1. Startseite
  2. Hanau

„In schlimmer Verfassung“: Menschen in Hanau und Region bieten Wohnungen für Ukraine-Flüchtlinge an

Erstellt:

Von: Christian Spindler

Schutz im Keller: Aus dem ukrainischen Krapiwnitsk kam dieses bei Irina Pisarevska in Hanau an. 
Schutz im Keller: Aus dem ukrainischen Krapiwnitsk kam dieses bei Irina Pisarevska in Hanau an.  © p

In Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis sind bereits zahlreiche Hilfsproramme von Stadt, Kreis und Privatpersonen für Geflüchtete aus der Ukraine im Gange.

Hanau/Main-Kinzig-Kreis – „Sie sind in schlimmer Verfassung – zutiefst verängstigt, verzweifelt“, sagt Irina Pisarevska. Die Menschen, von denen sie spricht, sind die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine, die in Hanau eingetroffen sind. Mittlerweile sind es um die 100. Fast alles Frauen, „viele mit kleinen Kindern und Babys“, so Pisarevska. Momentan ist die Hilfe vorwiegend privat organisiert. 15 Familien haben Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen – „vorerst für zwei oder drei Wochen.“ Was dann kommt, muss man sehen. Viele der Helfer stammen aus dem Umfeld der Jüdischen Gemeinde Hanau, die enge Verbindungen in die Ukraine hat. „Rund 60 unserer Gemeindemitglieder stammen von dort“, sagt Geschäftsführer Oliver Dainow.

So wie Irina Pisarevska, Vorsitzende der Gemeinde, die privat eine Ukraine-Hilfe organisiert (wir berichteten). Eine ihrer Initiativen: Zwei Lkw werden Lebensmittel und Decken Richtung Ukraine bringen. „Dort ist die Lage für viele schrecklich“, sagt die 50-Jährige, die seit 1998 in Deutschland lebt. Oft fehle Wasser, mittlerweile auch Verbandsmaterial, hat sie von ihrem Ex-Mann erfahren, der in der Ukraine Soldat ist und schon viel erlebt hat, „aber auch er ist schockiert“ über das, was in seinem Land passiert. Später schickt Pisarevska einige Fotos aus der Ukraine: Zu sehen sind Menschen, die dicht an dicht auf Matratzen in Kellern ausharren. Oder eine Babystation, die aus Schutz vor Bomben und Raketen ebenfalls in einen Keller verlegt wurde.

Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge: Krisenstab der Stadt Hanau tagt zwei Mal die Woche

Gestern war Irina Pisarevska damit befasst, Transporte zu organisieren, um geflüchtete Frauen und Kinder von der polnisch-ukrainischen Grenze abzuholen. Einfache Strecke ab Hanau: 1200 Kilometer. Die Geflüchteten haben nur ein paar Habseligkeiten dabei, viele kein Geld, sagt Pisarevska.

Am Nachmittag folgte gestern ein Treffen mit Uwe Niemeyer und Sven Holzschuh von der Stadt Hanau. Beide, die sich schon in der Vergangenheit um Flüchtlingsunterkünfte gekümmert haben, koordinieren die aktuelle Hilfe seitens der Stadt. Deren Krisenstab, der zuletzt mit dem Attentat vom 19. Februar 2020, dann mit der Corona-Pandemie befasst war, tagt derzeit zweimal die Woche in Sachen Ukraine-Hilfe.

Öffentliche Aufrufe von Stadt und Kreis an die Bürger, Unterkünfte für geflüchtete Ukrainer zur Verfügung zu stellen, stoßen offenbar auf große Resonanz. Von 60 Angeboten, die binnen 20 Stunden bei der Stadt Hanau eingelaufen sind, berichtete Uwe Niemeyer allein bis gestern Mittag.

Stadt Hanau: Kurzfristig Unterkünfte „für 40 bis 50 Menschen“ aus der Ukraine

Die Stadt Hanau könne kurzfristig Unterkünfte „für 40 bis 50 Menschen“ anbieten, so Bürgermeister und Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD) im Gespräch mit unserer Zeitung. Hierbei handelt es sich um Wohnungen in der städtischen Sammelunterkunft auf Sportsfield Housing und in Liegenschaften der Baugesellschaft. Außerdem will die Stadt, wie gemeldet, von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) prüfen lassen, ob die Sportsfield-Wohnblocks, die zuletzt vom Land Hessen als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge genutzt wurden, reaktiviert werden können. Das sei aber mit einem gewissen Aufwand verbunden, sagt Weiss-Thiel, „weil sie jahrelang leer standen“. Wiesbaden hatte die Einrichtung 2019 geschlossen.

Wer Unterkünfte für Geflüchtete aus der Ukraine anbieten möchte, kann mit der Stadt Kontakt per E-Mail an sozial-wohnhilfen@hanau.de aufnehmen. Der Kreis nimmt Hinweise und Angebote über die Mailadresse wohnraum@ mkk.de entgegen.

