Trauer um den gläsernen Sarg: Schneewittchen scheint tot zu sein. Die Zwerge, die wunderbar drollig und einzigartig daherkommen, wollen es nicht glauben. Foto: Axel Häsler

Hanau

Brüder-Grimm-Festspiele: "Schneewittchen" feiert Premiere

Hanau. „Wenn ich das Wort noch einmal höre, dann platzt mir die Mütze!“ – Torwald ist stinksauer. Hinter ihm stehen sechs weitere, gar drollige, rastabärtige Zipfelmützler. Doch wenn sie „das Wort“ hören, verstehen sie keinen Spaß. Beleidigend sei es, gar diskriminierend.

Von Kerstin Biehl

„Was spielt unsere Körpergröße für eine Rolle? Andere Märchen kommen auch ohne Größenangabe aus!“, finden die bunten Gesellen und bringen die Amme Irmgard für kurze Zeit in Bedrängnis. Eine Umbenennung fordern sie und damit einen neuen Titel für das Märchen. „Wir sind keine Zwerge! Wir sind Bergmänner!“. Doch die Amme bleibt standhaft: Das Märchen, das sie in den folgenden zwei Stunden erzählen wird, behält seinen Namen: Schneewittchen und die sieben Zwerge. Am Samstagabend feierte das Stück vor vollen Rängen Premiere bei den Brüder-Grimm-Festspielen.

Hilfe von den sieben Zwergen

In dem Buch von Stephan Lack, der damit den diesjährigen Autorenwettbewerb der Festspiele gewann, erzählt Irmgard mit Hilfe der sieben Zwerge die Schneewittchen-Geschichte. Dabei lässt sie die kleinen Kumpel immer wieder in neue Rollen schlüpfen. Etwa in die, von König Gregor (Werner Tritzschler), der über die Geburt seiner Tochter, „mit einer Haut weiß wie Schnee, Lippen rot wie Blut und einem Haar schwarz wie Ebenholz“ überglücklich ist.

Im Groben orientiert sich die Festspieladaption an dem Grimm'schen Original: Als die Königin stirbt, ist Gregor untröstlich, gibt sein Kind in die Hände der Amme und geht für viele Jahre auf Reisen. Marina Lötschert spielt Irmgard, die Amme, und erobert mit ihrer bezaubernden Stimme, ihrer enormen Bühnenpräsenz und großen Spielfreude die Herzen des Publikums.

Als der König von seinen Reisen zurückkehrt, ist aus seinem Schneewittchen (Rebekka Reinholz spielt ihre Rolle überzeugend) ein junges, bildhübsches Mädchen geworden. Doch der Vater kommt nicht alleine. Dabei hat er Königin Eleonore, alias Carolin Sophie Göbel. Und die bekommt, als sie die Bühne betritt, noch bevor sie überhaupt ein Wort gesprochen hat, Szenenapplaus. Ihre Energie ist beeindruckend. Absolut überzeugend mimt sie die sich in ihrer Schönheit bedroht fühlende Eleonora.

Das Dilemma beginnt

„Deine Schönheit wird alle blenden. Du bist die Schönste im ganzen Land“, haucht ihr der verliebte, weil verzauberte König hin, verbessert sich aber gleich, als sein Blick auf Schneewittchen fällt: „Ihr beiden seid die Schönsten im ganzen Land.“ Und damit nimmt das Dilemma seinen Lauf. Schönheit nämlich ist für Eleonora das höchste Gut. Der einseitige Konkurrenzkampf um Äußerlichkeiten ist entfacht und der Zorn der Königin, die in Wahrheit eine böse Hexe ist, freigelassen.

Als geniales Element hat Autor Lack einen besonderen Zauberspiegel ins Stück geschrieben. Er ist es, der im weiteren Verlauf der Hexe zum Verhängnis wird. In der Lack-Adaption ist er weit mehr als eine reflektierende Glasfläche. Vielmehr öffnet er sich, an der oberen Etage der Bühne angebracht, per Schiebetüren.

Zum Vorschein kommt der mächtige Verbündete der Königin. Mitunter sympathisch schelmenhaft, als lebende Figur (Michael Gaschler), in ein silbernes Kostüm gekleidet, stets mit einem ebenfalls silbernen Fächer wedelnd und entsprechend hell beleuchtet. Kostüm- und Maskenbilderinnen Ulla Röhrs und Wiebke Quenzel beweisen hier, wie auch bei den anderen Darstellern, einmal mehr ihr Können: Beide haben ihre Arbeit wunderbar gemacht.

