„Lass mal snacken gehen“: So – oder zumindest so ähnlich – laufen heutzutage oft Verabredungen zum Essengehen ab. So manchem Sprachenthusiasten dürfte es beim Anblick eines solchen Chatverlaufs kalt den Rücken runterlaufen. Grammatikalische Regeln zählen beim Chatten oft nicht. Wichtig ist, dass der Inhalt transportiert wird. Foto: Symbolbild

Main-Kinzig-Kreis

Diktatwettbewerb fördert Schriftsprache in Social-Media-Zeiten

Main-Kinzig-Kreis. Wenn am 1. März beim vom HANAUER ANZEIGER initiierten Diktatwettbewerb „MKK schreibt“ die Stifte gezückt werden, müssen rund 140 Wörter möglichst fehlerfrei geschrieben werden. In Zeiten von Social Media ist das nicht selbstverständlich. Denn grammatikalisch korrektes Schreiben nimmt im Alltag immer weiter ab.

Von Michael Bellack

„Die ganze Kunst der Sprache besteht darin, verstanden zu werden“, wusste bereits Konfuzius. Rund 2500 Jahre nach dem Ableben des chinesischen Philosophen ist seine Aussage aktueller denn je. „Die Priorität beim Chatten und Schreiben im Internet liegt darauf, Inhalte zu transportieren“, weiß Oliver Beddies, Projektleiter Bildung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main. „Man geht davon aus, dass das Gegenüber durch reines Ablesen der Nachricht den Sinn verstehen kann.“

Dadurch stellt sich bei vielen Smartphonenutzern – ziemlich unabhängig vom Alter – eine gewisse Bequemlichkeit im Umgang mit den Regeln der deutschen Sprache ein. „In den sozialen Medien herrscht viel Mündlichkeit. Dinge werden so geschrieben, wie sie auch gesagt werden würden“, so Beddies. Bedeutet: Wer in die Tasten haut, schert sich wenig um Interpunktion oder Groß- und Kleinschreibung. Schnell muss es gehen. Und die Message muss ankommen. „Da kann jeder in seinem Smartphone einmal nachschauen. Ich glaube, es gibt kaum einen Chatverlauf, in dem korrekte Schriftsprache verwendet wird“, ist sich Beddies sicher.

Mund- und Schriftsprache haben eine unterschiedliche StrukturenDie zunehmende Mündlichkeit hat verschiedene Auswirkungen auf die Sprache. Während man in der Schriftsprache strukturiert zu Werke geht, das Geschriebene beispielsweise nach Begriffen und Themen sortiert, werden Erlebnisse im Mündlichen meist einfach chronologisch wiedergegeben. Schlimm ist das nicht. „Es ist einfach eine andere Form der Sprache“, weiß Beddies. Durch die sozialen Medien werde anders und auch „viel mehr geschrieben“.

Laut der aktuellen „Jugend, Information, (Multi) Media-Studie (Jim)“ des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest besitzen bereits 92 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen ein Smartphone. Bei den ab 14-Jährigen ist mit 98 Prozent quasi eine Vollausstattung erreicht. Dementsprechend gigantisch ist die Anzahl von Nachrichten, die tagtäglich verschickt werden. Weltweit werden allein per WhatsApp am Tag 55 Milliarden Kurznachrichten verschickt. Wie hoch der Anteil sprachlich korrekter Nachrichten ist, lässt sich freilich nicht ermitteln. Er dürfte aber in einem sehr niedrigen Bereich liegen.

Der Adressat spielt eine wichtige RolleDoch bedeutet das Mehrschreiben auch, dass schlechter geschrieben wird? „Nein“, sagt Beddies. „Es gibt weniger formelle Verbindlichkeiten, an die sich gehalten wird.“ Dies sei aber vor allem in der Kommunikation im Alltag der Fall. Die formelle Kommunikation habe weiterhin Bestand. „Unterschiedliche Adressaten werden unterschiedlich kontaktiert. Nicht alles wird in mündlicher Schriftform akzeptiert“, sagt Beddies.

Eine Nachricht in der WhatsApp-Gruppe des Fußballvereins könne man nicht in der gleichen Form schreiben wie eine E-Mail an den Vorgesetzten. „Wir müssen in der Lage sein, zwischen Sprachregistern zu unterscheiden und sie entsprechend anzuwenden. Diese Anforderung wird tagtäglich an uns gestellt.“ Es gehöre zum gesellschaftlichen Selbstverständnis, bestimmten Content auf bestimmte Art und Weise aufzubereiten. „Bei WhatsApp wird auf Regeln nicht geachtet. Und das ist völlig in Ordnung. Auch diese Sprachform hat ihren Platz“, findet er.

"Sich anders auszudrücken, ist doch nicht verwerflich."Während die Hüter der deutschen Rechtschreibung im Zusammenhang mit beispielsweise Jugendsprache oft von einem Sprachverfall sprechen, sieht Beddies die veränderten Sprachformen positiv: „Ich sehe da ein riesiges kreatives Potenzial. Sich anders auszudrücken, ist doch nicht verwerflich.“ Die deutsche Sprache befinde sich schließlich schon seit Jahrhunderten konstant in einem ständigen Wandel. „Wenn die Menschen vor 200 Jahren unsere jetzige Sprache sehen würden, würden sie auch sagen: Eure Sprache ist verfallen“, sagt er.

Dass die Mündlichkeit nun starken Einzug in die Schriftsprache hält, sei nun mal aktuell Teil der Sprachentwicklung. „Die Schriftsprache bleibt ja durchgehend relevant. Wir lesen die geschriebene Sprache und kommunizieren mit der Mündlichen. Das eine geht nicht ohne das andere“, erklärt Beddies.

"Jim"-Studie stützt TheseDass sich die Schriftsprache keinesfalls auf dem absteigenden Ast befindet, beweist die aktuelle „Jim“-Studie. Zwei von fünf Jugendlichen greifen mehrmals in der Woche in ihrer Freizeit zu Büchern und verabschieden sich zumindest für einige Momente von WhatsApp und Co.

„Das Diktat ist in seiner Form die absolute Schriftsprache“, findet Beddies. Daher eigne sich der Wettbewerb ideal, um die Schriftsprache zu fördern und Schüler im Umgang damit zu fordern.

Weitere Informationen zum Diktatwettbewerb „MKK schreibt“ gibt es auf der Homepage der Veranstaltung.www.mkk-schreibt.de

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