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Spezialisten der Spurensicherung sind bis in die frühen Morgenstunden in der Innenstadt damit beschäftigt, den Ablauf der blutigen Ereignisse zu rekonstruieren und Beweise zu sammeln.

Ermittler rätseln über das Motiv

Blutspuren vom Freiheitsplatz bis zum Klinikum: Vier Schwerverletzte, zwei Festnahmen

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Ein Hubschrauber der Polizeifliegerstaffel aus Egelsbach kreist über der Hanauer Innenstadt. Es ist Dienstag, 22.30 Uhr. „Es sind unzählige Streifen im Einsatz, überall Blaulichter. Da ist wieder irgendwas Schlimmes passiert“, meint ein Augenzeuge, der an der Fahrstraße die Szene beobachtet.

Sofort werden düstere Erinnerungen an den 19. Februar wach, den Abend, an dem Tobias R. zehn Menschen in Hanau ermordete. „Mehrere, zum Teil schwer verletzte Menschen sind in die Notaufnahme des Klinikums gekommen“, sind die ersten gesicherten Informationen. Zunächst ist von zwei, dann von vier Opfern die Rede. Und von Stich- und Kopfplatzwunden. Die Situation ist zunächst unübersichtlich. „Wir fahnden derzeit nach mehreren Männern“, gibt Polizeipressesprecherin Andrea Ackermann um kurz vor 2 Uhr bekannt. 

Die Zahl der Täter werde auf „fünf bis sieben“ geschätzt. Sie sollen „Passanten“ mit Messern und Metallstangen angegriffen und verletzt haben. „Die Täter sollen fast alle Vollbärte tragen.“ Die Bürger, die wach sind oder durch die Rotorgeräusche des Helikopters geweckt wurden, machen sich Sorgen – wer kann es ihnen verdenken? So stehen in dieser Nacht die Telefone in den Einsatzzentralen nicht still. Besorgte Menschen erkundigen sich bei den Behörden. 

Zeugen brachten Ermittler auf die richtige Spur

Zum Großaufgebot der Polizei gehören auch zahlreiche Teams der Spurensicherung. Es ist ein sehr großer Tatortbereich, der sich vom Freiheitsplatz über die Hirsch- und Rosenstraße bis vor das Krankenhaus an der Leimenstraße zieht. Dort, auf dem Parkplatz, werden vermeintliche Tatwaffen eingesammelt – darunter auch eine lange Stange – zahllose Blutspuren gesichert und dokumentiert. Die Spurensuche dauert bis tief in die Nacht. Um kurz vor 8 Uhr dann die erste positive Meldung: Den vier Verletzten im Alter zwischen 17 und 26 Jahren gehe es den Umständen entsprechend gut. Ein Opfer, das zunächst in Lebensgefahr schwebte, sei vom Team der Intensivstation am Klinikum gerettet worden. Die Opfer stammen aus Syrien, Irak und Albanien. 

Und noch ein rascher Erfolg: Aufmerksame Zeugen haben die Fahnder offenbar auf die richtige Spur gebracht. Zwei der mutmaßlichen Täter im Alter von 23 und 29 Jahren werden im Morgengrauen festgenommen. Die aus Syrien stammenden Männer schweigen zu den schweren Vorwürfen – sie werden zunächst im Gewahrsam der Polizei eingesperrt. 

Oberstaatsanwalt Dominik Mies: Persönlicher Konflikt sei naheliegend

Die Hintergründe für das blutige Geschehen sind noch nicht vollständig geklärt, aber Oberstaatsanwalt Dominik Mies hat bereits einen starken Verdacht: „Wir gehen momentan davon aus, dass es sich um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen handelt“, sagt der Pressesprecher der Anklagebehörde am Nachmittag dem HA. „Die Ermittlungen laufen weiter auf Hochtouren.“ Es werde jedoch nicht mehr nach etwaigen Mittätern gefahndet. „Wir haben zudem keine Hinweise darauf, dass es sich um wahllose Angriffe handelt.“ 

Ein Motiv, das möglicherweise in einem persönlichen Konflikt liege, sei naheliegend. Dass der blutige Streit zwischen den Männern an einem Imbissstand auf dem Freiheitsplatz ausgelöst worden sei? Reine Spekulation. „Es deutet auch nichts auf einen Zusammenhang mit dem Amoklauf am 19. Februar hin. Ebenso gibt es keinerlei Hinweise auf einen terroristischen, politischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund“, so Mies weiter. Der Oberstaatsanwalt berichtet weiter, dass die beiden Verdächtigen am heutigen Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden sollen. Mies bittet zudem zur Aufklärung der Verbrechen um weitere Hinweise an die Polizei. „Personen, die vor 22 Uhr im Bereich Freiheitsplatz, Rosenstraße und Klinikum Beobachtungen gemacht haben, werden um Mitteilungen gebeten.“ 

Claus Kaminsky äußert sich zu dem Angriff

Oberbürgermeister Claus Kaminsky nimmt am Nachmittag ebenfalls Stellung zu den jüngsten Verbrechen: „Ich wünsche den Verletzten rasche Genesung und bedanke mich bei der Polizei für die bis hierhin schon geleistete Arbeit, die hoffentlich schnell weitere Klarheit in den Fall bringen wird“, heißt es in einer Pressemitteilung. 

„Dass es Menschen gibt, die sich wegen dieser Geräusche tief beunruhigt an die rassistischen Terrormorde vom 19. Februar erinnert fühlen, kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Es ist unbestreitbar gestern Abend zu einer schrecklichen Tat gekommen, und sie trifft unsere Stadt in einer ohnehin schwierigen Zeit“, so der Rathauschef weiter laut Mitteilung. Allerdings schränkt Kaminsky ein, dass es „den schrecklichen Ereignissen vom 19. Februar nicht gerecht wird, wenn jede Straftat in der Stadt in diesen Zusammenhang gestellt werden würde“.

Informationen Sachdienliche Hinweise von Zeugen nimmt die Kriminalpolizei Hanau unter der Telefonnummer 0 61 81/ 10 01 23 entgegen.

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