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Mit der Quickly ins Kino: Der Begründer und Betreiber des Museums, Walter Arbeiter, hat diese Kinokasse nachbauen lassen.

Mehr als 200 000 Exponate aus den 1950er Jahren

50er-Jahre Museum in Büdingen mit Hanauer Bezügen

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Milchbar, Musicbox, Tütenlampen und Nierentische – wer das 50er-Jahre-Museum in der Büdinger Altstadt besucht, fühlt sich von einer Sekunde auf die nächste in die Vergangenheit zurückversetzt. Beim Schlendern durch das kleine, privat betriebene Museum entdeckt man jede Menge Hanauer Bezüge.

Und man erfährt noch weit mehr im Gespräch mit dem Betreiber des Museums und Inhaber der Sammlung, Walter Arbeiter. Der 79-Jährige hat gemeinsam mit seiner 2018 verstorbenen Frau Else weit über 200 000 Exponate zusammengetragen, von der Friseurecke mit Warmlufthauben über die nachgebaute Kinokasse bis hin zum Frankfurter Bad, in dem die Nylons auf der Leine hängen.

Sammlung über vier Jahrzehnte augebaut

Vieles davon haben die beiden auf Flohmärkten und im Internet entdeckt und die Sammlung über vier Jahrzehnte ausgebaut, bis klar war, dass der Streifzug durch die 50er Jahre einem breiten Publikum in einem Museum näher gebracht werden sollte Dass es dazu kam, verdankt Arbeiter Egbert Erbe, dem Inhaber des gleichnamigen Möbelhauses in Steinheim. In den 80er Jahren griffen die Arbeiters Erbes Vorschlag auf und gestalteten im Möbelhaus unter der Glaskuppel ihre erste Ausstellung. „Damals kamen innerhalb von acht Wochen rund 60 000 Besucher“, erinnert sich Arbeiter.

In der Folge habe sich aus Mitgliedern des Freundeskreises ein Verein formiert, der bis heute Bestand hat und Träger des Museums ist. Seit gut 20 Jahren ist das Museum in Büdingen untergebracht, wo es der Stadt Jahr für Jahr an die 15 000 zahlende Besucher beschert und sich dank dieser Einnahmen sowie Spenden und Mitgliedsbeiträgen mittlerweile selbst trägt.

Hanau lehnte Museum Ende der 90er ab

Zwar ist das Haus derzeit wie alle Museen im Zuge der Corona-Epidemie geschlossen, doch kann Walter Arbeiter die Hände nicht ruhen lassen. Ihm brennt die Frage auf den Nägeln, wie es weitergeht mit seiner Sammlung. Als er 1999 eine feste Bleibe für seine Sammlung suchte, hatte er sich unter anderem auch an die Stadt Hanau gewandt und die damalige Oberbürgermeisterin Margret Härtel angeschrieben. „Am 22. April erhielt ich aus dem Rathaus eine Antwort, dass sich die Stadt, die das Museum Großauheim, das Museum im Schloss sowie Steinheim betrieb ein weiteres Museum nicht vorstellen könnte“, erinnert sich Arbeiter.

Damals war er froh, dass Büdingen ihm das Haus anbot, in dem sein Museum heute noch heimisch ist. „Alles ist leider endlich“, sagt der Senior jetzt, derzeit Erster Vorsitzender des Vereins und Trägers des Museums. Der Initiator und Motor des Vereins steht den Besuchern ganztägig als Ansprechpartner zur Verfügung. Derzeit hat der Verein 150 Mitglieder, die über das ganze Bundesgebiet verstreut sind, die meisten davon Gönner und Förderer. „Aber die Arbeit muss ja auch gemacht werden“, gibt Arbeiter zu bedenken.

Kinder unterstützen Museumsinhaber nach dem Tod seiner Frau

Seit dem Tod seiner Frau wird der Pensionär von seinem Sohn und seiner Tochter unterstützt. Die Kinder helfen gerne, doch das Museum einmal weiterführen können und wollen sie nicht. Arbeiter hätte sein Museum gerne in eine Stiftung umgewandelt. „Aber dazu hätten wir die über 200 000 Ausstellungsstücke inventarisieren müssen“, sagt er. Nur 20 Prozent sind hier in den Ausstellungsräumen zu sehen, der Rest ist teils in Themenkästen im Keller aufbewahrt. „Die Inventarisierung ist also ein hoffnungsloses Unterfangen“, so das Resümee des 79-Jährigen.