Entscheidende Frage der Königin

Mit hallender Stimme gibt der Spiegel das Geschehen, über das er befragt wird, wieder. Dabei stellen die Nachgefragten die Szenerie in Gebärdensprache dar. Und er informiert, stellt die Königin ihm die entscheidende Frage, ausdauernd über die Landesschönheit. „Ihr seid die Schönste… aber Schneewittchen ist noch tausendmal schöner als ihr . . . abgerundet.“

Der Abend ist voll von diesen netten kleinen Witzen, die dem Stück wunderbar zu Gesicht stehen und die auch Kinder verstehen dürften.

Die Handlung wechselt zwischen Schloss, Wald und Zwergenhaus – die Drehelemente der Bühne kommen dabei geschickt zum Einsatz, gefallen optisch wie technisch. Bühnenbildner Tobias Schunck versteht es zudem, die Szenerie mit verschiedenen Details, wie einem überdimensionalen Apfelbutz oder einzelnen, im Bühnenboden stehenden Blümchen, die von Schneewittchen gepflückt werden, zu bereichern.

Eine arrangierte Hochzeit mit einem Mini-Prinzen (ein wild wuselnder Fabian Baecker gefällt in der Rolle gut) bringt Schneewittchen schließlich dazu, in den Wald zu fliehen („Ich heirate nur aus Liebe!“). Fliehen muss sie auch, weil die Königin befiehlt, sie töten zu lassen. So kommt sie, nachdem sie diverse Begegnungen mit anderen grimmschen Märchenfiguren hat – hervorzuheben ist hier der Auftritt von Annalisa Stephan, die als hessisch babbelndes Rotkäppchen überzeugt – zum Haus der sieben Zwerge.

Einstieg in eine wunderbare Freundschaft

Ihre Bemerkung „Ihr seid ja gar nicht so haarsträubend hässlich, wie ich mir Zwerge vorgestellt habe“, ist der Einstieg in eine wunderbare Freundschaft, wenngleich sie etwas holprig beginnt. „Wir sind eine gleichgeschlechtliche WG und Arbeitskollegen und arbeiten in einem Erzbergwerk“, stellen die Zwerge klar. Lack hat jedem einzelnen seinen ganz eigenen Charakter zugeschrieben. Aus Erzbergwerk macht Schneewittchen, nachdem sie die Zwerge bittet, das Wort zehnmal hintereinander zu sagen, Erdbeerzwerg und sorgt damit für viele Lacher.

Eleonora versucht unterdessen, den König mit Gift zu töten und braut selbiges auch fürs Schneewittchen. Ihre Verzweiflung, als die Lage für sie mehr und mehr aussichtslos erscheint, stellt Göbel sehr überzeugend dar. Als gruselige Hexe mit gar schaurigen Händen startet sie ihren ersten Versuch, ihre Schönheitsrivalin zu töten – es bleibt beim Versuch.

Unterdessen trifft der Prinz im Schloss ein, deckt auf, dass Königin Eleonora in Wahrheit eine böse Hexe ist, stellt klar, dass er (ebenfalls) „nur aus Liebe!“ heiraten wird, und sicher keine „Prinzessin mit so einer Pigmentstörung“ und begibt sich auf Hexenjagd.

Revanche Nummer fünf

Für ihre toxikologische Untat ist sich Eleonora zwischenzeitlich sicher, ein todsicheres Rezept – Revanche Nummer fünf – in dem beeindruckenden Hexenkessel, der auf der Bühne blubbert und raucht, gebraut zu haben. Die Zutat: Das Haar eines Ehebrechers aus der dritten Reihe.

Der Spiegel gibt sich unterdessen genervt, will nicht länger das Werkzeug böser Machenschaften sein: „Boah, die Alte geht mir so auf den Fächer!“ Am Ende wird Eleonora hinter das Glas des Spiegels gebannt, Schneewittchen heiratet den Mini-Prinzen „aus Liebe“ und wenn sie nicht gestorben sind . . .

Das diesjährige Schneewittchen-Stück ist eine flotte Inszenierung, gespickt mit reichlich Humor, mit durchweg überragenden Schauspielern unter denen vor allem die Amme und Eleonora herausstechen. Regiesseur Lajos Wenzel versteht es, die Akteure zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen und sie vortrefflich harmonieren zu lassen. Trotz kindgerechter Erzählung beinhaltet das Stück aktuelle Themen wie Diskriminierung und Schönheitswahn, bleibt dabei aber immer unterhaltsam und kurzweilig.

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