Zwei Männer sollen zur Hochzeit mit der deutlich jüngeren Pflegerin gedrängt worden sein. Doch dazu kam es nicht.  Foto: StockSnap/Pixabay

Großauheim

Dementer Senior fast zu Heirat mit junger Pflegerin gezwungen

Großauheim. Es ist eine unglaubliche Geschichte: Ein Demenzkranker soll in einer Großauheimer Tagespflegeeinrichtung zur Hochzeit mit einer deutlich jüngeren Pflegerin gezwungen werden. Die Familie des 67-Jährigen greift rechtzeitig ein - und warnt Angehörige von Demenzkranken.

Von Christian Dauber

Stellen Sie sich Folgendes vor: Eines Tages kommt Ihr dementer Onkel aus der Tagespflegeeinrichtung nach Hause und erzählt, er würde jetzt die Christa heiraten. Christa ist eine Pflegerin und einige Jahrzehnte jünger. Nur wegen der Papiere, so sei es ihm gesagt worden, meint der frohlockende Onkel. Sie denken, Sie hören nicht recht und wissen: Da kann es doch nur ums Ersparte gehen.

Also sprechen Sie ein Machtwort. Und dann ist Ruhe. Erst mal. Bis der Onkel eine neue Nachricht mitbringt: „Übrigens, die Christa heiratet jetzt den Erich.“ Es bleibt nicht bei Ankündigungen: Das Testament war schon geändert, das Aufgebot bestellt. Erich ist übrigens 91.

Behörden ermitteln - sehen aber nichts Strafbares

Unglaublich? Nicht für Jasmine Rosin. Genau so erzählt die Großauheimerin unserer Zeitung, was sie erlebt hat. Ihr Onkel war es, den Christa zuerst heiraten sollte. Zum Gespräch kommt Rosin nicht mit leeren Händen. Sie hat den Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft Hanau mitgebracht, der sie Anfang Oktober erreicht hat. Denn natürlich gingen bei Rosin alle Alarmglocken an. Nach der Erich-Nachricht hatte sie die Behörden eingeschaltet. Die ermittelten – und sahen am Ende nichts Strafbares.

Aber von Anfang an: Ihr 67-jähriger Onkel Manfred habe vor acht Jahren die Diagnose Frühdemenz bekommen, erzählt Rosin. Er stamme aus Nordrhein-Westfalen. Weil dessen Sohn, ihr Cousin, mitten in der Ausbildung steckte und der Onkel nicht ins Heim sollte, wurde entschieden, dass Rosin sich um ihn kümmert – sie holte den Frührentner nach Großauheim zu sich ins Haus. „Um etwas entlastet zu werden, haben wir ihn zweimal pro Woche zu einem Tagespflegeverein in die Betreuung gegeben. Um 10 Uhr wurde er abgeholt, um 15 Uhr nach Hause gebracht.“ Sechs Jahre sei er dort hingegangen.

"Ich will die Leute warnen"

Wohin, das ist unserer Redaktion ebenso bekannt wie die Namen der beteiligten und beschuldigten Personen. Aus rechtlichen Gründen verzichten wir aber darauf, den betroffenen Pflegeverein sowie echte Namen zu nennen. Auch die Vornamen haben wir mit Ausnahme von Onkel Manfred zum Schutz der Betroffenen geändert. Jasmine Rosin hingegen heißt wirklich so. „Ich stehe mit meinem vollen Namen dahinter“, sagt die Großauheimerin. „Ich will die Leute warnen.“

Onkel Manfred habe sich in der Gruppe, die in einem Privathaus in Erlensee angesiedelt gewesen sein soll, immer sehr wohl gefühlt, erzählt Rosin. „Das war für ihn wie eine Ersatzfamilie. Da war gute Stimmung, da war er der Manni, da hat er mitgeholfen, soweit er konnte.“ Deswegen habe der Onkel selbst auch nicht als Problem wahrgenommen, was sich angebahnt habe. Für einen Außenstehenden sei aber klar, wie der Hase läuft, meint Rosin. Oder laufen sollte.

Nichte erstattet Anzeige

Nach ihren Worten war die Situation in der Gruppe die folgende: Die Gruppenleiterin und Hausbesitzerin habe selbst einen kranken Ehemann, um den sich tagein tagaus eine Pflegerin kümmere. Diese Pflegerin wiederum, Christa, hat sich auch um die Demenzkranken gekümmert, die tagesweise aufgenommen wurden. „Dafür hat die Frau doppelt Geld kassiert, weil die Pflegerin von der Krankenkasse ihres Mannes bereits bezahlt wurde.

