Ofenfertig wie dieses Exemplar waren die Tiefkühl-Hähnchen noch nicht, als sie der Franzose fand und mitnahm. Archivfoto: Pixabay

Hanau

"Blick zurück": Franzose sackte vor 50 Jahren Hähnchen ein

Hanau. Wie Gott in Frankreich wähnte sich vor über 50 Jahren sicher ein Franzose, der zwischen Großauheim und Wolfgang unterwegs war. In einem Gebüsch entdeckte Herbert Roland S. vier große Kisten. Beim Blick hinein staunte er nicht schlecht.

Von Christian Dauber

In einer Kiste fand sich Kaffee, in einer zweiten lagen Schinken, und gleich zwei der Kisten waren randvoll mit tiefgekühlten Hähnchen. „Nehm' ich“, muss der Franzose gedacht haben – und sackte den Glücksfund ein. Vielleicht hatte er schon ein Rezept für einen „coq au vin“ im Sinn. Statt am Herd stand er aber dann vor Gericht. Wir blicken heute zurück auf den kuriosen Fall, über den wir vor exakt 50 Jahren berichtet haben.

Der Mann war damals am Rande des Exerzierplatzes unterwegs, dort auf dem Campo Pond, wo heute die Wildpferde ihre Heimat haben. Das Gebiet zwischen Auheim und Wolfgang wurde ab etwa 1908 für Truppenübungen genutzt, nachdem dafür Waldbestände abgeholzt worden waren. Für die Großauheimer war der Platz zu dieser noch kriegsbegeisterten Zeit eine Attraktion. Sie zahlten sogar 20 Pfennige, um den Soldaten in ihren ausgehobenen Schützengräben bei der Arbeit zuzuschauen. Später nutzten die Amerikaner den Platz. Und hier kommt der Franzose Herbert Roland S. wieder ins Spiel.

In Frankreich nicht strafbar

Denn: Die Lebensmittel, die er fand, an sich nahm und gemeinsam mit Helfern weiterverkaufte, waren natürlich nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie gehörten den amerikanischen Soldaten. Das wusste er nicht. Und überhaupt: „Bei uns in Frankreich braucht man Lebensmittel, die man auf der Straße findet, nicht abzuliefern“, gab der 35-jährige Monteur zu Protokoll. „Im Brustton der Überzeugung“, hieß es im HA-Bericht. „Warum ist das in Deutschland nicht auch so?“, fragte er sich.„Nun, daß in Deutschland Fundunterschlagung strafbar ist, darüber wurde der Franzose von Staatsanwalt Dr. Ziegler und der Gerichtsvorsitzenden, Amtsgerichtsrätin Freutel, nachdrücklich belehrt“, schrieb der HA. Der Finder habe nicht daran gedacht, ehrlich zu sein, da Funde in seinem Heimatland ja nicht abzuliefern seien. „Er rief vielmehr den Mitangeklagten Peter H. herbei, damit dieser mit seinem Kraftfahrzeug die Lebensmittelkasten in Sicherheit brächte. Für diese Freundestat erhielt er zwei der gefrorenen Hühner ausgehändigt“, berichtete unsere Zeitung vor 50 Jahren weiter.

"Flotten Lebensmittelhandel" organisiert

In der Folge hätten der Franzose und seine Helfer einen gemeinsamen „flotten Lebensmittelhandel“ organisiert – der mit dem Erfolg floriert sei, dass Kaffee und Hähnchen schnell vergriffen gewesen seien. Doch eines machte Probleme: der Schinken. Den wollte offenbar niemand haben. „Da verfiel der Franzose auf die rettende Idee, den Schinken als Schinken aus Dänemark, geliefert von seinem Onkel, anzupreisen.“Genau der Schinken war es letztlich, der Händler und Kunden auf die Anklagebank des Schöffengerichts brachte. Herbert Roland S. wurde der „Fundunterschlagung und Zollhinterziehung“ bezichtigt, sein Assistent der „Steuerhinterziehung, Hehlerei und Begünstigung“. Die beiden Kunden wurden laut damaligem Bericht der „Sachhehlerei“ beschuldigt. Denn die beiden Händler hätten nicht bedacht gehabt, dass ausländische Ware verzollt werden müsse, bevor sie dem deutschen Markt zugeführt werden dürfe.

Kisten nicht vom Himmel gefallen

Für den 35-jährigen französischen „Hühnerdieb“ und seine Helfer ging der Gerichtsprozess damals glimpflich aus. „Das Gericht zeigte sich großmütig. Wegen Geringfügigkeit und wegen des Fehlens eines öffentlichen Interesses wurde das Verfahren gegen die vier bisher nicht vorbestraften Angeklagten eingestellt“, hieß es.Offen blieb die Frage, wie denn die Kisten mit Lebensmitteln überhaupt in das Gebüsch am Wald gekommen waren – „(...) daß sie vom Himmel gefallen waren, wagte selbst der trotz aller Sprachschwierigkeiten nicht auf den Mund gefallene Hauptangeklagte nicht zu behaupten.“In diesem Sinne: Wenn Ihnen im Wald mal ein Hähnchen vor die Füße fällt – überlegen Sie lieber zweimal, wem es gehören könnte.

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