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„Die Augen der Kids sind das Wichtigste“: Beim VfR Kesselstadt ist Integration keine Einbahnstraße

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Von: Thorsten Jung

Sprechen im Verein viel über Integration: Die Vorstandsmitglieder des VfR Kesselstadt Thorsten Wolter, Adolfo Russo, Robert Sattler und Klaus Reinhardt (von links).
Sprechen im Verein viel über Integration: Die Vorstandsmitglieder des VfR Kesselstadt Thorsten Wolter, Adolfo Russo, Robert Sattler und Klaus Reinhardt (von links). © THORSTEN JUNG

Beim VfR Kesselstadt wird viel für Menschen mit Migrationshintergrund getan. Wie der Fußballverein seine Mitglieder und Jugendkicker unterstützt, haben wir uns im Rahmen der Serie „Wie bunt ist Hanau?“ mal genauer angesehen.

Hanau – Etwa 1500 Meter liegen zwischen dem Sportgelände des VfR Kesselstadt und dem zweiten Anschlagsort vom 19. Februar 2020. An der Pumpstation gehen Kinder und Erwachsene aus mindestens 15 verschiedenen Nationen ihrem Hobby nach. Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingen wird beim Fußballverein schon seit jeher groß geschrieben.

„Ehrlich gesagt wissen wir gar nicht, wie viele verschiedene Nationen bei uns sind, denn bei uns zählt nur der Mensch“, sagt Thorsten Wolter. Der Sportliche Leiter weiß, wie sehr die Ereignisse, die sich am Samstag zum zweiten Mal jähren, das Vereinsleben verändert haben. „Vor allem die Spieler unserer zweiten Mannschaft hat das sehr mitgenommen. Der Bruder von Hamza Kurtovic hatte immer mal mittrainiert. Es war wochenlang sehr ruhig in der Mannschaft.“

„Kemal Kocak wird immer ein Teil von uns sein“

Adolfo Russo ist wie Wolter schon jahrzehntelang ehrenamtlich im VfR tätig. Lange Zeit war er Jugendleiter, jetzt ist er stellvertretender Vorsitzender. „Wir haben alle gekannt. Einige haben in der Jugend bei uns gespielt. Das hat mich sehr, sehr mitgenommen“, sagt Russo und schaut gedankenverloren über den Fußballplatz. „Kemal Kocak, der Pächter des Kiosks, ist bei uns groß geworden. Er hat hier in der Jugend gespielt, danach erste Mannschaft, war Jugend- und Erstmannschaftstrainer. Er wird immer ein Teil von uns sein“, erzählt der Vereinsvorsitzende Robert Sattler.

Und Wolter ergänzt: „Kemals Sohn war an dem Abend ja auch im Kiosk, er spielt jetzt bei uns in der zweiten Mannschaft. Und auch Ferhat Unvar hat mehrere Jahre bei uns in der Jugend gespielt.“ Nachdenklich schiebt Wolter nach: „Es gab definitiv ein Umdenken bei uns. Wir müssen mehr aufeinander aufpassen.“

Hilfe für Familie, deren Wohnung ausbrannte

Beim Multi-Kulti-Verein rückt man schon immer eng zusammen und unterstützt auch die sozial Schwächeren. Als im Dezember 2019 die Wohnung eines E-Jugendspielers und seiner Eltern ausgebrannt war, half der Verein der Familie bei der Rückkehr ins normale Leben. Als eine syrische Familie in Richtung Wächtersbach ziehen sollte, setzte man sich dafür ein, dass sie bleiben konnte. „Einer macht jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr bei uns“, so Jugendleiter Klaus Reinhardt.

Manchmal falle es Eltern schwer, ihre fußballbegeisterten Kinder mit Sportkleidung und Kickschuhen auszustatten. Dann öffnet der VfR Kesselstadt seinen Fundus an Fußballschuhen und -klamotten. „Die Augen der Kids sind mir das Wichtigste! Guck denen mal in die Augen, wenn du ihnen eine Sporthose schenkst, wie die sich freuen“, berichtet Wolter und auch seine Augen strahlen dabei.