„Gleichzeitig hat sie Geld über den Verein bekommen“, meint Rosin. Mit Dokumenten nachweisen kann sie diese Unterstellung nicht, aber „ich weiß, dass es so ist“, sagt sie. Sie erzähle das, weil es zur Gesamtsituation gehöre. Jedenfalls kam, wie erwähnt, eines Tages Onkel Manfred nach Hause und erzählte von den Heiratsplänen. Sie intervenierte, dann war Ruhe. Einige Zeit später dann die Nachricht, dass Christa nun Erich heirate. „Da habe ich bei der Kriminalpolizei angerufen und Anzeige erstattet“, erzählt Rosin. Im Februar sei das gewesen. Schließlich habe die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Testament von 91-Jährigem begünstigt Pflegerin

Die Frau des 91-jährigen Erich war nach Angaben von Rosin vor einiger Zeit gestorben. Dass es zwischen Erich und der einige Jahrzehnte jüngeren Pflegerin nicht gefunkt hatte, sondern wohl finanzielle Interessen in eine Scheinehe münden sollten, zeigte sich schnell. „Es kam heraus: Das Testament von Erich war schon gemacht, die Pflegerin darin begünstigt. Unterstützt wurde das Ganze von einer Anwältin aus der Region.“

Laut Rosin konnte Erichs Nichte die Hochzeitspläne gerade noch rechtzeitig stoppen. Das Aufgebot sei bestellt gewesen. „Von heute auf morgen wurde dann die Betreuungsgruppe zugemacht“, erzählt sie weiter. Sie gehe davon aus, dass Erichs Nichte heute dankbar sei, dass der Stein durch den Anruf bei der Kripo ins Rollen kam. „Mich würde sehr interessieren, wie es weitergegangen ist. Aber ich habe keinen direkten Kontakt.“

Keine Strafe, weil kein Schaden entstanden ist

Rechtlich haben die Ereignisse rund um die Hochzeit für die beteiligten Personen keine Folgen. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, wie Rosin mit Schreiben vom 7. Oktober mitgeteilt wurde. Es liegt unserer Zeitung in Kopie vor. Auf vier Seiten werden die Anschuldigungen von Rosin geschildert – und deren rechtliche Würdigung. Kurz zusammengefasst: Es gibt keine Strafe, weil kein Schaden entstanden ist. Das wäre erst dann der Fall, wenn Erich stirbt. Denn erst dann greife das Testament.

„Solange der Testierende noch lebt, tritt keine Veränderung im Bestand seines Vermögens ein“, heißt es in dem Schreiben der Staatsanwaltschaft. Deswegen greife der Vorwurf des Betrugs nicht. Auch nicht jener des Dreiecksbetrugs – dieser setze voraus, dass der gesetzliche Erbe bereits durch die Erstellung des Testaments geschädigt sei. „Alleine die vorliegend gegebene Überlegung, dass die gesetzlichen Erben nunmehr infolge des Testaments nicht Erben werden, obwohl sie ohne die Überlistung des Zeugen X (Name der Redaktion bekannt) als zukünftigen Erblasser entsprechend Erben geworden wären, vermag keinen Schaden – und ebenso wenig die subjektive Vorstellung davon zu begründen, sodass vorliegend ein Betrugsvorwurf sowohl in Form der Vollendung wie auch des Versuches nicht gegeben ist“, heißt es wörtlich. Weitere Straftatbestände seien nicht gegeben – das Anstreben einer Scheinehe sei keiner. Deswegen sei das Verfahren einzustellen.

Angehörige rät: Gesetzliche Vertretung übernehmen

Das nimmt Rosin zur Kenntnis. Sie erzähle die Geschichte nicht, um Rache zu nehmen oder anzuklagen, auch wenn sie „Schritte außerhalb des Verfahrens“ gegen die Beteiligten eingeleitet habe. Vielmehr will sie, dass die Geschichte an die Öffentlichkeit kommt, um zu warnen: „Menschen, die demente Angehörige betreuen, sollten darauf achten, dass alles abgesichert ist. Ab einem gewissen Grad der Demenz sollten sie erwägen, die gesetzliche Vertretung zu übernehmen.“ Es gehe nicht darum, demente Menschen zu entmündigen. „Aber manches sollten sie nicht mehr alleine entscheiden dürfen.“

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