Geschafft: In der August-Schärttner-Halle wird die 84-jährige Hanauerin im Beisein ihrer Tochter auf ein Feldbett gehoben. Die Einsatzkräfte um Auth verabschieden sich danach und jene in der Halle übernehmen die Betreuung. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Bombenfund: Wir haben drei Rettungskräfte begleitet

Hanau. Eigentlich hätte Steffen Auth am Freitag in seinem Garten gearbeitet. Doch aus dem Urlaubstag im Grünen wurde nichts. Am Donnerstagnachmittag bekam der 35-Jährige über Funk die Information: Bombenfund in Hanau, erste Einsatzbesprechung um 19 Uhr, Evakuierung am Freitagmorgen.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Und so stand der ausgebildete Notfallsanitäter, der haupt- und ehrenamtlich fürs Deutsche Rote Kreuz/Kreisverband Gelnhausen-Schlüchtern im Einsatz ist, um 6.15 Uhr an der Rettungswache Bad Orb Gewehr bei Fuß, um gemeinsam mit anderen Rettungskräften nach Hanau zu fahren. Treffpunkt: Gefahrenabwehrzentrum.

Kurz nach 8 Uhr hat Steffen Auth einen Becher Kaffee in der Hand. Am Tisch nebenan gibt’s belegte Brötchen. Letzte Stärkung. Gleich soll es losgehen. Die Rettungswagen stehen in Reih’ und Glied. Mehr als 100 Männer und Frauen sind da, alle Ortsvereine – von Sinntal bis Maintal – haben Personal geschickt: Deutsches Rotes Kreuz und Johanniter, Malteser und ASB.

Mehr als 100 Rettungskräfte waren im Einsatz

Wie die Rädchen eines Uhrwerks greift hier eines in das andere. Am Abend haben sich etwa 30 Menschen über die Hotline der Stadt Hanau gemeldet, die Hilfe brauchen, weil Angehörige nicht gehen können, krank oder bettlägerig sind. Am Morgen hat sich die Zahl bereits verdoppelt. Letztlich sind es 75 Einsätze, die die Rettungskräfte fahren müssen. Wer nicht in der Evakuierungszone unterwegs ist, tut Dienst in der August-Schärttner-, der Willy-Rehbein- oder der Mehrzweckhalle Mittelbuchen, wo die Evakuierten bis zur Entschärfung betreut werden müssen – mit Getränken und Essen und dem einen oder anderen aufmunternden Gespräch.

Auth arbeitet seit 2003 im Rettungsdienst, es ist seine erste Evakuierung aufgrund eines Bombenfunds. Dem Bad Orber zur Seite stehen an diesem Morgen zwei ehrenamtliche Kräfte: die 20-jährige Pauline Dahlke aus Linsengericht und Matthias Christ aus Gelnhausen. Christ, der zuletzt bei der Evakuierung in Frankfurt im Einsatz war, ist hauptberuflich Lehrer für Biologie und Chemie, hat sich am Morgen telefonisch vom Dienst abgemeldet – für das Ehrenamt, für die gute Sache.

Im Wohngebiet herrscht gespenstische Stille

Die drei warten am KTW-B, einem Krankentransportwagen, der normalerweise im Katastrophenschutzfall eingesetzt wird. Das Funkgerät meldet sich. Auth wird in die Zentrale gerufen, bekommt seinen Auftrag: Liegendtransport aus der Langen-Bergheimer Straße in die August-Schärttner-Halle. Ein Angehöriger wird dabei sein. Es ist kurz vor 9 Uhr. Christ nimmt am Steuer Platz, sein Kollege neben ihm. Dahlke, die seit zweieinhalb Jahren ehrenamtlich beim DRK arbeitet, hinten. Anschnallen. Und los.

Die Straßen sind bereits gesperrt, die Polizei winkt den KTW durch. Im Wohnviertel herrscht gespenstige Stille. Polizei ist zu sehen. Christ parkt vor dem Haus. Ein zweiter Wagen parkt dahinter. Es sind laut Transportbefehl noch weitere Bewohner im Haus, die sitzend in die Schärttner-Halle gebracht werden müssen. Indes steuert ein Nachbar, der nicht auf Hilfe angewiesen ist, seinen Wagen aus der Garage. „Wir fahren jetzt in die Stadt; Kaffee trinken und danach gleich noch Mittag essen“, sagt seine Frau und lacht.

Helfer mit Herz und Geduld

Auth und Christ klingeln. Der Empfang ist wenig herzlich, aus Unwissenheit, aus Angst um die Angehörige. Die 84-Jährige hatte vor mehr als zwei Jahren einen Schlaganfall, ist halbseitig gelähmt und schwer pflegebedürftig. Wie wird sie umgelagert, will die Tochter wissen. Wie hingebracht? Wie wird sie in der August-Schärttner-Halle versorgt? Und überhaupt: Wie lange dauert das Ganze – und wann dürfen sie wieder nach Hause?​

Auth und Christ lassen sich nicht aus dem Konzept bringen, bewahren Ruhe – und können die Angehörigen schließlich überzeugen. 9.35 Uhr tragen vier Männer die Frau in einem Tuch nach draußen, lagern sie auf der Liege des KTW. Die Tochter fährt mit, die Angehörigen – mit dem Großvater – im Auto hinterher. Dann geht’s Richtung Schärttner-Halle. Die Fahrt dauert drei Minuten. Im Wageninneren redet die Tochter leise mit ihrer Mutter. „Alles gut, sagt Matthias Christ im Gespräch mit unserer Zeitung, „manchmal dauert ein Transport länger, manchmal geht’s schneller. Man muss einfach ruhig bleiben.“

40 Menschen warten in der Schärttner-Halle

In der August-Schärttner-Halle sind bereits zehn bis 15 Liegendtransporte angekommen, bis Mittag werden es 40 Menschen sein, 80 weitere warten in Mittelbuchen auf das Ende der Evakuierung, ein einzelner Mann ist in der Willy-Rehbein-Halle in Klein-Auheim untergebracht.

Die alte Dame wird in die Halle gebracht. Ein Ehrenamtler trägt die Bettwäsche. Steffen Auth und sein Team heben die 84-jährige auf das Feldbett. „Dürfen wir uns verabschieden“, fragt der 35-Jährige freundlich. Er meldet sich jetzt frei und zum nächsten Transport bereit – und nach der Evakuierung bringt er die alte Dame vielleicht wieder nach Hause. Und am Samstag? Da wartet die Gartenarbeit!

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