Als "Urgestein der Hanauer CDU" wurde der erfolgreiche Landes, Bundes- und Medienpolitiker sowie Publizist Professor Dieter Weirich (rechts) von Hanaus CDU-Vorsitzendem Joachim Stamm vor seiner Festrede begrüßt. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Tag der Deutschen Einheit: Professor regt zum Nachdenken an

Hanau. „Das war eine äußert bemerkenswerte Rede, mit der Sie das Herz eines jeden hier im Saal erreicht haben.“ Diese Würdigung vom Vorsitzenden der Hanauer CDU, Joachim Stamm, erfolgte direkt im Anschluss an die Rede Professor Dieter Weirichs zum Tag der Deutschen Einheit in der Steinheimer Kulturhalle.

Von Rainer Habermann

Das Motto: „Moderner Patriotismus“ in der Steinheimer Kulturhalle. Dort hatten die Hanauer Christdemokraten ihren „Jubiläums-Brunch“ zur 29. Wiederkehr jenes Tages veranstaltet, an dem die einstige DDR-Volkskammer den Beitritt zum Grundgesetz der BRD erklärt und damit die politische Einheit der beiden deutschen Staaten proklamiert hatte.

Weirichs Ansprache sorgte für große Aufmerksamkeit. Der frühere Stadt- und Main-Kinzig-Kreisvorsitzende der Christdemokraten, Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Ex-Intendant der „Deutschen Welle“ und später Kommunikationschef bei der Fraport AG nahm nämlich auch gängige Klischees der deutschen Konservativen aufs Korn. Und markierte ein durchaus kritisches Verständnis von „Political Correctness“ der gegenwärtigen Art. Anders, als man es in Zeiten von Greta Thunberg und „Fridays for Future“ auf der einen und AfD oder Trump auf der anderen Seite vermuten sollte.

Zunächst aber lieferte Weirich einen Abriss seiner eigenen Erfahrungen im Umgang mit jenem 9. November 1989 (dem Tag der Grenzöffnung oder des „Mauerfalls“), und jenem 3. Oktober 1990, der die deutsche Geschichte seitdem bestimmt. Weirich, der jüngst eine Biografie des erzkonservativen und vor seinem Tode im Jahr 2002 höchst umstrittenen CDU-Politikers Alfred Dregger veröffentlicht hat, ist nämlich nicht nur „ein Urgestein der Hanauer CDU“, wie ihn Stamm in seiner Begrüßungsrede nannte. Er ist auch ein erfolgreicher Landes, Bundes- und Medienpolitiker und Publizist, der „vor 40 Jahren aus Hanau weggegangen ist und als Zonenrand-Abgeordneter seine politischen Erfahrungen in Eisfeld und Herleshausen gemacht hat“, wie er sagte.

Intendant der Deutschen Welle

Damals war der heute 74-Jährige bereits Intendant des Auslandsrundfunks der Deutschen Welle, eines Kölner und Berliner Radiosenders, an den sich heute nicht mehr alle erinnern. Dass der Rundfunk bereits in DDR-Zeiten in den heutigen neuen Bundesländern und besonders im „Tal der Ahnungslosen“ (so nannte man die Bereiche um Dresden, in denen kein „West-Fernsehen“ empfangen werden konnte) keinen besonderen Ruf genoss, mag man an einem Zitat Weirichs von DDR-Bürgern ablesen, das da lautet: „RIAS-Welle: Lügen-Quelle“. RIAS war der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, also in West-Berlin. Was Weirich ausdrücklich nicht sagte: das Wort von „Lügenpresse“ hat durchaus auch neuere geschichtliche Hintergründe; nicht nur aus der NS-Zeit.

Der aktuelle Bezug von Weirichs Rede wird deutlich an Zitaten aus seiner Gesellschaftskritik des heutigen Deutschland: „Moderner Patriotismus heute bedeutet für mich: Liebe zur Nation, aber auch Liebe zu Europa.“ Daraus folgere aber: „Ein klares Ja zu Europa bedeutet nicht zwangsläufig ein Ja zum Euro.“ Der sei „eine Fehlkonstruktion. Die Sparer in Deutschland seien um Hunderte von Milliarden betrogen worden durch die Geldpolitik der EZB (Europäische Zentralbank).

Im Weiteren vertritt Weirich viele diskussionswürdige Positionen: „Das braune Völkermorden (im Nationalsozialismus) ist kein 'Fliegenschiss der Geschichte' (ohne denjenigen zu nennen, dem das Zitat zugeschrieben wird: Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD)“. „Allerdings ist die Geschichtsverkürzung aus ideologischen Gründen ein Verbrechen an der Jugend.“ – „Es gibt einen beängstigenden Analphabetismus unter heutigen Schülern, aber auch Jungredakteuren in den Medien: nur ganze 50 Prozent wissen, dass sowohl der Nationalsozialismus als auch die DDR Diktaturen waren.“

Zwei wichtige Zukunftsfragen

Zwei wichtige Zukunftsfragen macht Weirich aus: den Umgang mit dem Klimawandel und mit der Migration. Da hat er allerdings Antworten, die so manchem Grünen-Politiker nicht gefallen dürften, zumindest in Bezug auf die „Fridays for Future“-Bewegung. Er sei schon für das „Eindämmen des Klimawandels“; jedoch „ohne die Wirtschaft des Landes zu zerstören“.

Und zum Thema Migration sagt Weirich (unter anderem): „Im Ausland belächeln sie uns. Um zu Fischen, braucht man in keinem anderen Land einen Angelschein. Aber an deutschen Grenzen braucht nur jemand zu rufen: 'Ich bin Syrer': dann kommt er ohne Papiere rein.“ In Deutschland herrsche nun mal ein „moralisierender Opportunismus“. Der dulde keinen Widerspruch und arte zu einer Art „Gesinnungs-TÜV“ aus. Die Hanauer CDU stand zum Ende der Veranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit auf und sang die deutsche Nationalhymne.

Das hatte natürlich auch einen Hintergrund in Weirichs Rede selbst. Denn zur Würdigung des Tags der Deutschen Einheit sagte er auch noch: „Wir sollten eine Einheit in Zuversicht leben. Streichen wir Begriffe wie 'Ossis' und 'Wessis' aus unserem Sprachgebrauch. Damit die Transparente der friedlichen Revolution und der Satz 'Wir sind das Volk' endlich in unserem gemeinsamen Verständnis von deutscher Geschichte vorangetragen werden können. Denn zu dieser Geschichte gehören auch die Paulskirchenverfassung, das Hambacher Fest und nicht zuletzt das Wilhelmsbader Fest von 1832 in Hanau, als Kampf für Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit.“

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