Zurzeit muss Thomas Müller die Kosten für medizinisches Cannabis zur Therapie seiner ADHS selbst zahlen. Seine Krankenkasse will die Kosten nicht übernehmen. Dagegen kämpft er nun juristisch. Symbolfoto: Pixabay

Hanau

Cannabis zur ADHS-Therapie: Hanauer klagt gegen Krankenkasse

Hanau. Thomas Müller (50) trägt den statistisch häufigsten Namen der Bundesrepublik. Doch seine Krankheitsgeschichte ist eine, wie sie unter Tausenden vielleicht einmal vorkommt. Aktuell verklagt er seine Krankenkasse, weil sie sein medizinisches Cannabis nicht zahlen will. Dabei geht es ihm auch um andere Erkrankte.

Von David Kirchgeßner

„Ich will, dass sich was verändert“, kommt Müller im Gespräch direkt zur Sache, noch bevor er Platz nimmt. Daher die Strafanzeige gegen die AOK Hessen und die zuständige Sachbearbeiterin. Das Vorenthalten der Cannabis-Therapie sei Körperverletzung.

Denn Müller hat die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die ADHS ist eine sogenannte Entwicklungsstörung bei Kindern und Erwachsenen. Ein Grundproblem für Müller ist seine ständige Aufregung. „Bei mir gilt: erst handeln, dann denken.“

Auch seine mangelhafte Risikoeinschätzung sei ein Problem. „Ich bin immer sprungbereit, reaktiv“, erklärt er, zurückgelehnt und doch nicht lässig wirkend. Er berichtet von über 15 Frakturen und zahlreichen Unfällen in seinem Leben. Daraus folgend eine Berufsunfähigkeit und eine andauernde Krankschreibung.

Die Diagnose kam erst spät

Als Kind sei er zum Pausenclown abgestempelt worden. Damals sei ADHS noch fast unbekannt gewesen. Mit 18 Jahren ging er ins Ausland, war viel in der Welt unterwegs, vermutlich auch ein Grund, warum die Diagnose so spät gestellt wurde. Erst 2013 kam die Diagnose bei einem Klinikbesuch in anderer Sache. „Ich hatte überhaupt nicht an ADHS gedacht.“

„Ich kann nur den Kopf darüber schütteln, was ich in den letzten Jahren erlebt habe.“ Nach einer Odyssee von Arztbesuchen und Behördengängen hat er nun in Hannover eine Ärztin gefunden, die seine Therapie betreut. Trifft Müller einen neuen Arzt, hat er 150 Seiten Unterlagen dabei, die wichtigsten Informationen schickt er schon vor dem Termin per E-Mail.

Laut eigener Aussage seien alle konsultierten Ärzte der Meinung: „Ja, Cannabis ist der richtige Weg.“ Denn die meisten konventionellen Medikamente könne er aufgrund von Nebenwirkungen oder Unverträglichkeiten nicht nehmen.

Die Energie der ADHS nutzen

Während viele erwachsene ADHS-Patienten Probleme haben, ihr Leben und alltägliche Dinge zu organisieren, gelinge ihm das gut. „In der Hinsicht bin ich nicht der klassische ADHSler. Ich kann organisieren – nur nicht auf Papier.“ Wenn er die Energie der ADHS nutzen kann, wird die Krankheit manchmal sogar zum Segen, sagt er. Wenn nicht, geht es ihm schlecht.

Als Animateur, Eventmanager, Reisebusfahrer, Leiter von Gruppenreisen oder als Ski- und Mountainbike-Guide ging das. Die zahlreichen Arbeitswechsel: typisch für Erwachsene mit ADHS. Doch seit einer Schlüsselbeinfraktur mit mehreren Folgeoperationen ist mit den Outdoor-Aktivitäten erst mal Schluss.

Infolge seiner Schlüsselbein-OP kam er auf Cannabis als Medizin. „Ich habe zufällig bei einem Bekannten mitgeraucht“, erzählt Müller. „Danach konnte ich richtig gut schlafen, was davor kaum ging.“ Doch die schwankende Qualität des Straßen-Cannabis und die Illegalität der Beschaffung sind für ihn ein Problem.

Selbstmedikation mit Cannabisblüten

Seit sieben Wochen führt er nun eine sogenannte Selbstmedikation mit Cannabisblüten aus der Apotheke durch. „Dadurch bekomme ich etwas, das ich so nicht in mir habe: Ruhe.“ Nach der ersten Einnahme habe er das erste Mal sieben Stunden durchgeschlafen. „Das konnte ich davor fast 20 Jahre nicht.“

Müller bekommt zwei verschiedene Cannabis-Sorten: eine für den Schlaf und die andere zur Fokussierung und Milderung der ADHS-Symptome. Etwa 14 Euro kostet ein Gramm seines medizinischen Marihuanas. Je nach Intensität der Reize und den Umständen, denen er ausgesetzt ist, braucht er etwa ein Gramm pro Tag. „Das ist teuer“, aber die kontinuierliche Qualität der Wirkstoffe sei entscheidend. So kann der 50-Jährige auch weiterhin Auto fahren. „Ich bin eingestellt, habe keine Rauschwirkung.“

Kämpferisch und engagiert

Durch den abgelehnten Antrag auf Kostenerstattung habe sich seine Situation jedoch wieder verschlechtert. Daher nun die Strafanzeige. „Bei mir gibt es nur einen Weg, und zwar vorwärts“, sagt Müller. Durch die Strafanzeige will er „Bewegung in die Sache bringen“. Abwarten sei nicht seine Art. „Es geht ja nicht nur um mich, sondern auch um andere Patienten, die nicht so viel Power haben wie ich.“

Trotz der Rückschläge bleibt er kämpferisch und engagiert auch für andere Cannabis-Patienten. In der vergangenen Woche hat er an einer Studie der Goethe-Universität in Frankfurt zu medizinischem Cannabis teilgenommen. Der Studienleiter „konnte auch nur den Kopf schütteln angesichts der Probleme bei der Arztsuche und Kostenübernahme“, so Müller.

Das wünscht sich Thomas Müller für die Zukunft

Für die Zukunft wünscht er sich, wieder ein normales und aktives Leben führen zu können. „Ich will wieder raus in die Welt, in die Berge. Auf dem Mountainbike durch die Wälder hacken.“ Vielleicht klappt es in einiger Zeit auch mit einem Teilzeitjob oder einer Selbstständigkeit, beispielsweise in der Touristik.

Ein Konzept hat er schon in Arbeit. Zunächst steht jedoch erst einmal eine Neubeurteilung der ADHS-Erkrankung an. Möglicherweise lässt sich dann auch die Krankenkasse überzeugen.

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