Alle Bäume weg: Entlang der Bundesstraße 43a ist vom alten Baumbestand nichts mehr übrig geblieben. Foto: Holger Hackendahl

Hanau

Deswegen fallen fast 700 Bäume auf dem Pioneer-Areal

Wolfgang. Die Wogen in Wolfgang schlagen angesichts der bereits erfolgten Fällung von 277 Bäumen auf dem Gelände der ehemaligen Pioneer-Kaserne hoch. Insgesamt sind es aber weitaus mehr Bäume, die weichen mussten.

Von Holger Hackendahl

Laut Stadtentwickler Martin Bieberle werden von den auf dem Areal 917 kartierten Bäumen 677 gefällt, 239 bleiben im Bestand. Davon sind 33 Bäume im Bebauungsplan festgesetzt. Die Hecken entlang der Bundesstraße 43a hätten im Kontext der Erstellung der Lärmschutzwand beseitigt werden müssen, erläutert er auf Nachfrage unserer Zeitung.

Auf dem 47,5 Hektar großen ehemaligen Kasernengelände der 2008 abgerückten US-Streitkräfte entsteht ein neues Wohngebiet, in dem zukünftig rund 5000 Menschen wohnen sollen. Die vorbereitenden Arbeiten für die Baumaßnahmen laufen auf dem gesamten Gebiet.

Neubepflanzung als Ausgleich

Ein Hauptgrund für Baumfällmaßnahmen ist der bevorstehende Beginn der Brut- und Setzzeit. Aber: „Jeder Baum, der gefällt wird, wird auch ersetzt. Keiner fällt Bäume aus Spaß an der Freud'“, erläutert Bieberle. Die Fällungen würden vorgenommen, um neuen Wohnraum zu schaffen. „Bevor damit begonnen wurde, waren natürlich Gutachter mit der Inaugenscheinnahme des Baumbestands betraut“, verweist Bieberle auf den Umweltbericht.

„Die Zahl von 677 gefällten Bäumen hört sich natürlich erst einmal schockierend an. Darin enthalten sind aber auch Bäume, die keine lange Lebensperspektive hätten. Die Begründung fürs Fällen ist natürlich auch, dass wir weitere Wohnhäuser bauen. Wir wollen aber auf keinen Fall, dass der Charakter eines Kasernenareals erhalten bleibt“, unterstreicht Bieberle. Als Ausgleichsmaßnahmen werden nach seinen Worten für alle auf dem Areal gefällten Bäume neue gepflanzt. Insgesamt sollen zukünftig 1100 Bäume auf Pioneer- und Triangle-Areal stehen.

Kritik gibt es auch an der großflächigen Abholzung von Hecken. Wenn zum Schutz der Wohnbebauung eine Lärmschutzwand gebaut werden solle, gebe es jedoch keine Alternative, so Bieberle.

Bieberle: Öffentlichkeit informiert

Heinz Ross, Jäger und Naturschützer aus Wolfgang, sieht das anders. „Die Hecken zur Autobahn hin wurden komplett gerodet, es ist nur noch die blanke Erde zu sehen. Diese Hecken waren Heimat für Nachtigallen, die in Kürze aus ihren Winterquartieren zurückkehren. Es ist nicht akzeptabel, dass einfach alles kahl geschlagen wird. Man hätte doch wenigstens Teile der Hecken oder Baumgruppen stehen lassen können. In Wolfgang sind viele Bürger empört und aufgebracht – zumindest jeder, mit dem ich gesprochen habe. Es handelt sich um einen Totalkahlschlag, eine Nacht- und Nebel-Aktion“, erklärt Ross, der sich im Wildpark Klein-Auheim und in Schulen in Naturschutzprojekten engagiert, auf Nachfrage. Derzeit werde überlegt, ob eine Unterschriftensammlung gestartet werde.

Die Öffentlichkeit sei über die Maßnahmen informiert worden, entgegnet wiederum Bieberle. Im Rahmen des Bebauungsplan-Verfahrens sei der Ortsbeirat Großauheim/Wolfgang im Vorfeld bei einer Sitzung im Bürgerhaus Wolfgang über die geplanten Fällarbeiten informiert worden. Bei einer öffentlichen Sitzung des Struktur- und Umweltausschusses habe es eine ausführliche Präsentation zum Thema Bäume gegeben.