Schließlich bot er der Stadt Büdingen die Sammlung als Schenkung an, und die zeigte sich seinen Worten zufolge interessiert. Schließlich ist das Museum – eines von insgesamt sechs in der Stadt – ein touristischer Höhepunkt und belebt die Altstadt. „Durch die Gremien ist das Ganze allerdings noch nicht“, gibt er zu bedenken. Die bislang gefundene Lösung sieht vor, dass die Stadt für den Fall der Auflösung des Vereins das Museum so lange weiterführt wie möglich.

Sammlung ist geschätzt rund 350 000 Euro wert

In finanziell klammen Zeiten müsse die Sammlung notfalls aufgeteilt werden, habe es geheißen. Ein für Arbeiter nicht rundum zufriedenstellender Vorschlag. Er will sichergehen, dass die Sammlung mit einem geschätzten Wert von rund 350 000 Euro in Gänze erhalten bleibt. Die Geschichte des Museums begann einst damit, dass seine Frau Puppen sammelte und er sich Sanduhren und Postkarten verschrieben hatte.

Als der ehemalige Leiter einer Druckerei in Offenbach eines Tages auf einem Flohmarkt eine alte Blecheisenbahn entdeckte, ähnlich der aus seinen Kindertagen, war es um ihn geschehen. „130 Mark habe ich damals für das gute Stück bezahlt“, sagt er. Seine Frau habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „Die Eisenbahn kam in eine Vitrine, von da an füllte sich Zimmer um Zimmer mit den erstandenen Raritäten.“ Von der Politik ist Arbeiter enttäuscht. „Sie waren alle schon hier und äußerten ihre Begeisterung, Peter Tauber, Bettina Müller, Lucia Puttrich und die Landräte der Region. Doch am Ende hat uns keiner wirklich geholfen“, ärgert sich Arbeiter.

Wirtschaftswunderjahre zum Anfassen

Dabei waren die 50er Jahre die Geburtsstunde des Grundgesetzes und politisch wie gesellschaftlich prägend. Einen besseren Anschauungsunterricht für die Wirtschaftswunderjahre gibt es kaum. In der Küche des Museums sind auf den glatten Küchenmöbeln mit den buntlackierten Oberflächen die Maschinen aufgebaut, die für den Wandel im Haushalt und die einhergehende Arbeitserleichterungen stehen: Erst bekam der Fleischwolf ein modischeres Design, dann wurde er von der Küchenmaschine abgelöst.

Das Reinigen des Geschirrs erledigte auf einmal für den, der sich’s leisten konnte, die Geschirrspülmaschine von Miele Rezeptbücher warben damit, dass Frau ihren Liebsten nach besten Kräften verwöhnen durfte, dem sie sich mit selbst eingedrehter Lockenpracht am Abend nach getaner Arbeit liebevoll widmen sollte.

Archiv ist über 1000 Quadratmeter groß

„In einem 1100 Quadratmeter großen Archiv - hier läuft der Mietvertrag 2025 aus - haben wir über 1000 Themenkisten stehen zu den Themen Schule, Landwirtschaft oder Liebe. „Ein nackter Busen auf der Titelseite einer Illustrierten war damals undenkbar“, schmunzelt Arbeiter. Schüler amüsierten sich sehr darüber, wenn sie das Museum besuchten.

Kaum glauben könnten sie auch, auf welch‘ beengtem Raum die Großeltern einst gelebt und wie winzig die Bäder gewesen seien. Auf knapp vier Quadratmetern können die Besucher das im Museum ebenso nachempfinden, wie sie im Kolonialwarenladen mit Erbswurstsuppe von Knorr, Soleiern oder Haarcreme der Marke Brisk in vergangene Zeiten versetzt werden. Wenn nicht gerade Coronakrise herrscht, lässt sich das alles hautnah erfahren: Denn im Museum sind auch Feiern möglich. Die Milchbar wird etwa gerne für Geburtstags- oder Firmenfeste genutzt. Dann können die 50er Jahrgänge vor den bunten Plastiksesseln Musik von Elvis Presley hören. An Sonntagen ist die Milchbar sogar geöffnet.

Allerdings geht ohne Anmeldung nichts. Hanauer, die noch die zwei Milchbars am Freiheitsplatz kennen – die Milchbar Pinguin, in der sich die Realschüler aufhielten und die Milchbar neben der heutigen Hofapotheke, Tummelplatz der Holaner – haben dort mit Sicherheit bereits gefeiert oder zumindest das Museum besucht.

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