Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge auf dem Sportsfield-Housing-Areal wurde bisher von der Johanniter-Unfall-Hilfe Hanau & Main-Kinzig betrieben. Deren Vertrag läuft Ende Juni dieses Jahres aus. Für die Zeit danach plant das Land Hessen offenbar eine europaweite Ausschreibung. Archivfoto: Häsler

Hanau

Erstaufnahmeeinrichtung: Wechselt der Betreiber?

Hanau. Die Hanauer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge wird weitergeführt  – doch wer wird der Betreiber? Ob die Johanniter auch künftig der Betreiber von Sportsfield Housing sein werden, steht in den Sternen. Der Vertrag läuft noch bis Ende Juni, für die Zeit danach plant das Land eine europaweite Ausschreibung.

Von Christian Dauber

Darüber hat Standortleiter und Johanniter-Regionalverstand Sven Holzschuh Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky informiert. Das wiederum geht aus einem Schreiben des OB an Hessens Sozialminister Stefan Grüttner vom 14. März hervor, das von der Stadt veröffentlicht wurde.Darin äußert Kaminsky in Richtung des Ministers seine Sorge um einen möglichen „erheblichen Qualitätsverlust“ der Betreuungsqualität, sollte es wirklich zu einem Betreiberwechsel an der Einrichtung kommen. Nach Angaben des Landes sind dort derzeit 287 Flüchtlinge untergebracht.e die weiteren beteiligten Behörden bei ihrer Arbeit „selbstverständlich nach Kräften“ unterstützen.

Entscheidung wird respektiertEingangs erläutert Kaminsky, man respektiere die Entscheidung des Landes, den Standort fortzuführen und werde den Standortbetreiber, das zuständige Regierungspräsidium sowie die weiteren beteiligten Behörden bei ihrer Arbeit „selbstverständlich nach Kräften“ unterstützen.Insbesondere die Zusammenarbeit mit der Johanniter-Unfall-Hilfe Hanau und Main-Kinzig gestalte sich „äußerst fruchtbar und verläuft überaus reibungslos“, so das Stadtoberhaupt weiter. „Deshalb will ich Sie mit diesem Schreiben dafür sensibilisieren, dass wir als Stadt Hanau ein sehr großes Interesse daran haben, dass die Zusammenarbeit mit den Johannitern fortgesetzt werden kann“, macht Kaminsky deutlich.Kaminsky sorgt sichIhn erfülle mit Sorge, dass die bisherigen Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe bei der dortigen Vergabeentscheidung lediglich mit acht Prozent, die Kosten aber mit 70 Prozent berücksichtigt würden. Erfahrung an anderen Standorten hätten gezeigt, dass ein Betreiberwechsel zu einem erheblichen Qualitätsverlust führen könne.„Die Johanniter haben sich in den zurückliegenden Monaten über die Maßen hinaus dafür engagiert, dass der soziale Frieden in unserer Stadt gewahrt werden konnte und dass es zu keinen nennenswerten Vorkommnissen gekommen ist. Sie haben sich – in Zusammenarbeit mit den städtischen Stellen – immer wieder dafür eingesetzt, dass Flüchtlinge und Einheimische durch Begegnung Verständnis füreinander entwickeln und Vorurteile auf diesem Weg gar nicht erst entstehen“, schreibt der Oberbürgermeister an den Sozialminister.Seiner Auffassung nach solle die bisher geleistete Arbeit stärker in die Bewertung einfließen, nicht zuletzt, weil die Johanniter sich in der Hochzeit der Flüchtlingskrise „überaus kurzfristig“ dazu bereiterklärt hätten, den Standort mit aufzubauen und organisatorisch zu betreuen.60 ArbeitsplätzeKaminsky macht sich zudem Gedanken um die Beschäftigten der Hilfsorganisation, die in Sportsfield Housing ihre Arbeit verrichten. Inzwischen seien seitens der Johanniter dort 60 Arbeitsplätze geschaffen worden, die zum Großteil mit zuvor arbeitsuchenden Menschen besetzt worden sind.„Insbesondere für diese Menschen wäre es ein schwerer Schlag, wenn es zu einem Betreiberwechsel käme“, gibt Kaminsky zu bedenken. Der Oberbürgermeister verweist auch auf die Synergieeffekte mit der an die Erstaufnahmeeinrichtung angrenzende städtische Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge.Zahlreiche KooperationsprojekteSo seien in den vergangenen Monaten zahlreiche Kooperationsprojekte angelaufen, die er durch einen Betreiberwechsel gefährdet sehe. Die Räume der ehemaligen Sportsfield Elementary School würden von beiden Einrichtungen gemeinsam für Deutschkurse genutzt. Dies sei im Sinne einer zügigen Integration ein wichtiger Baustein geworden. Darüber hinaus seien verschiedene Sportprojekte, Kinderfeste und Beratungsangebote (zum Beispiel für Schwangere) gemeinsam umgesetzt worden.Viele Spenden generiert „Dass diese gemeinschaftlichen Projekte erfolgreich verlaufen sind, ist zu einem großen Teil der guten Zusammenarbeit zwischen der Johanniter-Unfall-Hilfe und dem Koordinationsbüro der Stadt Hanau zu verdanken“, so Kaminsky.Diese sollten seiner Auffassung nach fortgeführt werden, denn weitere Projekte befänden sich in Planung. Kaminsky erwähnt an dieser Stelle den Aufbau einer professionellen Werkstatt, für die mit einer gemeinschaftlichen Werbeaktion bereits Spendengelder in Höhe von mehr als 20 000 Euro über die Hanauer Serviceclubs generiert wurde.Kurze Antwort Deswegen bitte er Grüttner, sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, „dass die bisherigen Leistungen im Bereich der Flüchtlingshilfe bei der Vergabeentscheidung stärker berücksichtigt werden“, beschließt Kaminsky sein Schreiben an den Sozialminister.Ausführliche Nachfragen unserer Zeitung an das Land Hessen zu den Hintergründen wurden nur kurz und knapp beantwortet. „Eine europaweite Ausschreibung ist geplant, daher können zum aktuellen Zeitpunkt keine konkreten Angaben zur Dauer des Verfahrens gemacht werden. Es wird sich hierbei um ein ordnungsgemäßes Regelverfahren unter Beachtung des Vergaberechts handeln“, teilt der stellvertretende Sprecher des Sozialministeriums Markus Büttner mit. Eine E-Mail-Anfrage an Johanniter-Chef Holzschuh zu seiner Einschätzung blieb bis gestern Abend unbeantwortet.

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