Kritik von BUND

Der BUND habe sich extrem kritisch mit den Baumfällungen auf dem Areal auseinandergesetzt, räumt der Stadtentwickler ein. Auch der Naturschutzbeirat bei der Stadt – ein ausschließlich beratendes Gremium besetzt mit Parteivertretern aus der Stadtverordnetenversammlung sowie aus Naturschutzverbänden – hat die geplanten Fällmaßnahmen abgelehnt, erfuhr unsere Zeitung.

Das Gremium forderte die Stadt auf, weniger Bäume zu fällen und zum Ausgleich der Fällungen mehr neue Bäume zu pflanzen. Für Bieberle liegt die Ablehnung „in der Natur der Sache“. Allerdings müssten die verschiedenen Belange wie Bauen und Wohnen in die Gesamtabwägung und die Erschließung des Areals miteinbezogen werden. „Und da kommt man um Fällmaßnahmen nicht herum“, unterstreicht Bieberle. Die gefällten Exemplare würden komplett ersetzt.

Kleintiere ohne Bleibe

„Das Gutachten hat einen Haufen Geld gekostet, aber über das wurde hinweggegangen. Es wurde uns vor Weihnachten (Anm. d. Red.: am 18. Dezember 2018) in einer Sondersitzung des Naturschutzbeirats vorgestellt. Es ist von der Stadt bei den Planungen nicht beachtet worden“, moniert ein Mitglied des Naturschutzbeirat, das unserer Zeitung mit Namen bekannt ist. „Am Gutachterabend sollte der Naturschutzbeirat der Fällung zustimmen, ohne vor Ort auf dem Gelände gewesen zu sein. Wir wurden später hingeführt, haben uns alles angeschaut und wollten, dass mehr der auf dem Areal stehenden Bäume erhalten bleiben“, sagt der Mann.

Offensichtlich vergeblich. „Wenn wir dagegen sind, wird das registriert, und das war's dann. Wir sind ja nur Beratungs- und kein Bestimmungsgremium“, moniert das Mitglied, das eigenen Angaben zufolge zur Verschwiegenheit verpflichtet worden ist. „Was die daraus machen, ist nicht in Ordnung. Die ganzen Kleintiere haben keine Bleibe mehr, das Areal ist ja auch Lebensraum für Vögel und Insekten.“ Und weiter: „Die Natur ist der Stadt Hanau egal. Das Einzige, was zählt, ist der Reibach“, kritisiert das Beiratsmitglied.

Bieberle erklärt: „Mitglieder eines Beirates unterschreiben eine Erklärung nach § 21 HGO, in der sie sich grundsätzlich auch zur Verschwiegenheit verpflichten. In der Sitzung des Naturschutzbeirates wurde ausdrücklich darüber diskutiert und im Protokoll wurde festgehalten, dass Mitglieder des Beirates oder der Beirat insgesamt selbstverständlich Sachverhalte bewerten dürfen. Auch öffentlich. Die Stellungnahme des Naturschutzbeirates ist ja auch Gegenstand der öffentlichen Abwägungsdokumente im Rahmen des Satzungsbeschlusses.“

Bieberle weiter: „Das Fällen der Bäume war keine geheime Kommandosache, der Naturschutzbeirat hat nur eine beratende Funktion.“ In einer Stellungnahme sei die Stadt unter anderem aufgefordert worden, zugunsten des Erhalts weiterer Bäume nachzubessern, bis die Nachpflanzungen in der Lage seien, die Funktion des heutigen Baumbestandes zu übernehmen. Die Gesamtplanung sei im Rahmen der Offenlage auch der Oberen Naturschutzbehörde vorgelegt worden. Die Prüfung und Bescheidung der Anträge zu den Baumfällungen sei nach der Hanauer Baumschutzsatzung von der Unteren Naturschutzbehörde vorgenommen worden, heißt es dazu weiter aus dem Hanauer Rathaus.

Das könnte Sie auch interessieren