„In eine Gemeinschaft integrieren“

168 Jugendspieler werden derzeit beim VfR ausgebildet. „50 Prozent der Trainer im Jugendbereich haben einen Migrationshintergrund“, freut sich Sattler darüber, die Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten einbinden zu können. „Höflichkeit und Respekt im Umgang miteinander und mit Erwachsenen sind Teile der Ausbildung, die die Kinder hier mitkriegen sollen“, zählt der Vorsitzende auf. Es gibt ihm viel, wenn er ehemalige Jugendspieler in der Stadt oder auf dem Fußballplatz wieder trifft, sie ihm die Hand reichen und sagen, wie toll die Zeit damals beim VfR gewesen sei. Wolter bringt die grundsätzliche Intention des VfR auf den Punkt: „Wir wollen sie von der Straße holen und in eine Gemeinschaft integrieren.“

Dass das nicht immer einfach ist und auch nicht immer gelingt, wissen auch die Vorstandsmitglieder der Kesselstädter Fußballer. „Einmal hat ein Junge während des Trainings auf dem Platz gestanden und richtig geheult. Zu Hause verstand ihn die Mama nicht und der Trainer hier verstand ihn auch nicht“, erzählt Russo. „Auf dem Sportplatz sollen die Kinder deutsch sein und zu Hause anders, so wie es die entsprechende Kultur ihrer Eltern will. Das ist manchmal sehr problematisch.“

So hat man beim VfR Falafel kennengelernt

Auch dann sind die Ehrenamtlichen zur Stelle. So wie bei Problemen oder Unsicherheiten, die der Alltag mit sich bringt. „Wir übernehmen im Rahmen unserer Möglichkeiten gerne eine Lotsenfunktion“, so Sattler. Unter anderem, wenn es um das Stellen von Anträgen geht: „Durch die Teilhabe-Regelung des Main-Kinzig-Kreises bekommen die Familien beim Vereinsbeitrag finanzielle Unterstützung vom Kreis“, erklärt Reinhardt. Oft wüssten Familien nicht mal, was ein Vereinsbeitrag sei.

Auf der anderen Seite profitieren auch die Kesselstädter Ehrenamtlichen von den verschiedenen Kulturen im Verein. „Es ist bei uns normal, dass Mütter zu den Abschlussfeiern Spezialitäten aus ihrer Heimat mitbringen“, strahlt Sattler beim Gedanken an die kulinarischen Highlights. Reinhardt nennt beispielsweise Reiskuchen, der anfangs nicht bekannt gewesen sei und super bei allen ankam. „Falafel kannten wir zum Beispiel früher nicht, jetzt gibt es das überall zu kaufen.“

Integration ist eben lange keine Einbahnstraße. Das weiß man beim VfR Kesselstadt zu schätzen - und steht auch in schweren Zeiten zusammen. „Durch die Nähe sind wir unmittelbar und stark bedrückt“, sagt deswegen auch Vorstand Sattler, als er an den 19. Februar 2020 zurückdenkt.

Von Thorsten Jung

Training für Flüchtlinge und das Beispiel der Brüder Vrancic

Ein Beispiel, wie Integration beim VfR Kesselstadt gelingt, war vor sieben Jahren, als Christian Russo und Orhan Tasdemir Fußballtraining für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge anboten. Russo kümmerte sich in der Flüchtlingsunterkunft Sportsfield Housing mit einem Team um die sozialpädagogische Betreuung Jugendlicher im Alter von 15 bis 17 Jahren. Heute noch spielen afghanische und syrische Mitmenschen, die in dieser Zeit nach Deutschland kamen, in den Mannschaften des VfR Kesselstadt.

Der Verein hatte schon in den Jahren zuvor mit der Integration von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten Erfahrungen gesammelt. Ein gelungenes Beispiel sind die Brüder Damir und Mario Vrancic, die Anfang der 90er als Flüchtlinge aus Bosnien nach Hanau kamen, beim VfR in der Jugend spielten, und später als Profis unter anderem in der Bundesliga Karriere machten. tj

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