiten Stock über die Balkonbrüstung. „Müssen wir raus?“, fragt sie. Gleich im Erdgeschoss öffnet ein älterer Herr im Bademantel seine Wohnungstür. Er hat von dem Bombenfund und der Evakuierung nichts mitgekriegt. Bis wann er denn aus seiner Wohnung raus muss, will er wissen. Geduldig erklären die Beamten ihm alles.

Ein Bewohner des Hochhauses weiß schon Bescheid, als er den Polizisten öffnet. Er will die Zeit, in der er aus seiner Wohnung raus muss nutzen, um mit Hündin Maya einkaufen zu gehen. Nachdem die Evakuierungskräfte an alle Türen geklopft haben, warten sie vor dem Haus, dass auch alle angetroffenen Bewohner wirklich ihre Wohnungen verlassen. „Nur zweieinhalb Stunden Zeit, um zehn Hochhäuser zu evakuieren ist schon sportlich“, meint ein Polizeibeamter. Aber sie sind guter Dinge, dass sie es schaffen werden.

„Hier“, ruft Schöbitz und deutet auf eine Eingangstür, „da hat jemand mitgedacht.“ Der Bewohner hat einen Zettel an die Tür gehängt: „Bin schon weg… Danke für Ihren Einsatz.“

„Da sind ja doch noch Leute drin“

Die Bewohner des Hochhauses sammeln sich an der Ecke, da, wo die Sonne scheint, und laufen danach zusammen zum Bus, der sie zur Lindenauhalle bringt. Die Frau mit dem Hund, diesmal an der Leine, ist auch dabei. Schöbitz und seine Kollegen nehmen es genau: „Hinter uns kommt schließlich keiner mehr.“

10.39 Uhr. Die Straßen wirken schon verlassen. Da bewegt sich die Gardine hinter dem Fenster eines Hochhauses an der August-Bebel-Straße. „Da sind ja doch noch Leute drin“, sagt einer der Beamten. „Ich bin aus der Nachtschicht gekommen, habe nur drei Stunden geschlafen“, sagt ein Bewohner, der gerade zusammen mit Frau, Tochter und Hund ins Auto steigt. Begeistert sieht er nicht aus.

Ein Föhn läuft. „Hallo“, ruft Schöbitz, „sie müssen das Haus verlassen.“ „Gleich“, entgegnet eine leicht genervt klingende Frauenstimme, „muss erst noch meine Haare föhnen.“ Die andere Dame, die eben hinter der Gardine hervorgeschaut hat, öffnet nach dem ersten klingeln. „Wir sind von der Polizei“, sagt ein Beamter. „Sie müssen Ihre Wohnung verlassen.“ Sie habe Diabetes, brauche Medikamente, sagt die Frau, die schon seit 57 Jahre in der Nummer 5 lebt. Auf wackeligen Beinen und gestützt am Stock folgt sie den Einsatzkräften. Die entscheiden spontan und lassen die Frau von einem Polizeiwagen zum Bus nach Großauheim bringen.

Der Ton wird rauer

Die Frau am Föhn ist immer noch nicht draußen. Wieder klingeln die Beamten. Der Ton wird rauer. „Kommen Sie jetzt bitte raus!“ Es dauert weitere zehn Minuten, dann öffnet sich die Tür. Sie habe keinen Katzenkorb, schimpft die Frau. Da können Schöbitz und seine Kollegen nicht helfen.

11.30 Uhr. Geschafft. Alle Häuser sind leer. Der letzte Bus fährt gen Lindenauhalle. Die Helfer steigen in ihre Einsatzwagen und machen sich auf den Weg zur Wolfgänger Feuerwehrstation ein paar hundert Meter weiter vorn. Schön warm ist es hier. Die Wehrleute haben Kaffee gekocht, Verpflegungsbeutel mit Brötchen und Schokoriegeln stehen bereit.

Eberhard Steinig hat ebenfalls Platz genommen. Die Evakuierung sei abgeschlossen, sagt er mit einer gewissen Entspanntheit in der Stimme und beißt in sein Brötchen.

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