Der Angeklagte muss für zwölf Jahre in Haft (Symbolbild).

Hanau

Bluttat in Hanau: Angeklagter muss zwölf Jahre in Haft

Hanau. Mostafa A. (22), der seine hochschwangere Schwester Ramia erstochen hat,wurde gestern vom Landgericht wegen Totschlags zu zwölf Jahren verurteilt. Die Kammer machte klar, dass er haarscharf an einer lebenslangen Freiheitsstrafe vorbeigekommen sei.

Von Dieter A. Graber

Der Begriff des Ehrenmordes kommt im Strafgesetzbuch nicht vor. Er ist eher umgangssprachlicher Natur. Er bezeichnet die Tötung eines Familienmitglieds als „Strafe“ für eine vermutete Verletzung von Verhaltensregeln. Er ist eine Form der Gewalt, die sich fast ausnahmslos gegen Frauen richtet und vor allem im Mittleren Osten, aber auch in Süd- und Zentralasien vorkommt.

Gericht über den Tatzeitpunkt:  "Eine aufgeladene Situation" 

Die grausame Bluttat vom 7. Januar 2016 im Haus Freigerichtsstraße 10 hätte, so Richter Peter Graßmück in seiner klugen Urteilsbegründung, durchaus auch unter dem strafrechtlichen Aspekt eines Mordes gesehen werden können: Eine Tat aus „niedrigen Beweggründen“ nämlich.Die liegen vor, wenn das Motiv nach „allgemeiner sittlicher Würdigung auf tiefster Stufe“ steht, so der Bundesgerichtshof (Az.: 1 StR 272/52). Darüber, wo diese „tiefste Stufe“ beginnt, sind sich Rechtsgelehrte freilich nicht immer einig. „Ehre spielte in diesem Fall eine gehörige Rolle“, konstatierte der Vorsitzende.Gleichwohl legte die 1. Große Strafkammer im Fall von Mostafa A. ein Totschlagsdelikt zugrunde. Sie hält dem Angeklagten zugute, dass es „eine aufgeladene Situation“ gewesen sei, in der er, mit seiner Rolle als Familienoberhaupt überfordert, „impulsgesteuert“ gehandelt habe. „Aufgestaute Aggressionen“ hätten sich da entladen.

Ehemann des Opfers spielte "tragische Rolle" bei der Tat

Tatsächlich legt der Ablauf der Geschehnisse an jenem verhängnisvollen Abend eine unbeabsichtigte Eskalation nahe. Richter Graßmück betonte zudem, dass Ayman A., der Ehemann des Opfers, eine tragische Rolle dabei gespielt habe. Er wollte Ramia loswerden, die ihm überhaupt erst den Weg nach Deutschland ermöglicht und ihn mit Geld unterstützt hatte. Durch seine Provokationen habe er die kritische Situation förmlich heraufbeschworen.

15-mal brutal auf die Schwester eingestochen 

Trotzdem hätte die Kammer auch für einen Totschlag auf eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erkennen können, nämlich dann, wenn es sich, wie es in Paragraph 212 heißt, um einen „besonders schweren Fall“ handelte. Darüber muss die Kammer lange beraten haben. Oberstaatsanwalt Jürgen hatte dieses Strafmaß gefordert vor dem Hintergrund der grausamen Begehungsweise: Mostafa A. hatte 15-mal auf seine Schwester eingestochen, ihr den Kehlkopf aufgeschnitten und die Schlagader durchtrennt. Die junge Frau war in der 23. Woche schwanger; das lebensfähige Kind wog bereits 532 Gramm. Mostafa A. wurde dafür auch wegen eines Schwangerschaftsabbruchs verurteilt.

Dass er schließlich doch um die höchste Strafe herum kam, die ein deutsches Gericht aussprechen kann, mag auch den Gewalterfahrungen geschuldet sein, die der Angeklagte in seiner Heimat Syrien erlebt hatte und die ihm das Gericht zugutehielt.

Bruder erhält neun Monate wegen Körperverletzung

Mit gesenkten Köpfen hörten die Brüder ihr Urteil. Mostafas Bruder Mohammad (26) bekam neun Monate wegen Körperverletzung. Er hatte seinen Schwager Ayman A. im Streit geschlagen und gewürgt. Die Tatbeteiligung von Mohammad A. konnte letztlich nicht mehr völlig geklärt werden. So waren Blutspritzer von Ramia an seinen Schuhen festgestellt worden; ein Hausbewohner hatte ausgesagt, die beiden Brüder seien gemeinsam vom dritten Stockwerk, dem eigentlichen Tatort, nach unten gelaufen. Letztlich konnte er jedoch nur für den Angriff auf Ayman A. verurteil werden, bei dem dieser immerhin erhebliche Kopfverletzungen und Würgemale erlitten hatte.

Nach der Tat seelenruhig Tee getrunken

Bemerkenswert sei auch das Verhalten der Beteiligten nach der Tat gewesen, meinte der Richter. Bei einem Bekannten habe man zunächst seelenruhig Tee getrunken, um sich dann mit einem Taxi nach Trier fahren zu lassen, wo ein Verwandter die beiden für ihre weitere Flucht mit Geld versorgte.

„Über das Opfer hat sich keiner Gedanken gemacht“, sagte er. Die beiden seien völlig ungerührt gewesen, so der Taxifahrer im Zeugenstand, als sie auf dem Weg zur Autobahn noch einmal an der Freigerichtstraße vorbei kamen, wo inzwischen die Polizei das Haus Nr. 10 abgesperrt hatte.

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