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Jüdische Gemeinde in Hanau startet Aktionstage an Schulen: „Das Schweigen wird größer“

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Von: Jutta Degen-Peters

Über jüdisches Leben – hier eine Bar Mizwah Feier in der Jüdischen Gemeinde Hanau – wissen Schüler in Hanau und anderswo wenig. Auf der Plattform „Judentum digital“ kann man sich informieren.
Über jüdisches Leben – hier eine Bar Mizwah Feier in der Jüdischen Gemeinde Hanau – wissen Schüler in Hanau und anderswo wenig. Auf der Plattform „Judentum digital“ kann man sich informieren. © Privat

Die Jüdische Gemeinde in Hanau will erreichen, dass sich mehr mit dem jüdischen leben beschäftigt wird. Dazu startet sie Aktionstage an Hanauer Schulen.

Hanau – Wer sich mit dem Judentum beschäftigt, findet sich schnell in einer Gedankenschleife wieder: Das Thema ist geprägt vom Holocaust, dem Gedenken an die Opfer und der Frage nach der Schuld. „Wir beschäftigen uns sehr wenig mit dem Lebendigen und dem jüdischen Leben“, gibt Oliver Dainow zu bedenken. Der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hanau, die in Hanau etwas mehr als 200 Mitglieder hat, hat sich aufgemacht, dies zu ändern.

Anfang nächster Woche soll auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde der Film über den Aktionstag „Jüdisches Leben heute“ an der Karl-Rehbein-Schule freigeschaltet werden. Er kann ein Beispiel geben dafür, wie Bildung und Aufklärung über andere Formen von Religion, Festen, Ritualen aussehen kann.

Aktionstag an Schule in Hanau: Stereotypen über Juden füllen eine ganze Tafel

„Wo würdet ihr euch auf einer Skala von 1 bis 10 zum Wissen über das jüdische Leben einordnen?“ fragt Dainow in dem kurzen Film. Fast alle Schüler der KRS-Oberstufenklasse stellen sich im Bereich zwischen 1 und 3 auf. Wenige Stunden später dieselbe Frage. Die Schülerinnen und Schüler sind zum anderen Ende der Skala gewandert. Zwischen beiden Einordnungen liegt der Aktionstag, bei dem die Mädchen und Jungen auf viele Fragen viele Antworten bekommen haben. Moritz Daniel Oppenheim, dessen Denkmal auf dem Freiheitsplatz steht, mögen sie schon gekannt haben. Jetzt wissen sie vieles über jüdische Feiertage und wissen, dass Bar Mizwa ähnlich wie Firmung oder Konfirmation der Aufnahme junger Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden in die Gemeinde entspricht. Sie haben über Vorurteile diskutiert und sind schockiert, dass sie mit Stereotypen über Juden eine ganze Tafel füllen können.

Die Hanauerin Isabel Gathof, Macherin und Regisseurin des Films „Moritz Daniel Oppenheim“ hat den Aktionstag gefilmt und war begeistert, „wie reflektiert die Schüler mitgearbeitet und geantwortet haben. Das Projekt hat Bewusstsein geschaffen“, ist sie überzeugt und denkt an die eigene Schulzeit zurück, in der auf dem Lehrplan in puncto jüdisches Leben ausschließlich die Shoah gestanden habe und die jüdischen Pogrome. In ihrer Meinung, dass nicht immer nur das Opfer-Narrativ bedient werden dürfe, ist sie sich mit Oliver Dainow einig. Doch auf den Lehrplänen stehe in den Schulen eben im Wesentlichen der Holocaust mit seinem Schrecken. Engagierte Lehrer kommen normalerweise immer wieder mit Klassen in die Synagoge und erhalten dort Einblick in die jüdische Religion. Aktuell ist das wegen Corona nicht möglich. „Aus diesem Grund haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und besuchen die Schüler an ihren Schulen“, erklärt der Geschäftsführer der Gemeinde. Im März besuche man die Kopernikus-Schule in Freigericht, weitere Schulen sollen folgen.

Jüdische Gemeinde in Hanau: Der Antisemitismus wachse

Auf die Frage nach Vielfalt, Toleranz und Offenheit in Hanau wird Dainow nachdenklich. Der Antisemitismus wachse. Er komme aus unterschiedlichen Richtungen. Die Tatsache, dass ein Anschlag wie Halle und ein Anschlagsversuch in Hagen geschehen seien, sei fast schon erwartbar gewesen angesichts des gegenwärtigen Klimas. „Wir haben Vielfalt und viele Initiativen und Menschen, die sich engagieren. Aber obwohl deren Zahl steigt, wächst die Zahl derer, die schweigen oder wegschauen.“ Das findet Dainow bedenklich.

Dass sich Impfgegner und Coronaleugner den Judenstern anhefteten, zeige, wie groß Vorurteile und Unkenntnis seien. Dennoch mache ihm die große Gruppe derer, die Scheuklappen trügen, am meisten Sorgen: „Wir brauchen die, die sagen: Da mach’ ich nicht mit!“. Haltung gegen Intoleranz und Antisemitismus seien wichtiger denn je. „Das Schweigen wird größer, viele Dinge laufen unter dem Radar“, gibt er zu bedenken. Bildung und Aufklärung müssten schon bei den Kleinsten ansetzen und sich in allen Altersstufen fortsetzen. Die Plattform „Judentum digital“ auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde Hanau zählt zu den Schritten in dieser Richtung. Dass sich jeder hier unbeobachtet an seinem Computer über das Judentum informieren könne – unter anderem ist eine Führung durch die Hanauer Synagoge zu sehen – sei ein großer Vorteil in einer Zeit, in der sich mancher nicht offen zu seinem Jüdisch-Sein bekennen wolle. Die Klickzahlen zeigen laut Dainow, wie gut diese digitale Plattform angenommen wird.

Jüdisches Leben: Positive Resonanz für Film über jüdischen Maler aus Hanau

Hoffnung machen auch Initiativen wie die von Regisseurin Isabel Gathof. Vor wenigen Monaten hat sie nach ihrem prämierten Film über den jüdischen Hanauer Maler Moritz Daniel Oppenheim ihren zweiten Film „Moritz Daniel Oppenheim macht Schule“ fertiggestellt. Im Hessischen Kultusministerium sei der Film auf sehr positive Resonanz gestoßen. Sollte Gathof Erfolg haben und der Film bundesweit an den Schulen im Unterricht eingesetzt werden, könnte er den Schülern vor Augen führen, welche Erfolgsgeschichte die jüdische Emanzipation des 19. Jahrhunderts einleitete und was das heute für uns bedeutet.

„Wie bunt ist Hanau?“: Alle bisherigen Teile unserer Serie „Wie bunt ist Hanau?“ sind nachzulesen unter hanauer.de.

(Von Jutta Degen-Peters)

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