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Ab 4. Mai dürfen Friseursalons wieder öffnen: Doch bereits jetzt ist klar, dass es keine Rückkehr zur Normalität sein wird. Die Details der Auflagen stehen jedoch noch nicht fest.

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Obermeister der Friseurinnung Hanau im Interview zur Wiedereröffnung der Salons

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Seitdem bekannt ist, dass die Friseure ab dem 4. Mai wieder öffnen dürfen, steht bei Michael Dörr, Obermeister der Friseurinnung Hanau, das Telefon nicht mehr still. Und auch per E-Mail versuchen Kunden für die Zeit danach Termine zu machen.

 „Es ist der helle Wahnsinn“, sagt der 56-jährige, der in Hanau und auch in den Nachbarkommunen vier Friseursalons betreibt und insgesamt 35 Mitarbeiter beschäftigt. Im Gespräch mit unserer Zeitung schätzt Dörr, der schon seit 34 Jahren als selbstständiger Friseurmeister arbeitet, die aktuelle Lage seiner Branche ein.

Herr Dörr, kommt der Erlass für Ihre Branche noch zur rechten Zeit?

Viel länger hätte es nicht dauern dürfen, bis zum 4. Mai werden es sechs Wochen sein, die wir geschlossen haben. Noch zwei Wochen mehr und man müsste mit vielen Kündigungen rechnen, Insolvenzen gab es schon jetzt. Wobei ja es immer noch – sollten die Infektionszahlen weiter steigen – schlimmer werden kann. Die Menschen müssen sich an die Regeln halten, sonst wird die Regierung möglicherweise noch mal runterfahren.

Haben Sie während der zurückliegenden Wochen überhaupt Einnahmen generieren können?

Seit der Schließung am 20. März sind die Einnahmen von einem zum anderen Tag weggebrochen. Ein paar Umsätze konnten wir über die Website „Vorfreude Hanau“ generieren, das beläuft sich bei uns allerdings auf ein bis drei Prozent des normalen Umsatzes und wurde von unseren Stammkunden genutzt. Darüber haben wir uns sehr gefreut, es zeigt die Verbundenheit zum Betrieb und zu meinen Mitarbeitern. So etwas wächst über Jahre.

Haben Sie die Zwangspause nutzen können?

Bei meiner Betriebsgröße und als Obermeister gab es viele organisatorische Aufgaben: Mitarbeitergespräche, das Ausfüllen von Anträgen, Formularen. Ich habe Arbeitszeitpläne und Arbeitszeitmodelle erstellt. Viele Gespräche mit Verbänden geführt, mit der Stadt Hanau und Kollegen, die den Austausch gesucht haben und Hilfe zu den Anträgen suchten.

Ämter mit Anträgen für Soforthilfe überfordert

Sind bei Ihnen die Schnellhilfen angekommen?

(lacht) Ich war am ersten Tag durch ein Interview mit dem Hessischen Rundfunk bis mittags verhindert, hab dann erst am Abend die Soforthilfe hochgeladen und bis heute noch kein Geld. Jedoch haben viele Kollegen berichtet, dass es in kleinen Summen innerhalb von fünf Tagen auf dem Konto war. Ich denke, dass alle zuständigen Stellen (Finanzamt, Agentur für Arbeit etc.) überrascht und überfordert waren. Niemand hat mit so etwas gerechnet, selbst der Steuerberater hat den letzten Antrag für Kurzarbeitergeld vor zwölf Jahren gestellt. Ich hoffe jedoch, dass die Hilfen bald ausgezahlt sind.

Empfiehlt es sich, für die Kunden jetzt schon Termine zu machen?

Ja, auf jeden Fall, sofern die Salons besetzt sind. Wir werden ab nächste Woche die Salons besetzen und eine Hotline errichten, um Termine und Anfragen zu beantworten. Bis dahin sind dann auch hoffentlich alle Details da, wie wir öffnen dürfen. Sonst begeben wir uns auf Glatteis und vereinbaren Termine, die wir aufgrund von Auflagen gar nicht erfüllen dürfen. Kontrollen dazu werden stattfinden.

Konkrete Regelungen stehen noch nicht fest

Wissen Sie schon, ob es für die Friseurgeschäfte bestimmte Auflagen gibt, etwa nur eine bestimmte Anzahl von Kunden im Raum?

Mein Kenntnisstand Freitag früh ist, dass es noch keine konkrete Aussage gibt. Das macht es schwer, die Arbeitspläne zu erstellen. Es kann sein, dass es auf eine bestimmte Anzahl Menschen im Raum begrenzt wird oder, wie vor der Schließung, auf einen Mindestabstand von anderthalb Metern hinausläuft. Ebenso dürfen wir keine Getränke und Zeitschriften ausgeben. Händewaschen beim Betreten des Salons ist ein Muss.

Werden Sie künftig Ihre Kunden mit Maske bedienen?

Das ist ab Montag Pflicht, für Kunden und Mitarbeiter, zum Schutz für meine Mitarbeiter sind schon Masken bestellt, ich hoffe, dass diese auch schnell verfügbar sind.

Kunden müssen Masken tragen

Sollten die Kunden mit Masken kommen?

Kunden müssen ebenso welche mitbringen und tragen, wir werden zur Not welche vor Ort haben. Aber der Kunde muss sich auch um seine Maske kümmern.

Fürchten Sie, dass Ihre Angestellten mit Angst zur Arbeit gehen?

Etwas Angst, und ein mulmiges Gefühl wird noch lange nachwirken. Einige haben Angst um ihre Gesundheit und andere um ihren Job. Meine Einschätzung ist, dass wir noch lange an Corona zu knabbern haben, bis ein Impfstoff auf dem Markt ist, wird sich nicht viel ändern dürfen. Ich denke, unsere Branche und der Einzelhandel werden sich nachhaltig verändern. Arbeitszeiten und Arbeitszeitmodelle werden sich neu erfinden. Das ist bei vielen noch nicht angekommen. Voraussichtlich müssen wir in verschiedenen Schichten arbeiten, möglicherweise auch länger öffnen. Wir bekommen amerikanische Verhältnisse, zumindest kurzfristig.

Prüfungen der Azubis werden wohl verschoben

Inwieweit hat die Ausbildung in Ihrer Branche unter der Zwangspause gelitten? Können die Lehrlinge im Sommer ihre Prüfung ablegen wie geplant?

Für die Azubis ist es schwer, nicht nur, dass sie keine Praxis mehr hatten seit sechs Wochen, auch der Schulunterricht ist völlig aus dem Zeitfenster geflogen. Hier sind sehr viel Konsequenz und Eigenverantwortung gefragt, um den Stoff wieder aufzuholen. Die Berufsschule hat Blocks kreiert und den Schülern die Theorieunterlagen zugesendet. Wir im Betrieb haben uns in Video-Chats verabredet und am Medium (Übung Kopf) trainieren lassen. Die Prüfungen im Sommer werden sicherlich in den Spätsommer oder Herbst verschoben, so viel kann ich heute schon sagen.

Hat die Krise fürs Handwerk auch was Positives mit sich gebracht?

Ja, die Wertschätzung des Berufsbildes hat an Ansehen gewonnen. Es ist eben nicht nur unser Job, Haare abzuschneiden, bunt und krumm zu machen. Wir geben den Menschen durch unser Handwerk auch Selbstbewusstsein und ein Gefühl des Wohlfühlens. Das wird vielen jetzt bewusst geworden sein.

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