Der Comedian Dieter Nuhr unterhält rund 2300 Fans in der August-Schärttner-Halle. Foto: Andrea Pauly

Hanau

Dieter Nuhr begeistert Fans in August-Schärttner-Halle

Hanau. In der August-Schärttner-Halle haben Comedians und Kabarettisten grundsätzlich leichtes Spiel beim Warm-up mit den Zuschauern. Ob Bülent Ceylan, Kaya Yanar und nun zum wiederholten Male Dieter Nuhr: Alle thematisieren ironisch die Sporthallen-Architektur und ernten dafür ihre ersten Lacher des Abends.

Von Andrea Pauly

Rund 2300 Gäste überzeugte der mehrfach ausgezeichnete Komiker auch in diesem, seinem dreißigsten Bühnenjahr, als er ganz puristisch – ein Mann, ein Mikro, keine Videoeinspieler oder Bühnendeko – sein Programm „Nuhr hier, nur heute“ präsentierte.

Der Moderator von „Nuhr im Ersten“ und „Nuhr ab 18“ sowie Autor mehrerer Bestseller plauderte sich auf die ihm typische ruhige – fast beiläufige – Art durch Religionen, Weltpolitik, Umweltskandale und ritualisierte Empörung. So schaffte Nuhr spielend die Kurve von Merkels letzter Amtszeit, über den Feinstaubskandal zum Raucherquadrat auf dem Bahnhof oder von der Bundeswehr zur Deutschen Umwelthilfe, die für ihn ein simpler und dubioser Abmahnverein sei und unser Land an den Rand des Abgrunds treibe.

AfD und die Islamisten

Manchmal schien sich der 58-Jährige doch tatsächlich etwas in Rage zu reden, nämlich dann, wenn er polemisierte, das der Staat nicht die Mutter aller Bürger sei, gegen tumbe Wutbürger loslegte, die in einem der reichsten Länder der Erde geboren wurden, alles haben und trotzdem jammern, sie hätten Angst vor Überfremdung und Terror. Dabei regen ihn rechte und linke Fanatiker genauso auf wie die Islamisten und „die AfD geht mir tierisch auf den Sack“, bekundete er mit Nachdruck. Die seien doch auch nicht besser als die Islamisten.

„Beide Gruppen sind intolerant, immer beleidigt und judenfeindlich.“ Er habe auch grundsätzlich nichts gegen Burkas, sie müssten nur von der richtigen Leuten getragen werden und vor allem schalldicht sein. Außerdem könne er die Argumente der Meckerer nicht mehr hören, „sie hätten keine Lust mehr, Kompromisse einzugehen“. „Die Welt ist voll von Spacken, Trotteln und Irren. Wir brauchen Kompromisse, um miteinander auszukommen. Den Zustand im Kompromiss zu leben, nennt man Zivilisation.“

Meinungsmachende Social-Media-Welt

Eloquent und faktensicher hielt Nuhr seinem Publikum den sprichwörtlichen Spiegel vor. „Die Leute beschweren sich über die Politik, dabei kennen sie die Regierung gar nicht. Wer ist Kanzleramtsminister?“ – Erst Schweigen im Saal. Dann einige wenige Namensbekundungen – „Helge Braun“. Da spricht dann wieder der ehemalige Lehrer, der sich nach dem ersten Staatsexamen gegen eine Schulkarriere und für die Bühne entschied. Er beherrscht es, sein Publikum gleichzeitig zum Lachen und zum Denken zu bringen.

Themenwechsel in die meinungsmachende Social-Media-Welt: „Der klassische Trottel stand früher an der Theke und sprach in sein Glas, weil er keinen Account hatte. Und sein einziger Follower war der Wirt. Heute sind die Idioten alle vernetzt und bestätigen sich im Internet gegenseitig.“ Auch Katastrophen, so Nuhr, würden sich heute präsenter anfühlen, weil sie uns durch das Internet auch bildlich erreichen würden.

30-jähriges Bühnenjubiläum

Alleine das schaffe emotionale Bezüge, die in der Vergangenheit nicht möglich gewesen seien. So sei das Internet ohnehin oftmals die Wurzel allen Übels. Der Wutbürger an sich fühle sich mit seinem eigenen tristen Alltag noch stärker benachteiligt, wenn ihm seine Facebook-“Freunde“ ständig vor leuchtenden Sonnenuntergängen entgegenstrahlten.

Da Nuhr gerade sein 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert hat, war es Zeit für einen Rückblick. Seit er auf der Welt sei, habe die sich kontinuierlich verbessert. „Als ich Kind war, stank der Rhein nach Scheiße und nach Chemie. Heute schwimmen Lachse darin.“ Und dennoch würden die Leute so tun, als wäre in den letzten Jahrzehnten nicht alles sauberer geworden. „Die können es nicht ertragen, dass die Welt besser wird. Jetzt suchen sie im Mikrobereich nach Schadstoffen.“

"Heute ist die beste Zeit"

Alle hätten ständig nur noch ein ‧Bedrohungsgefühl. „Katastrophen werden gemeldet, langfristige positive Entwicklungen nicht.“ Sowie bei der aktuellen Dieseldebatte. Stickoxide seien nicht tödlich, sagt Nuhr: „Stickoxid ist lebensverkürzend. Aber das sind ganz viele Dinge. Bier zum Beispiel ist viel lebensverkürzender als Stickoxid.“ Irre sei es deshalb, beim Bier an der Bar über die Gefahren von Stickoxiden zu debattieren. Wir leben zwar in einer verrückten Welt und die ständig auf allen Kanälen aufploppenden Breaking News würden uns alle völlig irre machen und den Eindruck vermitteln, diese sei noch nie so bedrohlich gewesen.

„Dabei war die Welt noch nie so sicher wie im Moment und uns geht es besser als je zuvor. Heute ist die beste Zeit“, schloss Nuhr sein ganz persönliches Fazit im Brustton der Überzeugung – Man wäre gerne geneigt, ihm zu glauben.

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