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Geschafft: Der erste selbstgeerntete Spargel. HA-Redakteurin Jutta Degen-Peters ist stolz wie Bolle.

Immer bei der Stange bleiben

Wer einmal selbst Spargel gestochen hat, weiß, weshalb das „königliche Gemüse“ so teuer ist 

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Der Begriff „bei der Stange bleiben“ mag in diesen Tagen wie Hohn in den Ohren derjenigen Landwirte und Gemüsebauern klingen, die Spargelanbauflächen haben. Denn die weißen Stangen, die jetzt erntefertig in langen Erdreihen ans Tageslicht befördert werden sollten, warten zum Teil vergeblich.

Da viele der bewährten und geübten Erntehelfer nur unter erschwerten Bedingungen nach Deutschland einreisen dürfen, müssen Unternehmer wie Ralf Wurbs mit weniger Personal arbeiten als üblich. Wieso er für diese Arbeit nicht freiwillige Helfer einsetzen kann, zeigt sich bei einem Selbstversuch: „Wollen doch mal sehen, ob ich die Spargel nicht mit Meisterhand aus der Erde ziehen kann“, dachte sich eine HA-Redakteurin und zog mit aufs Feld. 

Dort, Am Speckweg in Klein-Auheim, breiten sich vor unseren Augen rund 30 über 200 Meter lange weiße „Linien“ aus. Es sind die in Reihen angeordneten hügelförmigen Beete, die mit weißer Plastikfolie abgedeckt sind. Das Plastik erfüllt gleich mehrere Zwecke. Es schützt die Pflanzen vor Licht und die Erde vorm Austrocknen. 

Oft liegen mehrere Spargel dicht beieinander 

Dank der Plastikfolien und der Tatsache, dass die Nächte derzeit noch relativ kühl sind, muss der Spargel trotz der tagsüber herrschenden hohen Temperaturen nicht gewässert werden, lernen wir vom Meister. Ralf Wurbs persönlich erteilt der Schülerin Nachhilfeunterricht in landwirtschaftlichen Nutzfragen. Nach dem Abdecken der Folie erspäht die Möchtegern-Spargelbäuerin die weiße Spitze eines Spargels und macht sich – nachdem sie entsprechend unterwiesen wurde – ans Werk. Erst muss das Erdreich vor der weißen Spargelstange ein paar Zentimeter freigegraben werden. 

Dann heißt es, das Spargelmesser ansetzen, ein circa 30 Zentimeter langes Werkzeug mit einer scharfen Klinge am Ende. „Sie müssen genau zielen und mit einem Ruck arbeiten“, erklärt Wurbs. Ein Schnitt, ein reißendes Geräusch, „geschafft“, denkt die Arbeiterin. Doch beim Versuch, den Spargel aus dem Boden zu ziehen, bewegt der sich keinen Millimeter. Nach zwei weiteren Stechversuchen gelingt das Vorhaben. Nur leider hat bei dem beherzten Zugriff neben der 25 Zentimeter langen Spargelstange auch der Kopf eines weiteren Spargels dran glauben müssen. Der zweite Versuch gelingt schon besser. Doch liegen oft mehrere unterschiedlich großgewachsene Spargel dicht beieinander. Und das erschwert das zielgenaue Abschneiden des längsten und prächtigsten Exemplars. 

Ernte wird gewaschen und sortiert

Nach mehreren Anläufen gibt die ungelernte Praktikantin freiwillig auf. Die Arbeit macht zwar Spaß, und auch das Bücken nach 15 Minuten noch keine Mühe. Doch sollen ja die Spargelpflanzen, die in der Regel – je nach Sorte – sechs bis acht Jahre Ertrag bringen, keinen Schaden nehmen. Ein Profi sticht pro Stunde bis zu zwölf Kilo des königlichen Gemüses, erfahren wir. Aber auch das nur, wenn der Spargel dicht an dicht sitzt. Sonst sind es eher sieben bis acht Kilo pro Stunde. Doch das sei nicht der reine Ertrag, sagt Wurbs. 

Spargel, der Licht und Sonne ausgesetzt wird, färbt sich grün. Dieses Prachtexemplar, das sich außerhalb der Wurbsschen Anbauflächen durch die Erde gemogelt hat, war aber einfach zu schön, um es fotografisch zu vernachlässigen.

Nach der Ernte müsse der Spargel gewaschen und nach Stärke sortiert sowie der Ausschuss beiseitegelegt werden. Rechnet man diese Arbeit zu dem mühsamen Unterfangen des Stechens hinzu, wird klar, weshalb die weißen Stangen nicht zum Billigpreis verschleudert werden. 

Studenten haben ihre Hilfsangebote zurückgezogen 

Und wer weiß, dass in Klein-Auheim sonst fünf bis sechs Helfer im Spargel unterwegs sind, derzeit aber gerade mal drei, kann sich ausrechnen, dass das Geschäft in diesem Jahr noch mühsamer ist als sonst. Als Moral von der Geschicht' bleibt die Erkenntnis, dass die dringend benötigten Erntehelfer bei der Spargelernte nicht ohne Weiteres durch Ungelernte ersetzt werden können. Auch, wenn Wurbs sagt, „wer will, kann alles lernen“. Doch das bräuchte Zeit, damit die Anlernlinge nicht mehr Schaden anrichten als helfen. Und Zeit steht in der Erntezeit nicht ausreichend zur Verfügung. Allerdings geht auch die Erdbeerernte jetzt los. 

Und auch dafür braucht Wurbs – ebenso wie der Bauer Würfl in Gründau viele andere Landwirte in der Region – ebenfalls Erntehelfer. Zwar hatten sich viele Studenten und weitere Aushilfen gemeldet, die coronabedingt Zeit hatten. Doch die Studenten zogen ihr Angebot zu helfen zurück, weil die Unis wieder öffnen.

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