Was Kinder zur Interaktion im Netz bewegt, hat Medienexperte Moritz Becker auf Schildern zusammengefasst: Eltern rät er die Mediennutzung aufmerksam zu begleiten. Foto: Ulrike Pongratz

Hanau

Wie Eltern die Mediennutzung der Kinder sinnvoll begleiten

Hanau. So viel gelacht haben Eltern, Lehrer und alle am Vortrag „WhatsApp Kids“ interessierte Zuhörer wohl selten bei einem Thema, das in der Regel zu heftigen Auseinandersetzungen und Unverständnis, oft zu Streit, zwischen Kindern und Erwachsenen führt.

Von Ulrike Pongratz

Moritz Becker, Gründungsmitglied von smiley in Hannover ist Diplom-Sozialarbeiter/-Sozialpädagoge (FH) und arbeitet mit Schulklassen, moderiert und hält Vorträge vor Eltern und Multiplikatoren. Am Donnerstag informierte er das Auditorium ohne technische Hilfsmittel über zwei Stunden lang überaus unterhaltsam und informativ über die Mediennutzung der jungen Generation und wurde von Christiane Alzheimer von der Karl-Rehbein-Schule und Simone Brill, Leiterin der Familienakademie der Kathinka-Platzhoff-Stiftung, begrüßt. Denn der Umgang mit Smartphone und Co. wird längst auch in den Schulen, unter pädagogischen Fachkräften und Eltern kontrovers diskutiert.

Moritz Becker, der „abends den Eltern verrät, was er morgens von den Jugendlichen erfahren hat“, wie er seine Tätigkeit selbst beschreibt, besucht jährlich zirka 1100 Schulklassen der Jahrgänge sechs bis acht. Somit ist er auf dem aktuellen Stand dessen, was die junge Generation an sozialen Medien fasziniert, was die Jugendlichen stresst und warum sie manchmal nicht rauskommen.

Bedeutung von Social Media

„Ich erkläre, Sie denken“, sagt der Medienberater, der mit Originaltönen aus dem Klassenzimmer die Perspektive der Jugendlichen vermittelt und aus dieser alltäglichen Nutzung einen Ansatz im Umgang mit sozialen Medien sucht.

Becker, der auch als Dozent an der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) unterrichtet und Lehrbeauftragter der Uni Hannover und zudem zertifizierter Eltern-Medien-Trainer ist, erzählt über-aus lebendig Geschichten, die er aus den Gesprächen mit Schülern mitgenommen hat, indem er sich in die Rolle von „Max und Lisa“ versetzt; zwei Holzfiguren stehen auf der Bühne, mit deren Hilfe Becker deutlich macht, was Instagram, WhatsApp oder Snapchat für die junge Generation bedeuten – und wie sie – positiv wie negativ – zum sozialen Verstärker werden können.

Sozialer Status spiele auch eine Rolle

Unbekümmertheit und Neugierde seien die Merkmale jeder jungen Generation, sie suche zudem nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Nicht nur, aber auch in den sozialen Medien oder bei Onlinespielen. Diese griffen solche Bedürfnisse auf, so Becker, je mehr „Likes“, umso mehr Anerkennung oder zumindest Aufmerksamkeit hätten die Kinder erreicht.

Dabei ließen sich durchaus Parallelen zum richtigen Leben erkennen; Kinder, die in der Klasse oder im Verein beliebt oder gut integriert seien, seien dies auch im Netz. „Du hast die Bilder deiner Freunde zu liken“, hätten die Kinder erklärt und oft würden dann zusätzlich die „Follower“ der Freunde den Daumen heben. Andererseits würden im Netz auch gerade die Unbeliebten, die Außenseiter gnadenlos vorgeführt und lächerlich gemacht. Es mache einen großen Unterschied, ob ein sehr beliebtes Mädchen oder eine Außenseiterin beispielsweise ein Foto poste, auf dem sie ein Kleid mit tiefem Ausschnitt trage.

„Täter-Opfer-Umkehr“ als großes Problem

Im ersten Fall gebe es anerkennende Worte und „Likes“, im zweiten kämen verletzende, zum Teil vernichtende Kommentare. „Guck mal, was passiert ist“, wenden sich die Kinder dann an die Eltern und erhalten als Antwort allzu oft: „Selbst schuld!“ Eine grundlegend falsche Haltung, ermahnt Moritz Becker, denn diese Verletzungen gingen tief, er habe Kinder erlebt, die noch nach Jahren emotional berührt gewesen sein, wenn sie von solchen Attacken berichtet hätten.

Diese „Täter-Opfer-Umkehr“ halte er für ein großes Problem, hier bräuchten Kinder Unterstützung und Hilfe, nicht noch zusätzliche Beschuldigungen.

WhatsApp kann Stress erzeugen

Becker verdeutlicht auch, dass Kinder bei Online-Spielen Erfolge und Kooperation erfahren würden. Kinder, die in einem Team Ansehen erworben haben, das sie womöglich in der Schule oder im Verein nicht hätten, wollten natürlich pünktlich online sein, bei ihren Freunden.

Auch die Erwartungshaltung und den Stress, die WhatsApp bei den Jugendlichen provozieren würden, erläutert der Medientrainer sehr nachvollziehbar. Bei diesem Messengerdienst signalisierten zwei blaue Häkchen, die Nachricht sei angekommen, was wiederum in der Logik der Jugendlichen sofort eine Antwort erfordere, denn der Absender sähe ja, dass man selbst online sei und warte natürlich.

Das Internet sei so gut, wie die Menschen, die es nutzen würden.

Aber oft ist eigentlich keine Zeit zum Chatten, die Kinder sollen Mittagessen ohne Smartphone, Hausaufgaben erledigen, zum Sporttraining gehen. Großartige Klassen fänden Regeln, so Becker, wie etwa nach 19 Uhr kein Chat mehr oder sie erstellen zwei Gruppen, eine für Smalltalk und eine für wichtige Informationen. Allerdings könne die Dynamik von WhatsApp „schlechte Klassen noch schlechter machen.“

Bei allen Risiken und Gefahren, die das Internet und soziale Medien beinhalten, plädiert Moritz Becker für ein Heranführen an die Nutzung. Die Mechanismen seien dieselben wie in der realen Welt. Kinder bräuchten die Begleitung der Eltern und Pädagogen, damit sie die Risiken einschätzen lernten. Das Internet sei so gut, wie die Menschen, die es nutzen würden.

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