„Gras kommt aus Spanien“: Der Bunker in Großauheim war offenbar das zentrale Lager eines europaweiten Drogenrings.
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„Gras kommt aus Spanien“: Der Bunker in Großauheim war offenbar das zentrale Lager eines europaweiten Drogenrings.

Drogenfahnder berichtet über Hintermänner

War Großauheimer Millionen-Bunker die europäische Zentrale?

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Normalerweise berichten Zeugen vor Gericht meist kurz über das, was sie wissen und beantworten dann Fragen. Im Prozess um den Drogenbunker in einer Mietgarage, in der im Mai 2020 zufällig Marihuana, Kokain und Haschisch im Schwarzmarktwert von rund 1,5 Millionen Euro gefunden worden waren, ist es etwas anders. Denn Herr B. weiß sehr viel. Sogar viel mehr, als die beiden Angeklagten Kristijan S, genannt „Kiki“ und sein mutmaßlicher Komplize Artur P. selbst wissen. Denn beide sind wegen Drogenbesitzes in großem Stil angeklagt (wir berichteten).

„Gras aus Spanien, Koks aus Holland“

Hanau - B. ist der Leiter der europaweiten Ermittlungen der Drogenfahnder in diesem Fall. Er hält einen fast 45-minütigen Monolog – und alle Zuhörer im Saal in Atem. Spätestens jetzt wird klar: Das illegale Lager an der Rodgaustraße in Großauheim ist kein kleines Rädchen, es scheint die Zentrale eines europaweiten Rings aus Kriminellen gewesen zu sein. „Das Gras kam aus Spanien, das Koks aus Holland“, sagt der Ermittler. Zwischen Altreifen seien die riesigen Mengen versteckt worden. Gehandelt wurde in Großbritannien, Dänemark und Deutschland. Also ist es doch kein so zufälliger Fund gewesen? „Wir wussten von einer Garage. Nur wir wussten noch nicht, wo sie ist.“

„Das war Fließbandarbeit“

Viele der Beteiligten waren jedoch bereits seit Anfang 2020 im Visier der Fahnder. „Wir haben aufgeschaltet“, meint B. im Fahnder-Fachjargon. Im Klartext: Die Telefonate der Beteiligten wurden zu diesem Zeitpunkt bereits abgehört. „Es wurde viel geredet, vor allem von Herrn S.“, sagt der Zeuge. Doch „Kiki“ sei nicht die Nummer eins gewesen. „Momo“ heiße der Strippenzieher im Rhein-Main-Gebiet. Er habe „Kiki“ oft Aufträge erteilt, kleinere Mengen abzupacken und an die „Zwischenhändler“ zu verkaufen -– und das Geld mitzubringen. „Es gab jeden Tag Bestellungen – das war Fließbandarbeit.“

Ermittlungen mit Europol

Zusammen mit Europol in Den Haag und seinen Kollegen in Spanien und Kroatien hat B. schnell die Informationen zusammen, dass der internationale Ring Mitte 2019 seine „Aktivitäten“ ins Rhein-Main-Gebiet verlegen wolle. Das Angebot sei laut B. ein „kompletter Potpourri“ aus Drogen gewesen – auch Hinweise auf illegalen Waffenhandel habe es gegeben. Schließlich seien auch in Hanau durch mobile Einsatzkommandos observiert worden, so der Kriminalist, der von weiteren Drogenfunden in Dänemark berichtet – und zahlreichen Hinweisen aus dem Milieu. Artur P., der zweite Angeklagte, hat bislang zu den schweren Vorwürfen geschwiegen. Am Mittwoch werden jedoch einige Indizien bekannt, die der beisitzende Richter Dr. Niels Höra digital über die großen Bildschirme im Verhandlungssaal aufbereitet.

Richter wertet die Zeitschiene aus

Denn bei P. sind bei der Festnahme zwei Handys sichergestellt und ausgewertet worden. Auf einem der Mobiltelefone ist eine Zeitschiene vorhanden – und Daten zur Lokalisierung. Die Ziffern zu den gespeicherten Längen- und Breitengraden überträgt Höra flink in das Kartenprogramm von Google. Dadurch zeigt sich: Das Smartphone ist mehrfach im Bereich Großauheim und an der Wohnadresse von P. in Kesselstadt im Einsatz gewesen. Noch mysteriöser ist der „Inhalt“ des zweiten Mobiltelefons. „Es verfügt über eine App, das über ein sicheres Netzwerk verfügt“, so der Richter. Endlose Kolonnen von kryptischen Zeichenfolgen sind zu sehen. „Es sind Daten, auf die niemand zugreifen kann“, lautet das Ergebnis. Doch die Hanauer Kripo hat es dennoch geschafft, mehrere Fotos mit sehr interessanten Motiven zu sichern. Darauf sind kleine Päckchen mit Marihuana, abfotografierte Berechnungen im fünfstelligen Kilogrammbereich sowie das Bild einer Shell-Tankstelle in Großbritannien zu sehen – mit dem Hinweis: „Das ist der Treffpunkt.“ Interessant ist schließlich, dass diese App im Dreimonats-Abonnement eine Lizenzgebühr von 600 Euro kostet.

War „Kiki“ nur ein Handlanger?

Der Angeklagte S., der bereits gestanden hat, wird an diesem Verhandlungstag jedoch auch etwas entlastet. Denn auch die Hanauer Kripo hat sich im Nachhinein sofort um „Kiki“ gekümmert.. „Er war ein Handlanger“, sagt ein Kripobeamter aus, der mehrere „V-Leute“ aus dem Drogenmilieu bei verdeckten Ermittlungen betreut. Der Prozess wird bis März fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

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