Im Moment kämen die ersten Geflüchteten an, „ohne dass sie dringenden Bedarf nach einer Unterbringung haben. Das ist erst mal gut und wichtig und dafür sind wir den privaten Gastgebern auch dankbar“, so Kreis-Sozialdezernentin Susanne Simmler (SPD). „Wenn die Menschen medizinische Betreuung benötigen oder Kinder dabei sind, die wir im Blick haben müssen, dann wollen und müssen wir da helfen.“ Daher bittet sie alle, die in diesen Tagen Freunde oder Bekannte aus der Ukraine aufnehmen, diesen den Hinweis zu geben, sich bei der Ausländerbehörde zu melden. Kontakt per Mail an ukraine@mkk.de.

Hilfe für Geflüchtete aus Ukraine: Main-Kinzig-Kreis richtet Infoplattform ein

Unter „Ukrainehilfe MKK“ hat der Main-Kinzig-Kreis zudem eine Infoplattform auf seiner Internetseite (mkk.de) online gestellt, auf der die Möglichkeiten des „Helfens“ und des „Hilfe-Empfangens“ kanalisiert werden. Außerdem wurde eine Hotline unter 06051 8518000 geschaltet.

Unterdessen wurden weitere Hilfsinitiativen gestartet: Die Hanauer Frauenärztin Dr. Stefanie Keilig, die die 1996 gegründete Medizinhilfe Karpato-Ukraine aufgebaut hat, kündigt einen Hilfstransport in die Ukraine an, nachdem von Freunden aus der Region Munkacs berichtet worden sei, „dass es keine Lebensmittel mehr zu kaufen gibt“. In der Westukraine werden Tausende von Flüchtlingen aus der restlichen Ukraine erwartet, die versorgt werden müssen. Benötigt werden zudem medizinisches Material, Kleidung und Hygieneartikel. Der Lkw, der von einer ukrainischen Spedition zur Verfügung gestellt wird, soll spätestens Mitte nächster Woche von der Christuskirche in Hanau aus starten. Der Hilfstransport ist eine Gemeinschaftsaktion der evangelischen Stadtkirchengemeinde, der Lions-Clubs in Hanau unter Federführung des LC Hanau Am Limes mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammer sowie von Serviceclubs und Privatpersonen.

Wer die Ukraine-Hilfe von Irina Pisarevska unterstützen will, kann auf ihr Konto spenden unter IBAN DE92 5064 0015 0583 3066 00. Für den Hilfstransport kann man spenden an den Förderverein Lions-Club Hanau Am Limes, IBAN DE47 5065 0023 0000 1396 67 unter dem Stichwort: Ukraine-Hilfe. (Christian Spindler)

Unsere Zeitung sorgt für ein blau-gelbes Fahnenmeer 

Ein Meer von Ukraine-Fahnen soll die Solidaritätskundgebung am Freitag, 4. März, ab 18 Uhr auf dem Marktplatz in Hanau prägen. Auf der Rednerliste stehen bisher Landrat Thorsten Stolz und Oberbürgermeister Claus Kaminsky. An der Kundgebung nehmen weitere Bürgermeister aus dem Main-Kinzig-Kreis teil. Hinzu kommen Vertreter von Glaubensgemeinschaften, Arbeitnehmervertretungen sowie weiterer Institutionen. „Wir setzen auf eine eindrucksvolle Solidaritätsbekundung der Bürger“, so Stolz und Kaminsky.

Die Stadt und ihre Gesellschaften wollen am Freitag so viele Gebäude wie möglich mit den ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb anstrahlen. Die Verkehrsbetriebe HSB bekunden ihre Solidarität mit blau-gelben Bannern auf ihren Fahrkartenautomaten und im Fahrgastfernsehen der Stadtbusse. Die Hanau Marketing Gesellschaft (HMG) hat Einzelhandelsbetriebe gebeten, blaue sowie gelbe Farben in den Schaufenstern erkennbar zu machen. Als erstes Unternehmen beleuchtet Heraeus seit Montag seine Zentrale blau-gelb und hat begonnen, Geldspenden zu sammeln. Die Stadt Hanau verteilt 4000 Fähnchen in den ukrainischen Nationalfarben an Gastronomie und Einzelhandel.

Auch unsere Zeitung unterstützt die Solidaritätskundgebung. Sie bedruckt am Freitag eine Doppel-Zeitungsseite mit der blau-gelben Flagge. Die Sonderdrucke werden auch bei der Solidaritätsbekundung auf dem Marktplatz zur Verfügung gestellt. „Das wird sicher ein eindrucksvolles, historisches Foto aus Hanau, wenn am Brüder-Grimm-Denkmal alle Teilnehmenden massenhaft die ukrainischen Farben hochhalten“, bedankt sich Oberbürgermeister Claus Kaminsky für das Engagement unserer Zeitung.

Auch interessant